Hindernis Kopfsteinpflaster: Schön anzusehen, aber für Rollstuhlfahrer eine Herausforderung, wie die Teilnehmer der Rollstuhl-Führung durch die Altstadt erlebten. Foto: fröhlich

Selbstversuch: Im Rollstuhl durch die Schongauer Altstadt

Schongau - Im Selbstversuch Hindernisse für Rollstuhl- und Rollatorfahrer erfahren: Das haben Interessierte in der Schongauer Altstadt gemacht.

„Eine interessante Erfahrung“ hatte Ronald Weber vom Gesundheitsamt Weilheim-Schongau den freiwilligen Testern beim Inklusionstag angekündigt - und damit nicht zu viel versprochen. Das Fazit der Teilnehmer: Rollstuhlfahrer haben es in der Schongauer Altstadt schwer. Viele Hindernisse erschweren das Vorwärtskommen, in die meisten Geschäfte kommen Rolli-Fahrer oder Menschen, die auf Rollatoren angewiesen sind, gar nicht rein.

Los ging die Tour vom Parkplatz vor dem Gesundheitsamt. Die zehn Teilnehmer der ersten Führung, darunter drei Kinder, starteten mit fünf Rollstühlen, die abwechselnd benutzt wurden. Das erste Hindernis ist das Kopfsteinpflaster. „Hübsch anzusehen, aber nicht geeignet für Rollen“, urteilt eine Teilnehmerin. Durch die vielen Rillen stellen sich die kleinen Rollen am Rollstuhl immer wieder quer oder bleiben hängen.

Weiter geht es auf dem Bürgersteig. Zwar ist dieser glatt betoniert, aber auch so abschüssig, dass der Rollstuhl immer wieder in Richtung Straße driftet und den Benutzern einige Geschicklichkeit abverlangt. Bordsteinabsenkungen an Straßenübergängen sind entweder nicht vorhanden oder nur an schmalen Stellen, die hoffentlich nicht zugeparkt sind, wenn sie benötigt werden. Eine Markierung, um Autofahrer darauf hinzuweisen, fehlt.

„Überlegt Euch mal, was Ihr hier einkaufen möchtet“, fordert Weber anschließend die Führungsteilnehmer auf. Ein Handy zu kaufen ist schon mal schwierig. Denn die Geschäftsräume eines Ladens an der Weinstraße sind nur über eine Treppe zugänglich. Aber die benachbarte Stadtpfarrkirche soll doch wohl barrierefrei zugänglich sein.

Beim Versuch aber, mit dem Rollstuhl dort hineinzukommen, ist schnell klar: Einfach wird das nicht. Zwei Schwellen sind zu überwinden. Am besten rückwärts. Die schwere Türe mit dem streng eingestellten Türschließer ist ein zusätzliches Hindernis. Mit aller Kraft aufgestoßen, fällt sie schneller zu, als jeder Besucher mit Rollstuhl oder Rollator sie passieren kann. Körperlich eingeschränkte Rollstuhlfahrer schaffen das ohnedies nur mit der Hilfe einer Begleitperson.

Nächste Station ist die Behindertentoilette am Ballenhaus. Wieder der Kampf mit dem Türschließer. Immerhin haben die Teilnehmer bei der Rollstuhlführung zwei barrierefreie Apotheken ausgemacht, von denen ein Zugang aber fortgeschrittene Rangierkünste erfordert. „Unsere Rollstühle sind jetzt nicht die neuesten Fabrikate, und wer auf den Rollstuhl angewiesen ist, hat in der Regel seine Tricks, um gewisse Hindernisse zu überwinden“, erklärt Ronald Weber.

Trotzdem bleibt der Eindruck, dass man sich mit dem Rollstuhl in der Altstadt nicht ungezwungen bewegen kann. Bei der Schlussbesprechung bringt es ein Teilnehmer dann auch auf den Punkt: „Solche Führungen sollten Pflichtprogramm für alle Städteplaner, Architekten und Baubehörden sein!“

Auch interessant

Kommentare