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Marcel Reintsch (li.) und Hubert Pfettrisch blicken noch etwas übermüdet aus der Wäsche, aber dafür frisch gebadet. Aus Freude für eine gesunde und unfallfreie Rückkehr genehmigen sie sich ein kleines Gläschen vom „Klosterwässerchen“.

Weihnachtstrucker wieder daheim

„Solche Momente vergisst man nie mehr“

Schwabbruck – Sechs Tage waren die Weihnachtstrucker Marcel Reintsch und Hubert Pfettrisch mit ihrem 40-Tonnen- Sattelzug Richtung Bosnien und zurück unterwegs. Dabei haben sie gute 2500 Kilometer zurückgelegt. Über Autobahnen, vogelwilde Landstraßen und katastophale Feldwege. Immer in Richtung Ungewissheit, aber für einen guten Zweck.

So richtig ausgeschlafen und erholt scheinen die beiden Weihnachtstrucker Marcel und Hubert noch nicht zu sein. Man sieht ihnen die Strapazen noch an, obwohl sie sich alle Mühe geben, frisch zu wirken. Doch frisch sind höchstens die vielen Eindrücke auf ihrer Tour Richtung Bosnien. Die hatte es wahrlich in sich. Trotzdem wollen sie im kommenden Jahr wieder dabei sein.

„Ein Bad, ein Himmelreich für ein heißes Bad“, ist der erste Wunsch von beiden Weihnachtstruckern nach ihrer Rückkehr. Der ungewohnte Schwefelduft der letzten Tage hat die beiden bis in die kleinste Hautritze verfolgt. Schwefel? „Überall in den Gebieten, wo wir die Pakete verteilten, wird noch mit Kohle geheizt“, erzählt Marcel. „Und von wegen Rußfilter“, setzt Hubert nach. Da wird alles, was irgendwie brennbar ist, im Ofen verfeuert. Ein Schreckensbild für den Feuerwehrkommandanten Pfettrisch. Hauptsache ein wenig Wärme kommt in die tristen Stuben.

40 Weihnachtstrucks sind unterwegs

Diese Wärme wird zur Weihnachtszeit unterstützt durch die gespendeten Pakete. Rund 1500 Stück auf jedem Aufleger, insgesamt 40 Weihnachtstrucks zusammen. 60 000 Pakete rollten über die Straßen Richtung Bosnien, Albanien und Rumänien. Zu den Ärmsten der Armen. Marcel steuert den Lastzug mit dem auffallenden FC Bayern-Emblem, Hubert sitzt daneben.

Los ging’s am Zweiten Weihnachtstag von Landshut aus. Morgens um 2 Uhr ist der kroatisch-bosnische Grenzübergang erreicht. Zwei Stunden später die Zollstation in Gradiska. Unfreiwilliges Warten, das aber gerne zum Schlafen genutzt wird. Zwölf Stunden dauert es, bis das bosnische Veterinäramt alle Papiere gestempelt hat. Schließlich hat jeder Aufleger Waren im Wert von 15 000 Euro geladen.

Weihnachtspaket-Übergabe im Bergdorf Jana an der serbisch-bosnischen Grenze. Marcel Reintsch (li) bringt mit einem Helfer die Pakete direkt ins Haus. Für die alte Frau, die alle Kriege überlebt hat, eine unfassbare Geste der Menschlichkeit.

Gegen 16 Uhr erreicht der Konvoi Banja Luka. Dort wird ein Kloster mit Geschenken bedacht. Die Klosterschwestern kümmern sich um die Besatzungen der Trucks. Mit einem Balkan-Klassiker. Cevapcici mit und ohne Ajvar, aber auf alle Fälle mit einem „Wässerchen“. Undefinierbar. Es brennt höllisch. Ein Stückchen Hölle im Kloster. Hier muss sich Hubert opfern. Der Kommandant der Schwabbrucker Feuerwehr löscht bis zum letzten Tropfen. Die Klosterschwestern müssen an ihm einen Narren gefressen haben. Sie schenken ihm zum Abschied selbstgestrickte dicke Hüttenschuhe.

Am frühen Morgen des nächsten Tages ab Richtung Tuzla. Jede Menge Schnee auf den Straßen. „Ein guter Chauffeur braucht keine Ketten“, ist Marcels Credo. Über 200 Kilometer müssen bewältigt werden. Herzlich ist der Empfang des Direktors der örtlichen Krankenpflegeschule. Die Lkw werden auf dem Gelände einer Spedition geparkt, von der Polizei über Nacht streng bewacht.

18 Schulen, Kindergärten, und Einrichtungen für Behinderte und Senioren mit insgesamt 25 Abladestellen müssen in Tuzla angefahren werden. Eine schweißtreibende Arbeit, die durch dankbare Blicke der Beschenkten in Vergessenheit gerät. „Wenn man sieht, wie sich die Menschen über die Geschenke freuen, treten alle Wehwehchen in den Hintergrund“, beschreibt es Hubert.

100 Familien werden beschenkt

Während er mit Helfern vor Ort den Aufleger leerräumt, macht sich Marcel mit der Zugmaschine auf in Richtung Berge. 90 Kilometer sind es bis zu einem Dorf an der serbischen Grenze. Mit ihm der Direktor der Pflegeschule, der einen klapprigen Kleintransporter steuert. Das Dorf Jana ist das Ziel der beiden. Es hat nur stundenweise Stromversorgung, Wasserleitungen sind zum Teil eingefroren. 100 Familien leben links und rechts der Dorfstraße. Sie werden von Marcel und dem Direktor mit den Paketen beschenkt. „Unvorstellbar, wenn man es nicht selbst gesehen hat.“ Marcel geht sogar in manches Haus, wenn die Bewohner zu alt oder krank sind, um die Pakete abzuholen. So lernt er eine Frau kennen, die im Ersten Weltkrieg geboren wurde und den Zweiten miterleben musste. Von den serbisch-bosnischen Kriegen ganz zu schweigen. „Solche Momente vergisst Du nie mehr.“ Vielleicht sind solche Momente der Auslöser, bei der kommenden Aktion wieder mit dabei sein zu wollen.

Hans-Helmut Herold

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