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Verschnaufpause nach dem Abenteuer: Zu hause in Schongau erholen sich Hannes Wirtl und Graziella Capozza-Wirtl von der fahrt nach Kalabrien. Auch die Ape hat sich eine Pause verdient.

2400 Kilometer mit drei PS

Unterwegs mit der Ape: Im Melonenbomber bis nach Kalabrien

Schongau - 2400 Kilometer mit maximal Tempo 50: Hannes Wirtl und seine Frau Graziella Capozza-Wirtl sind mit ihrem italienischen Melonenbomber von Schongau bis nach Süditalien gefahren. Acht bis zehn Stunden pro Tag waren sie unterwegs – zu zweit, auf einer kleinen Sitzbank. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Reise.

Ein weiter Weg: Die Route des Paares.

Auf der Piazza in Santa Severina, der süditalienischen Heimat von Graziella, sind sie die Attraktion: Mit Sondergenehmigung fahren sie auf den Dorfplatz, die Feuerwehr fährt die Leiter hoch um die Sensation aus luftiger Höhe für die Ewigkeit im Bild festzuhalten. So etwas hat man in Kalabrien noch nicht gesehen. Ein Melonenbomber aus Deutschland hat es bis hierher geschafft! Für einen Italiener ist das in ungefähr so, wie mit dem Dreirad von München nach Hamburg – schlichtweg unfassbar.

„Man muss das erklären“, greift Hannes Wirtl dieser verrückten Geschichte vor. „In Italien lädt man alles auf die Ladefläche auf und fährt mit der Ape von seinem Haus in die Campagna.“ Das ist so etwas wie ein Schrebergarten, auf dem der Italiener ein paar Oliven, Tomaten und Salat für den Eigenbedarf anbaut und ein paar Tiere hält. Maximal drei bis vier Kilometer traut man der Ape zu – kein bisschen mehr. Schließlich läuft der kleine Transportwagen maximal mit Tempo 50 – und das ewige Leben wird ihm nicht nachgesagt.

Ein bisschen verrückt muss man also sein, um überhaupt auf die Idee zu kommen: Mit einer Piaggio-Ape – weitläufig bekannt als Melonenbomber – von Schongau über den Brenner bis nach Kalabrien und zurück. Hannes Wirt und seine Frau Graziella haben dieses Abenteuer in Angriff genommen. Fünf Tage haben sie – inklusive Fährstrecke – bis Italien gebraucht. Zurück waren es sechs Tage. Macht elf Tage komplette Entschleunigung. Daran ändern auch wütende Lkw-Fahrer nichts, die bisweilen auf der italienischen Landstraße hinter der Ape herkriechen mussten. Von diversen Autokolonnen hinter den Lastern ganz zu schweigen.

Wut auf der einen, Liebe auf der anderen Seite – Liebe zur Ape. Schon immer wollten Hannes (61) und Graziella Wirtl (46) eine haben. An dem Tag als sie in Peiting die Ape zum Verkauf an der Straße stehen sahen, wussten die beiden Schongauer: „Das ist unsere.“

Was in der Ape steckt, das haben die beiden spätestens jetzt herausgefunden. Auch wenn der Anfang dieser ungewöhnlichen Reise schwer war: Das Aus drohte schon am ersten Tag. Die 75 Kilometer von Brixen nach Bozen, die es nur bergab geht, verschnauft der Melonenbomber nicht. „Wir haben’s ein bisschen übertrieben“, sagt Hannes Wirtl augenzwinkernd. „Wenn man konstant 50 fährt, dann schnurrt die wie ein Kätzen“, beteuert die gebürtige Italienerin Graziella. Aber Tempo 65 ist eben nichts für die Ape.

In der Werkstatt dann der Schock: Kolbenfresser. Ein neuer Kolben musste her. Und ein Zylinder. „Bei der Ape ist das praktisch ein neuer Motor.“ Dank Piaggio und einfachster Technik ging es schon nach einem Tag weiter. Es blieb die einzige Panne auf der Reise. Bei den insgesamt 30 000 Kilometern, die die Schongauer Ape schon auf dem Buckel hat, quasi ein Wunder. Schließlich entspricht das in ungefähr der Melonenbomber-Lebensdauer.

Auf der Piazza Santa Severina sind die Wirtls endlich am Ziel - und für die Italiener eine Attraktion.

Eine Attraktion sind die Wirtls auf der Fähre von Genua nach Palermo gewesen. Schon beim Ticket-Kauf gab’s Verwirrung: Wie die Ape einstufen? Schließlich ist so ein Gefährt noch nie über die Schiffsrampe gerollt. Schließlich staunten auch die Lkw-Fahrer nicht schlecht über das Mini-Gefährt, das im Transport-Raum von den großen Schatten ihrer Riesen verschluckt wurde. Graziella und Hannes packten die Bierbank aus, die sie hinten in der Ape nach Kalabrien transportierten und luden zum gemeinsamen Plausch. „Die haben von ihren Reisen erzählt, wir von unseren“, sagt Graziella. Das sind sie – die kleinen Abenteuer und Geschichten, die irgendwo auf einer so großen Fahrt passieren.

Apropos Reisen: Nicht zum ersten Mal war das Ehepaar Wirtl auf ungewöhnlichen Pfaden nach Santa Severina unterwegs. Schon drei Mal sind die beiden die Strecke runter- und wieder raufgeradelt – 2001, 2004 und nochmal 2004. Warum tut man das seinen Beinen an? „Körperlich? Das kommt. Mann muss vom Kopf her wollen.“

Was bleibt, ist diese herrliche Entspannung im Kopf. Dieses Gefühl, es geschafft zu haben. Drei mal mit dem Rad. Einmal mit dem Melonenbomber. Ein bisschen verrückt, ein bisschen anders eben. Aber vielleicht sind es ja manchmal diese Besonderheiten, die verzaubern. Auch bei kleineren Fahrten in und um Schongau gibt es nur Gutes zu berichten. „Wenn wir hier mit der Ape unterwegs sind, kriegen wir immer Vorfahrt, die Leute lächeln“, erzählt Graziella Capozza-Wirtl. Eine schöne Erfahrung. Denn schließlich geht es doch im Leben um Lächeln, Freude, Glück. Da reichen auch manchmal nur drei PS unter der Haube.

Barbara Schlotterer-Fuchs

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