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Abmeldung beim Bürgermeister Norbert Essig (re). Export Lucia (Mitte) zieht ihren Hut.
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Letzte guten Wünsche der Großeltern vor dem Rathaus.
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Viele Gedanken gehen Roman durch den Kopf.
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Ein letzter Spaziergang durch sein Dorf, Rosen leuchten zum Abschied.
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Marschordnung durch´s Dorf. Vorneweg Export Lucia, danach Roman ihr Jungscher, dann die anderen Freireisenden.
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Am Ortschild Richtung Westen ist letzte Station.
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Lucia und Roman lesen liebe Wünsche und Grüße von Freunden.
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Kindergartenkinder singen das Lied von der Ameise.

Drei Jahre und ein Tag fern der Heimat

26-Jähriger geht auf die Walz - und gewährt exklusive Einblicke in den jahrhundertealten Brauch

Es ist ein guter alter Brauch - und Roman Horner aus Schwabbruck folgt ihm. Drei Jahre wird er auf Wanderschaft sein. Plus einen Tag. Wir haben ihn an seinem letzten Tag in der Heimat getroffen. Ein Abschied in Bildern.

Schwabbruck – Die Zeiger der Turmuhr auf der Pfarrkirche in Schwabbruck zeigen genau 16 Uhr und 18 Minuten an. Eine Zeit, die Roman Horner (26) in seinem Leben sicher nie mehr vergessen wird. Auch nicht das Gefühl des besonderen Abschieds. Genau auf die Minute hat Roman das Ortsschild seines Heimatdorfes mit Hilfe seiner Freunde und Verwandten überklettert, bekommt seine Ziehharmonika nachgereicht und lässt sich Sekunden später einfach fallen. Das ist blindes Vertrauen. Denn auf der anderen Seite des Schildes steht seine „neue Familie“, die ihn auffängt und ihn die ersten Tage in seinem neuen Lebensabschnitt begleiten wird.

Auf Schritt und Tritt während der Tippelwoche, bis Roman die Bannmeile von 50 Kilometern überschritten hat. Dann trennen sich seine acht neuen Freunde von ihm. Nur noch Lucia (24), die Altgesellin und Romans „Export“, unter deren Aufsicht er die nächsten Monate steht, wird noch bei ihm bleiben. 

Die Ehrbarkeit wird einem schnell aberkannt

Roman Horner geht auf Wanderschaft, geht auf die Walz. Er wird in den nächsten drei Jahren ganz besondere Gesellenjahre erleben. Weit weg von seinem Heimatdorf Schwabbruck. Und das als „Freireisender“, wie eine der sieben Handwerkervereinigungen in Deutschland heißt. Als sichtbares Zeichen haben die Freireisenden ihre Hemdkrägen nach innen gewendet. Den Grund erklärt Fischwirt Nemo, einer der jungen Männer: „Die „Rolandbrüder“, eine weitere Vereinigung, tragen als sichtbares Zeichen einen dünnen Schlips um den Hals. Ein Symbol für Zuverlässigkeit, Vertrauen und Beständigkeit. Dieser Schlips ist das äußere Zeichen für die Ehrbarkeit. Wird ihm diese Ehrbarkeit genommen, weil er sich zum Beispiel innerhalb der Bannmeile aufhält, muss er den Schlips ablegen. Dann trägt der Geselle nur noch ein offenes Hemd mit Kragen nach außen. Deshalb der Unterschied. 

Damit dies bei Roman nicht passiert, das mit der Aberkennung der Ehrbarkeit, wird er in den nächsten Monaten von Altgesellin Lucia unter die Fittiche genommen. Sie wird ihn begleiten, bis sie sicher ist, dass Roman alle Bräuche und Traditionen eines Wandergesellen beherrscht. Wenn Lucia dann der Meinung ist, Roman sich alleine überlassen zu können, wird sie ihm den traditionellen Hufnagel durch das linke Ohrläppchen schlagen. Dann ist er auf sich alleine gestellt. 

Wie kam Roman eigentlich auf die Idee mit der Walz? Bei einem Kneipenbesuch in Würzburg hat er die freireisende Bäckerin Lucia kennengelernt, die ihm von ihren ersten beiden Jahren auf der Walz erzählte. Das beeindruckte, machte neugierig, setzte Gedanken bei Roman frei. Als Lucia ihm anbot, ihn als „Jungscher“ zu begleiten, sagte Roman zu. Lucia suchte über das Internet ihres Arbeitgebers – denn eigene Handys sind auf der Walz verboten und führen zur Aberkennung der Ehrbarkeit – für Roman weitere Wandergesellen für die Abholung von seinem Heimatdorf. 

Acht Gesellen aus ganz Deutschland sind so nach Schwabbruck gekommen und lernten sich dort über einige Tage kennen. „Eine pfundige Truppe. Freundlich, höflich und sehr pflegeleicht“, beschreibt sie Klaus Horner, der Vater von Roman. 

Opa Anton fehlen die Worte

Die Zeremonie des Abschieds aus Schwabbruck zieht sich jetzt über Stunden hinweg. Punkt 9 Uhr am Vormittag bekommt Roman von Bürgermeister Norbert Essich den Stempel der Gemeinde in sein Wandergesellenbuch, das Lucia für ihn gestaltet hat. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So will es der Brauch, so will es die Altgesellin Lucia. Kein Foto darf gemacht werden, alles streng geheim. Der Bürgermeister danach: bewegt, gerührt, mächtig beeindruckt. Und rückt absolut nichts raus. 

Freunde und Verwandte haben sich vorm Rathaus versammelt. Oma Regina gibt nur einen tiefen Schnaufer von sich, Opa Anton fehlen die Worte. Oma Erna formuliert ein gepresstes „schlimm“. Vater Klaus ist stolz auf seinen Sohn: „Dies wird ihn bestimmt fürs Leben prägen.“ Und Mutter Angelina? „Ich hoffe nur, dass es ihm gut gehen wird und er glücklich und zufrieden ist.“ 

Es geht ab Richtung Ortsschild. Bunte Zettelchen mit guten Wünschen flattern daran. Die Kindergarten-Kinder singen das Ameisenleid. Passend zum nächsten Akt: Roman muss neben dem Ortsschild ein Loch von 80 Zentimeter Tiefe graben. Nur mit seinen Händen. Darin werden später zwei Flaschen vergraben. Die Fingernägel von Roman erleben einen Härtetest. Denn der Boden ist geradezu teuflisch hart. 

Lucia dagegen das Gegenteil. Vorerst noch. Sie gestattet Roman, einen Stein sowie einen verrosteten Eisennagel vom Nachbarfeld für seine Grabungen zu verwenden. Es dauert Stunden, bis Roman das Loch gegraben hat. Jetzt entpuppt sich Lucia doch noch als Teufelchen: In einem für sie günstigen Moment, als Nemo mit Roman einen neuen Trinkspruch einübt, schiebt Lucia mit ihren Stiefeln die Erde ins Loch zurück. 

Die Zeit des Abschieds ist gekommen: In eine geleerte Flasche werden die Zettelchen mit den guten Wünschen gestopft. Die andere Flasche wird geöffnet. Williams Birne, 40 Prozent, macht die Runde bei den Gesellen. Dann werden beide Flaschen verschlossen und versiegelt. Roman legt sie in das Erdloch und verschließt es wieder. In drei Jahren wird die Williams Birne bei Romans Heimkehr wieder die Runde machen. Genauer gesagt in drei Jahren und einem Tag. So will es der Brauch.

Das sind die Gesellen, die Roman in der Tippelwoche aus der Bannmeile hinausbegleiten. Sie möchten über die Schongauer Nachrichten ihre Familien grüßen. Wie gesagt, Handys absolut tabu. Es sind Lucia die Bäckerin, Nemo der Fischerwirt, Marius der Zimmerer, Christin die Schneiderin, Georg der Schreiner, Antek der Zimmerer, Anna die Tischlerin und Leander der Zimmerer.

Von Hans-Helmut Herold

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