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So schauen die Poor Boys heute aus: (v.l.) Jonny Hartmann, Rudi Geiger, Josef Rader und Helmut Mayrock. Helmut, der heute in Spanien lebt, ist extra für das Foto 40 Kilometer nach Alicante gefahren, weil da das einzige Schlagzeug steht.

Band-Serie

Zum Jubiläum schaute Frank Farian vorbei

Auch auf dem Land ist in den 60er Jahren das Band-Fieber ausgebrochen. In Schwabbruck gründen fünf Jungs eine Band, die sie „Silver Stars“ nennen.

Schwabbruck – Sie sind jung und dicke Freunde. Klar, dass sie sich regelmäßig treffen, um miteinander ihre Freizeit zu gestalten. Und sie haben den Traum, große Musiker zu werden. Rudolf Geiger ist musikalisch vorbelastet. Der 16-Jährige, den jeder nur Rudi nennt, spielt Akkordeon. Eine „Hohner Marietta 2“ Baujahr 1953, das Geburtsjahr von Rudi. Er hat das gute Stück von seinen Eltern geschenkt bekommen. Natürlich mit deren Hintergedanken, schön brav und artig stubenreine Volksmusik zu spielen. Das tut der Rudi auch – bis er musikalisch in die Opposition wechselt.

Man schreibt den Herbst 1968. Rudi trifft sich wieder mal mit seinen Spezln Josef Rader, Helmut Mayrock, Richard Schwarz und Herbert Leier. Natürlich dreht sich alles um das Thema Musik. Die jungen Wilden wollen unbedingt eine Band gründen. Die große Frage: Wer spielt was? Gar nicht so einfach, aus den musikalischen Vorkenntnissen eine Band zusammenzustellen. Mayrock spielte bis dahin nur in der örtlichen Blasmusik Lyra und Oboe. Allein der Gedanke, auf diesen beiden Instrumenten ein „Satisfaction“ von den Rolling Stones zu spielen, wird als abartig eingestuft. Folglich wird Helmut Mayrock dazu verdonnert, Schlagzeuger zu werden.

Da er als Mitglied der Schwabbrucker Blasmusik beste Kontakte zu der Vorstandschaft hat, kann er denen eine ausgediente große Basstrommel abschwatzen. Die kleine Snare bekommt er unter ungläubigem Kopfschütteln des Dirigenten mit dazu. „Nur die Fußmaschine war nicht mit dabei“, erinnert sich Rudi. Man hat ja auf die große Trommel mit dem Schlegel geschlagen. Jetzt muss der Vater von Josef Rader herhalten. Der schweißt nach einem Foto aus einem Musik-Zubehör-Katalog eine Fußmaschine. Sehr rustikal, aber stabil und mehr oder weniger unverwüstlich. Nur die noch nötigen Rückholfedern sind nirgends zu bekommen. Rudi organisiert jede Menge Einweckgummis aus dem Fundus seiner Großmutter. Die Fußmaschine lebt.

Josef Rader soll eigentlich die Rolle das Bassisten übernehmen. Nur, so ein Instrument ist teuer. Also bastelt er sich, um auf alle Fälle mit bei der Band dabei zu sein, erst mal ein Rhythmusgerät. Josef füllt in ein schier unhandliches Stück Plastikrohr Kieselsteine und Sand, verschließt die Enden, und ab geht’s.

Etwas leichter hat es Richard Schwarz. Er spielt Saxophon in der Blasmusik und ist damit schon fast Profi. Außerdem bringt er sich in relativ kurzer Zeit das Gitarrenspielen selbst bei. Etwas härter tut sich Herbert Leier, der als zweiter zur Gitarre greift. Er fängt bei Null an. Ebenfalls Josef Rader, der von seinen Eltern den heiß ersehnten Elektrobass spendiert bekommt.

Jetzt kann’s losgehen. Die Jungs üben, was das Zeug hergibt. Das alte Rader-Häusl wird für die Proben stark beansprucht. Dort wird auch der Name für die Band aus der Taufe gehoben. Die fünf Schwabbrucker nannten sich „Silver Stars“.

Nach wenigen Monaten der erste öffentliche Auftritt. Im Gasthaus beim Kögl-Wirt findet nachmittags eine große Teenager-Party statt. Der Saal gerammelt voll, die Stimmung bestens, das Repertoire noch sehr überschaubar. Die Gage ebenfalls. „Jeder von uns bekam fünf Mark und hatte ein Essen und die Getränke frei“, liest Rudi aus den von seiner Frau Marianne gesammelten Unterlagen vor.

Dann der große Schlag. „Endstation Straßenbaum“, ist die in dicken Lettern gedruckte Schlagzeile auf Seite 1 der Schongauer Nachrichten vom 2. November 1970. Und weiter: „Der 19-jährige Richard Schwarz aus Schwabbruck tödlich verunglückt.“ Das Leben des Saxophonisten und Posaunisten der Silver Stars endet an einem allein stehenden Straßenbaum zwischen Altenstadt und Schwabsoien. Ein Schock, der bei allen tief sitzt.

Doch das Leben geht weiter. Herbert Leier verlässt die Silver Stars, ein neuer junger Wilder stößt zur Band. Johann Hartmann, als „Jonny“ in aller Munde, steigt als neuer Gitarrist ein. Und Rudi vergrößert sein Instrumentarium. Er schafft sich eine Orgel an. Damals ein High-Tech- Produkt, heute würde wohl das Ding nur ein müdes Lächeln hervorlocken. In diesem Zuge ändern die Jungs auch den Bandnamen. Ab sofort nennen sie sich „Poor Boys“, in „Anlehnung an die erste Erfolgsplatte der bekannten Lords aus dem Hamburger Star Club“, erklärt es Gründungsmitglied Rudi.

Rudi und Jonny sind die Stimmen der Poor Boys. Mit ihrem Gesang decken sie alles ab, was zu dieser Zeit auf den Tanzflächen gefragt ist. Von Michael Holm und Ricky Shayne bis Santana und Uriah Heep ist alles dabei. Und für die Poor Boys ist es ein Muss, immer mit den neuesten Stücken der Hitparaden ihre Fans zu begeistern.

Am Anfang ist es für die Amateure nicht leicht, nur durch Abhören der vom Radio mitgeschnittenen Tonbandaufnahmen den Sound genauso umzusetzen wie die Profis. Aber die Jungs wissen sich zu helfen. Da gibt es ja noch die großen Vorbilder. Beim Emter Peter übten regelmäßig die Musiker der Goldenen Fünf. Zur damaligen Zeit eine überaus bekannte und beliebte Tanzband. „Da schlichen wir uns an den Proberaum und hörten heimlich zu“, gesteht Rudi.

Die Poor Boys bekamen jede Menge Angebote, in allen möglichen und auch unmöglichen Schuppen und Sälen aufzutreten. Wie in alten Ordnern dokumentiert ist, gab es die verschiedensten Tanzveranstaltungen im Umkreis. Mit teilweise verwegenen Namen wie Gammler-, Lumpen-, Wüsten- oder Burschenball. Dagegen klingen Namen wie Landjugend- oder Sportlerball eher harmlos. Für jede Tanzveranstaltung musste bei der Gemeinde ein ganz besonderes Dokument besorgt werden, die „Tanzlustbarkeits-Erlaubnis und Sperrstunden-Hinausschiebung“. Darin war klar festgeschrieben, wie viele Musiker auftreten, wie viele Quadratmeter betanzt werden und was der Eintritt kostet. Die Tanzerlaubnis wurde mit 30 Mark, die Niederschrift mit zwei Mark berechnet.

Der bekannteste Auftrittstempel der Poor Boys ist damals das Gasthaus Rose in Apfeldorf. Dort bekommen sie ihren ersten Jahresvertrag, dort treten sie alle 14 Tage regelmäßig auf. „Dort passte alles“, schwärmt Rudi und erinnert sich an einen Maskenball der Apfeldorfer Landjugend im Fasching 1973. „Trotz eines heftigen Schneegestöbers mit Wintergewitter kamen über 200 Gäste in den Saal.“ Kurz vor Beginn des Tanzabends ein Donnerschlag – und ganz Apfeldorf ist ohne Strom. Völlige Dunkelheit, aus die Maus.

Nicht so in der Rose. Die Wirtin zaubert Kerzenbeleuchtung aus der Besenkammer, die Poor Boys verzaubern wenig später die Gäste mit ihrer Musik. Alles ohne Verstärker. Rudi holt sein Akkordeon aus der Kiste, Jonny greift zu Wandergitarre, Helmut Mayrock wirbelt auf seinem Schlagzeug und „Radi“ Rader hüpft auf der Bühne mit einem Tambourin herum. Faschings- und Stimmungslieder sorgen eine Stunde lang für eine Bombenstimmung. Als wieder Strom fließt, kocht der Saal.

An eine weitere Episode kann sich Jonny erinnern. Die Poor Boys spielen auf einem Betriebsausflug einer großen bayerischen Firma. Diese hat für ihre Veranstaltung einen Dampfer auf dem Ammersee gemietet. Der Alkohol fließt in Strömen, die Poor Boys heizen die Stimmung an, die Tänzer werden immer übermütiger. Bis einer aus lauter Übermut über die Reling in den See springt. Alle Maschinen stopp, Chaos pur. Der Freischwimmer wird Gott sei Dank nicht von den Radschaufeln erschlagen und kann rechtzeitig aus dem Wasser gezogen werden.

1978 wird groß gefeiert. Zehn Jahre besteht die Band. Mit den Hohenfurcher Thundersharks organisiert man ein Drei-Tage-Fest. Als Überraschungsgast kommt Frank Farian. Genau, der Sänger und Komponist, der Boney M. und Milli Vanilli geschaffen hat. Der dem Sänger von „Rivers of Babylon“ Bobby Farell seine Stimme gegeben hat.

1979 baut Rudi sein Meisterstück. Er bestellt sich von Dr. Böhm, einer Versandfirma für Musikinstrumente, einen Bausatz für eine zweimanualige Orgel. Die „Topsound DS“ ist in Musikerkreisen damals der Rolls Royce der Key Boards. 85 Stunden benötigt er, um alle Platinen von Hand zu bestücken und alles selbst zu löten. Von den 6000 Mark, die er hinblättern musste, ganz zu schweigen. Bei der ersten Probe funktioniert zwar nur jede zweite Taste, aber Rudi kommt dem auf die Schliche.

Trotz dieses neuen Instruments, mit dem sogar sphärischer Sound erzeugt und ein Schlagzeug imitiert werden kann, lösen sich die Poor Boys ein Jahr später am Faschigsdienstag nach dem Kehraus aus beruflichen Gründen auf.

Hans-Helmut Herold

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