Der Innere (links) und der Äußere Rat der Stadt Schongau im Jahre 1723. In der Mitte (mit weißer Perücke) der amtierende Bürgermeister, der Kaufmann und Salzfaktor Franz Eustach Semer, links neben ihm der Weinwirt vom Nobelgasthaus „Stern“ (heute Musikschule), Chrysostomus Semer, und davor im grünen Umhang der Leiter der Stadtverwaltung, der Stadtschreiber Johann Perr. Ungewöhnlich ist die Zahl von sieben Inneren und bloß fünf Äußeren Räten. Ölgemälde von dem aus Tirol stammenden Schongauer Maler Johann Joseph Fronwieser im Stadtmuseum Schongau.
+
Der Innere (links) und der Äußere Rat der Stadt Schongau im Jahre 1723. In der Mitte (mit weißer Perücke) der amtierende Bürgermeister, der Kaufmann und Salzfaktor Franz Eustach Semer, links neben ihm der Weinwirt vom Nobelgasthaus „Stern“ (heute Musikschule), Chrysostomus Semer, und davor im grünen Umhang der Leiter der Stadtverwaltung, der Stadtschreiber Johann Perr. Ungewöhnlich ist die Zahl von sieben Inneren und bloß fünf Äußeren Räten. Ölgemälde von dem aus Tirol stammenden Schongauer Maler Johann Joseph Fronwieser im Stadtmuseum Schongau.

Ein Gremium und seine Ersterwähnung

Schongaus Stadtrat und seine 701-jährige Tradition

Die Corona-Krise hat die Feier vieler Jubiläen verhindert. Eines davon ist in Schongau die Ersterwähnung eines Stadtrates als Selbstverwaltungsorgan der Stadtrepublik, die vergangenes Jahr 700 Jahre her war.

  • Im vergangenen Jahr ist in Schongau ein wichtiges Jubiläum untergegangen
  • Der Schongauer Stadtrat war vor inzwischen 701 Jahren zum ersten Mal erwähnt worden
  • Der Stadtrat ist ein Selbstverwaltungsorgan der Stadtrepublik

VON HELMUT SCHMIDBAUER

Schongau – Ausgangspunkt ist natürlich die Stadtgründung durch den Stauferkönig Heinrich VI.. Leider bleibt es im Ungenauen, da ein explizites Gründungsdatum nicht existiert. Sicherlich hat die Stadtgründung mit dem Tod des letzten Welfenherzogs Welfs VI. im Jahr 1191 zu tun, der schon ein Dutzend Jahre zuvor sein Herrschaftsgebiet, auch das am oberen Lech, teuer an die Staufer verkauft hatte, aber immer noch im Ländle weilte.

Einen direkten Erben gab‘s keinen, der infrage kommende Konkurrent, der welfische Bayernherzog Heinrich der Löwe, war bereits im Jahr 1180 vom Staufer-Kaiser Friedrich Barbarossa eiskalt ausgeschaltet und seines bayerischen Herzogtums enthoben worden.

In München waren jetzt die Wittelsbacher, treue Stauferfreunde, am Zug. Und der amtierende Stauferkönig Heinrich VI. sicherte seine Herrschaft durch Gründung und Ausbau von befestigten Städten, im neu erworbenen Welfenland gehörte Schongau dazu.

Ausschnitt eines Ölbildes von dem Schongauer Maler David Hummel aus dem Jahr 1608. Die Schongauer Stadträte ließen sich als Jünger Jesu beim letzten Abendmahl abbilden. Die Gesichter sind als Portraits zu werten. Auf der linken Seite (vom Beschauer aus) sitzen die sechs Mitglieder des Äußeren Rates, rechts die sechs vom Inneren Rat. Rechts im Hintergrund stehend der Leiter der Stadtverwaltung, der Stadtschreiber Hans Mosmiller. Das Bild hängt im Sitzungssaal des Rathauses. 

So ein städtebauliches Unternehmen des 12. Jahrhunderts benötigte eine Ringmauer, und die sollte, wie bei allen derartigen Siedlungen üblich, einen Umfang von eineinhalb Kilometern haben. Im Falle Schongaus bestimmte die Topografie des Lechbergs den Umfang, es sind für die Altstadt bis heute 1,6 Kilometer. Das 30 Jahre ältere München hatte übrigens 1,5 Kilometer Umfang, war also bei der Gründung etwas kleiner als Schongau.

An einer solchen, die neue Stadt umgebenden „Ringmauer“, baute man durchwegs immer zirka 40 Jahre, sicherlich auch in Schongau, so dass hier die Stadt etwa spätestens 1230 voll funktionsfähig war. Die Funktionen – Markt und Handel, Verkehr, Gewerbe und Landwirtschaft, Wohnen und Verteidigung, in Schongau auch eine Münzstätte – wurden nicht auf einmal geschaffen, sondern entstanden nacheinander.

Die früheste Nennung der Stadt Schongau und damit das erste Datum stammt von Mitte Juni 1204 durch Erwähnung eines Schongauer Pfennigs von einer Schongauer Münzstätte. Kein geringerer als der Dichter Walther von der Vogelweide hat damals das Reisetagebuch des Bischofs Wolfger von Passau über dessen Romreise geführt. Prominenz also, wohin man blickt. Die Reisegesellschaft übernachtete am 22. Juni in Peiting, in der neuen Stadt Schongau war das wohl für so viele Leute noch nicht möglich. Aber es wurde in Peiting mit Schongauer Pfennigen bezahlt.

Um die für eine Stadt notwendige Einwohnerschaft in die Mauern zu bringen, wurden flächig Quartiere ausgemessen und durch Gassen verbunden, also der Städtebau in einem durchkonstruiert. Die Staufer verfügten über die notwendigen Fachleute mit Wissen und Erfahrung. Die umzugswilligen Altenstadter brachen ihre Anwesen ab, (Häuser zählten damals nicht zu den Immobilien, sondern unter die Mobilien, waren zerlegbare und transportable Ständerbauten, wie noch die bäuerlichen Anwesen im Freilichtmuseum Glentleiten) und gingen damit in die neue Stadt.

Ausschnitt aus der Stadtrechtsbestätigung durch Kaiser Ludwig d. Bayern vom 21. April 1331. „WIR Ludwig von Gottes Gnaden Römischer Chayser zu allen Zeiten ein Mehrer des Reiches Veriehen (= verkünden) öffentlich an diesem Brief und tuon kund allen denen, die ihn sehen oder hören lesen, daß wir den ehrberen und weisen Leuten, dem Rat und den Bürgern gemeinlich der Stat ze Schongau unsern lieben Getreuen…“ .

Die neuen Schongauer erhielten als Anreiz zu dieser Ansiedlung bestimmte Vorrechte, sie durften Waffen tragen, hatten eine eigene Gerichtsbarkeit, einen eigenen Strafvollzug und die Selbstverwaltung in ihren Angelegenheiten. Diese Städter waren also im Unterschied zu den Grunduntertanen auf den Dörfern in fast allen Sachen frei, mussten lediglich dem Stadtherren, dem Herzog in München, eine Steuer zahlen („Stadtluft macht frei“). Das alles regelte von Anfang an das Schongauer Stadtrecht, das dann im Jahr 1331 von Kaiser Ludwig dem Bayern noch einmal erweitert und ein für alle Mal bestätigt wurde.

Die offiziellen Bewohner der ummauerten Stadtburg („Oppidum“) hießen mit Bezug darauf „Bürger“. Im Fall Schongau gab es dabei eine kleine Abstufung: die in Altenstadt verbliebenen Bewohner gehörten zwar politisch zur Stadt, hatten aber nicht alle Rechte und wurden als „Ausbürger“ oder „Pfahlbürger“ bezeichnet, die waffenberechtigten neuen Schongauer dagegen waren die „Spießbürger“, damals ein respektabler Titel.

Alle Bürger, einzeln oder miteinander als Stadtgemeinde, waren legale Rechtspersönlichkeiten, konnten Rechtsgeschäfte innerhalb und außerhalb der Stadt tätigen und solche notariell bezeugen. Die Stadtgemeinde („Universitas Civium“) führte ein hoheitliches Stadtsiegel und ein Stadtwappen mit dem staufischen Adler, später dem Wittelsbacher Adler, in den Reichsfarben Schwarz und Gold, der Adler noch mit roter Bewehrung (Krallen und Schnabel).

Und sie zeigten wohl auch das nötige Selbstbewusstsein, das die Schongauer oft genug in handgreiflichen Gegensatz zu Nachbarn, vor allem zu den Peitinger Dörflern, brachte, und das bis in unsere Zeit hinein. Dabei hatten die Peitinger gar keinen Grund, sich weniger wert zu fühlen: Viel älter als die Lechstädter Gemeinde, lange Sitz der kaiserlichen Staatsverwaltung und einer Selbstverwaltung in der Grafschaft Peiting, eine eigene Rechtsverfassung („Ehhaft“) und schließlich Erhebung zum Markt.

Aber Peiting war halt keine Stadt und hatte kein Stadtrecht und als Wappen die Rauten mit dem roten Wittelsbacher Schrägbalken, der immer an ihre Lage als abhängige Landgerichtsuntertanen erinnerte.

Die Sonderrechte der Schongauer Bürgergemeinde mussten ins Alltagsleben umgesetzt werden. Dazu bildete sich ein besonderes Gremium, ein Organ der bürgerlichen Selbstverwaltung. So entstand überall rasch, wohl im Gleichschritt mit den zur Lösung anstehenden Fällen, ein „Consilium Civium“, ein Stadtrat, der das Funktionieren des Stadtrechtes organisierte und überwachte und die Stadt auch nach außen vertrat. Das geschah sicherlich bereits von Anfang an, aber es ist üblich, das Alter eines solchen Gremiums nach dem ersten, nachgewiesenen Auftreten festzusetzen.

In Schongau begegnet uns der Stadtrat erstmals in einer Urkunde vom 7. April 1320, also heuer vor 701 Jahren. Rat und Gemeinde der Stadt Schongau bestätigen damals mit der von ihnen gesiegelten Urkunde, dass sie dem Kloster St. Mang in Füssen den in Schongau gelegenen „Polsters Anger“ zur Nutzung überlassen. Seit sieben Jahrhunderten existiert also in der Stadt Schongau nachgewiesen ein gewählter und zur Selbstverwaltung entscheidungsbefugter Stadtrat.

Zwar erfolgen in diesem 14. Jahrhundert in Bayern noch weitere Erstnennungen von Räten, aber teils erheblich später, so in Kelheim, Laufen, Moosburg, Kitzbühl, Rosenheim und Mühldorf. Auch der Weilheimer Stadtrat wird erwähnt, aber erstmals fast 30 Jahre nach Schongau.

Welche Rechte hatte nun der Schongauer Stadtrat damals zu verwalten? Das in einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert überlieferte Rechtsbuch beginnt mit den nach Berufen gestaffelten Steuerabgaben und den Bürgerversammlungen (Gedinge), vier an der Zahl mit Erscheinungspflicht. Ausführlich werden Gewalttaten und Händel zwischen Bürgern erwähnt, die der Stadtrat meist zusammen mit dem herzoglichen Vogt (also der Staatsverwaltung) ahnden muss.

Bemerkenswert: Wenn ein Bürger im Zwist einen Nichtbürger (einen „Ausmann“, beispielsweise aus Peiting), erschlägt, dann passiert ihm, falls er die Stadtmauern erreicht, weiter nichts. Ein Maulstreich unter Bürgern kostet für den Schläger 62 Pfennige, das sind im Wert etwa 21 Mass Bier.

Ausführlich werden die Lebensmittelbestimmungen für Wirte und Bäcker behandelt, sie reichen vom Nachtbackverbot (ausgenommen die vier Hochfeste Ostern, Pfingsten, Kirchweih und Weihnachten) bis zum Gebot, ein aufgemachtes Fass fertig auszuschenken und kein Bier zu mischen (falls es, was oft passierte, schlecht geraten war.)

Jeder, der einen diesbezüglichen Antrag stellt, musste zum Bürger in die Stadt aufgenommen werden; bloß herzogliche Finanzbeamte und staatliche Verwalter, die ihren Bereich nicht korrekt abgerechnet haben, dürfen sich ihrer Verantwortung nicht durch die Flucht in die Stadt entziehen. Bei Verschuldungen sind Zinsen jährlich einmal zu entrichten, und das vom Stadtrat verhängte Bußgeld gehörte immer zur Hälfte dem Staat. Dazu kommen noch eine Vielzahl von Einzelregelungen, wie sie beim engen Aufeinanderleben in einer ummauerten Siedlung notwendig werden.

Das Wachstum der Städte ab dem 14. Jahrhundert führte dazu, dass die altbürgerlichen Familien enger zusammenrückten, um sich von den neu Hinzugekommenen als Gruppe abzugrenzen. Sie taten alles, um im Besitz der Leitungsbefugnisse zu bleiben, und versuchten deshalb mit Macht, den Rat und als „Honoratioren“ das gesellschaftliche Leben weiterhin zu bestimmen. Die Neuen, meist Kleinbürger, in Zünften verbundene Handwerker, auch Taglöhner, zeigten dagegen ein offenes Misstrauen gegen die Geschäftsführung des Rates der Patrizier und wollten unbedingt auch mitreden, vor allem in Angelegenheiten des Handwerks. In München kam es dabei zu offenem Aufruhr.

In Schongau und anderswo entwickelte sich neben dem bisherigen Rat der Eingesessenen und Wohlhabend-Mächtigen (= Innerer Rat) ein zweites Gremium der kleinen Leute, der Äußere Rat. Es entstand folgende Ordnung der Stadtgemeinde: Ein Innerer Rat, die eigentliche Stadtbehörde und Verwaltung, an der Spitze vier Bürgermeister, für jeden ein Vierteljahr Amtszeit; dazu als Kontrollorgan der Verwaltung der Äußere Rat, der zu allen wichtigen Angelegenheiten hinzugezogen werden musste.

Zum Äußeren Rat kamen noch Vertreter aus der Bevölkerung und zwei Bevollmächtigte aus Altenstadt. In außerordentlichen Angelegenheiten, wenn etwa Kriege drohten oder Seuchen wüteten, gab es noch allgemeine Bürgerversammlungen, die beratungs- und beschlussfähig waren. In Schongau gab es also seit frühesten Zeiten auch den basisdemokratischen Volksentscheid.

Diese komplizierten und etwas wackligen Verhältnisse wurden schließlich von Herzog Wilhelm IV. in einer Ratswahlordnung aus dem Jahr 1523 verbindlich geregelt; es entstand ein bemerkenswert ausgewogenes Verfassungsdokument mit vielen demokratischen Elementen. Es gibt jetzt verbindlich vorgeschrieben drei Kollegien mit je sechs Mitgliedern: den Inneren und den Äußeren Rat und zusätzliche den Rat der Gemeindevertreter. Die Mitglieder der einen Gruppe wählen die Mitglieder der anderen Gruppe und umgekehrt, die Wahlen werden aber immer erst nach der herzoglichen Bestätigung aus München wirksam.

Die vier jährlichen Bürgermeister dürfen nur aus dem Inneren Rat kommen, werden aber vom Äußeren Rat gewählt. Der Bürgermeister vom ersten Vierteljahr verpflichtet darüber hinaus den Stadtschreiber als wichtigsten Stadtbeamten, danach die Mitglieder der Stadtverwaltung und alle übrigen Stadtbediensteten.

Jahrhunderte vor der amerikanischen Verfassung erscheint in unseren Städten ein ausgeprägtes System von „Checks and Balances“ mit funktionierenden, demokratischen Regelungen. Demokratie ist also bei uns nicht erst 100 oder 200 Jahre alt, denn mit den gewählten Stadt- und Gemeinderäten verfügen unsere Städte seit vielen Jahrhunderten über traditionsreiche demokratische Organe, und zu den Ältesten darunter gehört der Stadtrat von Schongau.

Dazu kommt, dass in unserem Stadtarchiv die Ratsprotokolle von allen Sitzungen und Entscheidungen fast lückenlos seit dem Jahr 1609 bis heute im Original überliefert sind, dazu existieren aus der Zeit davor zahlreiche Urkunden oder Abschriften, in München beispielsweise auch über die Verhöre durch Bürgermeister und Stadtrat in den Hexenprozessen von 1589 bis 1592. Dazu kommen die Rechnungsbücher der Stadtkammer über alle vom Stadtrat festgestellten Ausgaben und Einnahmen seit dem Jahr 1524.

In dieser beeindruckenden demokratischen Kontinuität gibt es allerdings einen vergleichsweise winzigen Schönheitsfehler. Und den hat ausgerechnet die Staatsverwaltung des unseligen Naziregimes zu verantworten. Mit der neuen „Deutschen Gemeindeordnung“ von 1935 wurde für ein Jahrzehnt von Berlin aus diese Selbstverwaltungs-Tradition auch in Bayern ausgesetzt und die Räte in dieser Zeit nicht mehr von den Wahlbürgern gewählt, sondern durch Nazi-Partei und Bürgermeister von oben „berufen“.

Zu sagen hatten die Räte von 1933 bis 1945 ohnehin nichts, sie durften lediglich den nach dem Führerprinzip allein entscheidungsbefugten Bürgermeister beraten und ihm für das Protokoll durch Unterschrift zustimmen.

Eine in Jahrhunderten bewährte politische Einrichtung, wie diejenige unserer städtischen Selbstverwaltung, ist immer auch Verpflichtung und Auftrag. Das älteste, noch handgeschriebene Stadtrecht von Schongau endete vor 700 Jahren mit einer vielsagenden Regelung: Die Schongauer Stadträte mussten damals bei ihrem Amtsantritt schwören, dem Herzog und der Stadt das Beste zu raten, wie sie es ohne Hinterlist und Betrug vermögen.

Und sie mussten bei Gott versprechen, „aus dem Rat nichts zu sagen, wovon Schaden kommt.“ Darin kann man auch heute noch eine gute und wichtige Schongauer Tradition erblicken.

Auch interessant

Kommentare