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Richtig was los ist bei der Sonderfahrt am Haltepunkt am Bahnhof in Denklingen.

Sonderfahrten der Fuchstalbahn

Wenn Männerherzen höher schlagen

Schongau -  Am Wochenende gab es beides: Sonderfahrten mit dem Oldtimer-Schienenbus nach Landsberg und viel drumherum für Eisenbahn-Enthusiasten.

Beschwingten Schrittes eilt Karl-Heinz Gerbl über die Bahnsteige. Fast genau 40 Jahre, nachdem er als Lehrling hier angefangen hat, ist der frühere Schongauer Bürgermeister zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Zumindest für einen Tag. Er ist Schaffner auf der Strecke zwischen Schongau und Landsberg.

Und wie vor 40 Jahren auch auf der selben Zuggarnitur, dem VT 798. „Einfach schön“, erzählt Gerbl, sei die Fahrt gewesen. Er erinnert sich noch genau, wie es seinerzeit war. Man habe nicht zwischen den Wagen hin- und hergehen können, so Gerbl. Weshalb der Zugbegleiter genau habe beobachten müssen, wo die Fahrgäste zusteigen. Entsprechend musste auch der Schaffner wechseln, um die Fahrkarten zu entwerten oder eine zu verkaufen. „Raus auf den Bahnsteig und wieder rein in den anderen Wagen.“

Gerade ist die nun vierteilige Zuggarnitur in Schongau angekommen, wenige Momente zuvor der Regelzug aus Weilheim auf dem Nachbargleis. Dass beide nebeneinander stehen und nicht kollidiert sind, haben sie auch Marinus Sahnert zu verdanken. Denn der Sechsjährige hat sich im Stellwerk genau zeigen lassen, wie man die Weichen stellt – natürlich mit Hilfe von Klaus Pust, dem Schongauer Fahrdienstleiter.

Mechanische Technik, die fast wie vor 100 Jahren funktioniert. Mit ganzem Körpereinsatz muss Marinus an dem Hebel ziehen, damit die Weiche umgelegt wird.

Heute, erzählt Karl-Heinz Gerbl, muss der Fahrdienstleiter nur noch Knöpfe drücken, funktioniert alles elektronisch. Als Streckengänger habe er seinerzeit auch noch selbst die Strecke ablaufen und jede einzelne Schraube anziehen müssen, um sicherzustellen, dass keine Schraube locker ist, erinnert er sich. „Heute kontrolliert ein mit Technik vollgestopfter Zug, ob der Gleisabstand noch stimmt, und die Schrauben sitzen.“ Auch das mechanische Stellwerk für die Weichen, so wie in Schongau, ist eines der letzten dieser Art, so Pust.

Details, auf die Marinus bei „seiner“ Bahn nicht achten muss. Die wird immer zu Weihnachten herausgeholt, dann ist der kleine Schongauer selbst Lokführer seiner Dampfloks, auch wenn er später lieber zur Feuerwehr gehen würde. Die Fahrt heute hat er sich gewünscht, er will zum Mittelalterfest. Und wenn es der Papa erlaubt, fahren beide im Oktober nach Augsburg, zum Bahnpark und dem Jubiläum der Bahnverbindung Augsburg München.

Nicht nur im Modell Lokführer hingegen ist Alfred Lorenz, der normalerweise die modernen Triebwagen steuert. Heute aber durfte er den Zug zwischen Landsberg und Schongau führen. „Ein total interessantes Erlebnis, so ein Fahrzeug zu führen.“ Alles sei anders, als er es gewohnt ist, erklärt der Lokführer. „In den modernen Zügen gibt es nur einen Hebel. Hier hat man für alles einen eigenen Schalter oder Hebel.“ Und man habe sehr viel mehr Eigenverantwortung, „wie man fährt, bremst, schaltet und beschleunigt. Einfach interessant“, schwärmt er.

Toll sind die Sonderfahrten für alle, die selbst noch kein Auto haben. Wie für Sina und ihre Freundin, denn nur so hatten die beiden Teenager die Chance, zum Ruethenfest zu gelangen. Doch es gibt auch Mitfahrer, die nicht zum Fest wollen, sondern in ihren Erinnerungen schwelgen. Oder einfach die Strecke der Fuchstalbahn kennenlernen wollen, so wie Gerhard Stützl aus Leeder. „Für mich ist das eine herrliche Kindheitserinnerung. Ich bin vor über 50 Jahren immer mit dem VT 98 und mit meinen Eltern von Regensburg in den Bayerischen Wald gefahren.“ Deshalb steht die Zuggarnitur auch in kleiner Form bei ihm zu Hause. „Ich habe ihn gleich vier Mal auf meiner Modellbahnanlage.“

Selber pendelt Stützl nach München, fährt mit dem Auto bis Kaufering und würde sich einen Bahnanschluss vor Ort wünschen. „Es wäre gut, wenn ich mit dem Radl zum nächsten Bahnhof fahren könnte“, meint er. Und es sei schade, dass die Bahn immer mehr Nebenstrecken auflasse. „Es dauert zwar länger mit dem Zug. Aber die Fahrt ist um so vieles entspannter. Und ich lese wieder mehr.“

Heute ist er nicht nach Landsberg gefahren, sondern wollte nur die Strecke sehen. Die kennt er, weil er sie oft mit dem Fahrrad abfährt . „Eine sehr schöne Strecke.“

Auf die geht der Triebwagen jetzt wieder. Mit einem Grummeln aus dem Diesel beschleunigt der Schienenbus und fährt aus dem Bahnhof aus. Und die kleine Abgasfahne kündet davon, dass wieder Leben herrscht auf der Fuchstalbahn.

os

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