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Fingerspitzengefühl ist beim Bemalen der Wachsfiguren besonders gefragt. 

Seltengewordene Kunst

Wachsfiguren aus Herzogsägmühle für die ganze Welt

Herzogsägmühle - Weltweit gibt es Wachsfiguren aus Herzogsägmühle zu kaufen. Dabei steckt hinter diesem selten gewordenen Handwerk weit mehr als der rein wirtschaftliche Gedanke. Ein Beruf, der Fingerspitzengefühl verlangt – und den Mitarbeitern festen Halt fürs Leben gibt.

Von der afrikanischen Elfenbeinküste bis in die USA haben Produkte aus der Licht- & Wachsmanufaktur Herzogsägmühle ihren Weg gefunden. Der Betrieb im Diakoniedorf steht in der Tradition der im 16. Jahrhundert gegründeten Schongauer Wachsmanufaktur, die in den 80er-Jahren nach Peiting umgezogen war, zeitweise mehr als 300 Menschen sowie zusätzlich Heimarbeiter beschäftigte. Ende der 90er-Jahre schloss das Unternehmen allerdings die Pforten.

Licht & Wachs Herzogsägmühle versteht sich als legitimer Nachfolger, beschäftigt heute um die 30 Menschen. Die Herstellungspalette reicht von Fackeln und Teelichtern (Tagesproduktion bis zu 8000 Stück auf einer halbautomatischen Fertigungsstraße) bis hin zu Kostbarkeiten wie Wachsbildnereien.

Wachsbildner - ein seltener Beruf

Betriebsleiter Marc Sieling und Wachsbildner Daniel Dengler schmeißen den Betrieb. Erlernen kann man diesen seltenen Beruf an einer Berufsschule in München, die Lehrlinge aus dem kompletten deutschsprachigen Raum versammelt. Und trotzdem hält sich die Auszubildendenzahl mit fünf bis zehn pro Jahr in fast elitären Grenzen.

Einst war die Wachsbildnerzunft mit Lebzeltern und Metsiedern die größte der Stadt Schongau. Heute muss die alte Handwerkskunst den Spagat zwischen Tradition und Umweltspannungen bewältigen.

Wachssorten nur noch in begrenztem Maße verfügbar

Dengler hat unlängst darauf hingewiesen, dass alle Wachssorten, egal welche man betrachte, nur in begrenztem Maße verfügbar seien. Bienenwachs, das Kostbarste, sei aufgrund des weltweiten Bienensterbens rar geworden. Praffin als ein Nebenprodukt der erdölverarbeitenden Industrie werde wegen der versiegenden Ölquellen ebenfalls weniger.

Es blieben noch pflanzliche Wachse aus Rohstoffen wie Raps und Palmfett. Rapsfelder wiederum belasten die Umwelt durch Monokulturen und den massiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln; für den Anbau von Ölpalmen wiederum wird der Regenwald in großem Stile abgeholzt.

Die Licht- & Wachsmanufaktur reagiert auf die daraus resultierenden Herausforderungen beispielsweise damit, dass die gesamte Outdoor-Produktpalette zu 100 Prozent aus recycelten Kerzenresten hergestellt wird. Die Menge von angeliefertem Altwachs pro Jahr ist beeindruckend – sie liegt bei 25 bis 30 Tonnen!

Kerzenreste nicht wegwerfen!

Die regelmäßigen Aufrufe, Kerzenreste nicht wegzuwerfen, sondern zu sammeln und an Betriebe wie Herzogsägmühle zu spenden, verfehlen offenbar ihre Wirkung nicht. Neben einschlägigen Betrieben in Bad Tölz, München, Augsburg und einigen Adressen im Allgäu behauptet sich die Licht- & Wachsmanufaktur an der Spitze des Marktes. Produkte der Kerzenzieherei finden sich beispielsweise in vielen Eine-Welt-Läden.

Die kunstvollen, in kreativer Handarbeit hergestellten Kerzen für feierliche Anlässe wie Taufen, Hochzeiten, Kommunionen, Trauerfälle, aber auch Jubiläen haben eine treue Abnehmerschaft. Man arbeitet in dieser Kunst nicht nur nach traditionellen Vorlagen. Der Fantasie sind im Entwurf zeitgenössischer, aktueller Designs keine Grenzen gesetzt. Individuelle Gestaltungswünsche werden gerne entgegengenommen. Die Figuren und Skulpturen sind Filigranarbeit, die eine sichere Hand und gutes Augenmaß verlangen. Beim Bemalen mit Ölfarben wird mit größter Sorgfalt vorgegangen.

Starke Abnehmer sind Weihnachtsmärkte und Kirchen

Mitte Oktober bis Anfang Dezember, eng gebunden an den dörflichen Weihnachtsmarkt am jeweils ersten Adventswochenende, herrscht Hochbetrieb. Über das Jahr verteilt sind Kirchen verlässliche Abnehmer.

Insgesamt hält die Wachsbildnerei einen Produktionsanteil von rund zehn Prozent am Ausstoß von Licht und Wachs. Für die in der Massenproduktion von Teelichtern, Fackeln und Anderem tätigen Beschäftigten ist der Betrieb in Herzogsägmühle ein wahrer Ankerplatz. „Sie haben in der Regel auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum mehr Chancen“, sagt Marc Sieling. Aber sie fänden in der Tagesstruktur eine sinnvolle Beschäftigung mit einem äußerst hohen Motivationsgrad. Und den versucht Sieling unbedingt aufrechtzuerhalten: „Die Beschäftigung, die den hier tätigen Menschen geboten wird, ist für sie das Wichtigste; würde man sie ihnen wegnehmen, bräche für sie eine Welt zusammen."

Rüdiger Matt

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