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Begehrtes Diebesgut:  die Kerzen, die Wallfahrtsreferent Karl Müller-Hindelang und Monsignore Gottfried Fellner (v.li.) zeigen, werden häufig einfach mitgenommen.

Begegnungen in der Wieskirche 

Von Egoisten und vorbildlichen Japanern

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Die Wieskirche ist und bleibt ein Magnet für Touristen aus aller Herren Länder. Damit die Gottesdienste im Weltkulturerbe nicht gestört werden, hatte sich Wallfahrtsreferent Karl Müller-Hindelang vor einigen Jahren ein Ampelsystem ausgedacht, das die Besucherströme besser lenkt. Es hat sich bewährt. Unverbesserliche Egoisten stoppt es freilich nicht.

Wies – Wallfahrtspfarrer Monsignore Gottfried Fellner und sein Referent Karl Müller-Hindelang könnten Bücher schreiben über all das, was sie in der Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland schon alles erlebt haben. Glückliche Momente gehören in der Wies ebenso dazu wie ärgerliche Begegnungen mit rücksichtslosen Besuchern. Die sind zwar die Ausnahme, betonen die beiden. Dennoch kommen immer wieder Gäste, die höchst unangenehm auffallen.

„Manche sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie beim Betreten der Kirche gar nicht merken, dass gerade ein Vortrag stattfindet“, weiß Wallfahrtsreferent Müller-Hindelang. „Sie reden ungeniert in voller Lautstärke, um dann höchst pikiert zu reagieren, wenn wir sie um etwas Rücksichtnahme bitten“, berichtet er von Egoisten, die glauben, allein auf der Welt zu sein. „,Hoppla, jetzt komm’ ich!’“, signalisieren sie „und flanieren trotz Gottesdienst, Andacht oder Führung in überzeugter Missachtung der aufgestellten Hinweistafeln fotografierend und mitunter sogar blitzend durch die Kirche, als handle es sich um einen städtischen Boulevard“.

Dazu kommen „die ganz speziellen Reiseleiter“, über die sich die Verantwortlichen in der Wies sehr ärgern. Sie platzen ohne Anmeldung mit ihren Gruppen in laufende Führungen und halten lautstark ihre eigenen. Wenn Referent Müller-Hindelang sie darauf anspricht, bekommt er glatt zu hören: „Diese Kirche ist öffentlich, und damit haben wir das Recht, uns hier zu bewegen, wie es uns gefällt.“ Dann ist auch der geduldige Wallfahrtsreferent mit seiner Geduld am Ende und macht ihnen unmissverständlich klar, „dass sie gerade Hausfriedensbruch begehen, auch in einem Weltkulturerbe gibt es ein Hausrecht“.

Das Hinweisschild in der Kirche (Bild rechts) beachten nicht alle Gäste. Einige benehmen sich in der Wies wie auf einem städtischen Boulevard.

Die Pfarrei bietet in der Wies selbst deutschsprachige Führungen an. Sie dauern 30 Minuten, am Ende wird um eine „angemessene Spende“ gebeten. Auch unter diesen geführten Gästen tummeln sich neben den braven auch ein paar schwarze Schäfchen. „Schon beim Ankommen fragen sie, ob die Führung in maximal 15 Minuten durchgezogen werden könne“, beschreibt der Wallfahrtsreferent die Sorte Touristen, die von einem Schloss zum nächsten hetzt. Nach der Führung gebe es kein Wort des Dankes, und auch dem aufgestellten Spendenkörbchen weichen viele aus, so gut es geht. Das gilt laut Müller-Hindelang leider auch „für die aufmerksamen Zuhörergruppen“. Er hat es ausgerechnet: Eine Gruppe mit 80 Teilnehmern hatte 2017 einmal 23,68 Euro gespendet, das macht 29,6 Cent pro Person. „Da bleibt ein schales Gefühl, vor allem, wenn es sich um Buchungen kommerzieller Reiseanbieter handelt, die durch solch eine Führung ihr Programm aufwerten.“

Und als ob das alles noch nicht traurig genug wäre, halten einige Besucher das weltberühmte Gotteshaus offenbar obendrein noch als Selbstbedienungsladen ohne Kasse: So berichten Wallfahrtsreferent und -pfarrer von einem geradezu beängstigenden Schwund der mehrsprachigen Kirchenführer, die es am Eingang der Kirche auf Vertrauensbasis per Münzeinwurf zu kaufen gibt. 3 bis 6 Euro kosten die Heftchen. Sie sind nur so teuer, „weil 40 Prozent nicht bezahlt werden“, bedauert der Monsignore und fügt traurig hinzu: „Das ist der Edelkommunismus unserer Zeit.“

Ein „beliebter Sport“ sei auch das Mitnehmen der Opferkerzen, für die auf den Schildern davor um 1 Euro gebeten wird. „Der Verlust liegt bei mindestens 30 Prozent“, erläutert der Pfarrer das Loch in der Kasse, das die Pfarrei selbst stopfen muss. Und er berichtet von besonders schlauen Autofahrern, die die Rechnung auf ihre ganz eigene Art und Weise begleichen: „Sie werfen statt Geld ihre Parkquittung in den Opferstock, dabei gehört der Parkplatz gar nicht uns“, sagt Fellner mit Blick auf die gemeindliche Fläche.

Der Geistliche und sein Wallfahrtsreferent nehmen das alles dennoch mit bewundernswerter Gelassenheit hin. „Ganz andere Erfahrungen relativieren so manches“, nennt Müller-Hindelang den Grund. Wenn zum Beispiel ein Gast bekenne, „nie zuvor die liebende Begleitung Gottes so intensiv vor Augen gehabt zu haben wie hier, dann tue das gut“, sagt Hindelang. Oder wenn ein Fünftklässler nach oben blickt und angesichts des scheinbar mitgehenden Himmelstores in der Wies feststellt: „Für mich bedeutet das, dass Gott immer – egal, wo ich bin – mit mir im Kontakt sein will.“

Pfarrer Fellner erinnert sich mit einem Schmunzeln auch an eine weltlichere Begegnung mit einer berühmten japanischen Schauspielerin, die samt Filmteam in die Wies gekommen war. „Ich habe sie eine Stunde durch die Kirche geführt“, erzählt der Geistliche, der es höchst amüsant fand, dass er in dem Fernsehbeitrag dann von einem Japaner synchronisiert wurde. „Sogar der Tonfall hat gepasst“, lobt der Monsignore die Produktion. „Seitdem denken die Japaner, dass ich die Führungen in der Wies auch in japanisch gebe“, lacht der Pfarrer.

Der Beitrag verfehlte seine Wirkung nicht. Tatsächlich verzeichnet Fellner seit der Ausstrahlung im Ersten Japanischen Fernsehen einen spürbaren Anstieg der Wies-Gäste aus dem Osten Asiens. Und das freut auch den Wallfahrtsreferenten. Die Japaner seien besonders freundliche und höfliche Gäste, lobt Müller-Hindelang. Sie achten demnach genau auf die Ampel, die die Besichtigungszeiten in der Wallfahrtskirche regelt: Grün bedeutet, „die Kirche ist immer frei zur Besichtigung“. Rot: „Gottesdienstzeiten – Besichtigung der Kirche ist generell nicht erlaubt.“ Gelb wiederum weist darauf hin, dass in den markierten Zeiten Besichtigungen nur teilweise möglich sind: „Falls ein Gottesdienst eine Führung oder ähnliches stattfindet, wird aus der gelben eine rote Sperrzone“, heißt es in der Erklärung. Bei den Reiseveranstaltern und insbesondere den japanischen kommt die Ampel jedenfalls sehr gut an: „Immer mehr halten sich nun an die geordneten und offenen Besuchszeiten der Wieskirche, und sie sind sogar dankbar, weil sie ihre Besuchsfahrten besser planen können“, freuen sich die Wies-Verantwortlichen.

Die Ampel für die Besichtigungszeiten der Wieskirche ist im Internet unter www.wieskirche.de/oeffnungszeiten.de abrufbar. Nähere Infos unter Telefon 08862/932930

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