"Es ist sehr bewegend, hier zu stehen"

Hunderte Besucher haben sich die feierliche Vereidigung von Unteroffizieren und Feldwebeln auf dem Schongauer Marineplatz nicht entgehen lassen.

Ganz früh schon hat sich Ludwig Völk einen Platz vorne am Absperrgitter gesichert. Der Schongauer war damals bei seiner Musterung im Jahr 1967 nur Ersatzreserve II, musste also nicht zur Bundeswehr. „Deshalb muss ich mir doch anschauen, wie so eine Vereidigung abläuft.“ Er gehörte zu den vielen Einheimischen, die gekommen waren oder teilweise aus den Fenstern am Marienplatz herauslugten. Andere hatten weitere Wege auf sich genommen. Hildegard Brand beispielsweise war mit einem ganzen Schwung Familienmitgliedern aus Plochingen, südlich von Stuttgart, angereist, um die Vereidigung ihres Enkels zu sehen. Und Irina Welik war sogar 500 Kilometer von Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) gefahren, um Sohnemann Stanislaw zur Seite zu stehen, begleitet von dessen Ehefrau Natalia und Schwägerin Tatjana. „Da muss man einfach dabei sein“, sagte sie.

Das sahen nicht alle so. Zwei einsame Linke-Mitglieder hielten weit weg, vor dem Café Express, bei einer Mahnwache ein Plakat „Stoppt die Kriegstreiber“ hoch. „Bei dem Wetter kommen nicht mehr“, murmelte Reinhold Böttger mit einem Zug an seinem Zigarillo und lieferte sich ein Trillerpfeifen-Scharmützel mit einer Polizistin. Für zehn Demonstranten war die Veranstaltung angemeldet, Schongaus Vize-Polizeichef Manfred Maier konnte sich guten Gewissens auf die Ehrentribüne am Marienplatz verabschieden.

Dort waren die Bundeswehr-Decken bei acht Grad Außentemperatur höchst willkommen. Wenigstens hörte der Regen rechtzeitig auf, pünktlich zum Einmarsch der Musiker vom Gebirgsmusikkorps Garmisch-Partenkirchen und den beiden Kompanien des Feldwebelanwärter-/Unteroffizieranwärterbataillons Altenstadt sowie der Ehrenformation. Befehle wie „Augen geradeaus!“ hallten über dem Marienplatz, auf dem vorher eine gespannte Stille geherrscht hatte. Personaloffizier Markus Lippmann erklärte per Lautsprecher stets knapp und informativ, was alles passiert, damit auch Laien das Prozedere nachvollziehen können.

Das ist in der Bundeswehr nicht immer einfach, wie Christine Hoffmann erzählte, die aus Sicht einer Anwärterin die ersten Wochen der Ausbildung schilderte. „Die ganzen neuen Begriffe, Abkürzungen und Dienstgrade sind eine Welt für sich“, sagte die zierliche junge Frau. In Uniform fühle man sich aber sofort als Soldat, auch die Solidarität mit den wildfremden Kameraden stelle sich spätestens beim nächtlichen Biwak schnell ein. Die Ausbildung mit dem Gewehr G 36 sei ein erstes Highlight gewesen - diese Aussage sorgte auf der Ehrentribüne für Erheiterung, ist die Waffe doch wegen ihrer angeblichen Unzuverlässigkeit politisch in der Diskussion.

Auch Gastrednerin Monika Hohlmeier, CSU-Europaabgeordnete, griff das Thema auf. „Deutschland darf die Augen nicht verschließen, wenn Aggression und Terror Europa und die Welt bedrohen, und es ist richtig, dass wir uns dort engagieren.“ Aber für den gefährlichen Dienst müsse man auch eine angemessene Ausrüstung zur Verfügung stellen. Was viele nur aus dem Fernsehen kennen, wisse sie aus Gesprächen und Reisen: „Viele Menschen sind zutiefst dankbar für das, was die Bundeswehr an Hilfe und Aufbauarbeit in der Welt leistet.“

Doch natürlich durften bei der Tochter von Franz Josef Strauß, der in Schongau seine politische Karriere gestartet hatte und nach dem die Altenstadter Kaserne benannt ist, auch persönliche Geschichten nicht fehlen. „Mein Vater hat mir erzählt, dass er bei Kriegsende in Schongau vorne durch die Tür als Gefangener hineinkam und hinten als Vize-Landrat wieder heraus. Deshalb ist es sehr bewegend, 70 Jahre danach an dieser Stelle zu stehen und zum ersten Mal eine Festrede halten zu dürfen.“ Offenbar habe ihr der Vater die Unterstützung der Bundeswehr vererbt, „nur den Gleichschritt muss ich noch üben“.

Oberstleutnant Mark Emmerich freute sich ebenso, an diesem Tag auf dem Marienplatz stehen zu dürfen, „in einer der schönsten Gegenden Deutschlands“. Er zollte den Anwärtern großen Respekt und Anerkennung, dass sie ihrer Heimat dienen und das Land verteidigen wollen: „Sie haben eine gute und mutige Entscheidung getroffen.“ Er wisse, wie anstrengend vor allem die ersten Tage des Dienstes sind und wie schwer es beispielsweise ist, mehr als eine Stunde lang unbewegt in Parade zu stehen. „Aber Sie sehen gut aus“, lobte er, ehe es an den Amtseid vor der Truppenfahne ging. Doch selbst nach dem Ende blieben die Soldaten noch stramm stehen - schließlich wollten sie vor den Angehörigen, die sich auf sie stürzten, noch ein gutes Fotomotiv abgeben.

Bilder: "Es ist sehr bewegend, hier zu stehen"

Boris Forstner

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