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Die Musik ist sein Leben: Gerhard Klein spielt seit 70 Jahren im Musikverein Steingaden Klarinette, 66 davon die erste. 

Serie: Ehrenamtliche im Schongauer Land

„Die Musik tut mir so gut“

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In der Kirche, bei der Feuerwehr oder in anderen Vereinen und Institutionen: Ohne Ehrenamtliche würde in der Gemeinschaft nichts richtig funktionieren. Was bewegt diese Menschen, die unentgeltlich einen großen Teil ihrer Freizeit der Allgemeinheit opfern? In einer Serie stellen wir in loser Reihenfolge Ehrenamtliche aus dem Altlandkreis Schongau vor, die seit Jahrzehnten tätig sind. Heute: Gerhard Klein aus Steingaden.

Steingaden– „Der Finger war so gut wie ab“, erinnert sich Gerhard Klein mit Grausen an den 5. Februar 2018. Der 79-jährige Steingadener spielt leidenschaftlich gerne auf seinen Klarinetten im örtlichen Musikverein. Hin und wieder macht er auch kleinere Schreinerarbeiten. Und da passierte es: „Ich bin mit dem Finger in die Kreissäge gekommen.“ Viel größer als die Schmerzen waren die Sorgen, nie wieder seine geliebte Klarinette spielen zu können und die Musikerkollegen im Stich lassen zu müssen.

Der Steingadener ist eine Institution im Musikverein, dem er seit 70 Jahren angehört, von 1980 bis 1995 war er der erste Vorsitzende. Von Anfang an spielte Klein die Klarinette, 66 Jahre davon die Erste. Nur zwei der 70 Jahreskonzerte hat er verpasst: Einmal ging es mit der Pfarrei nach Frankreich, das zweite Mal musste er vergangenes Jahr mit verbundenem Zeigefinger zuhören.

Heuer wieder beim Frühjahrskonzert dabei

Dank der gelungenen Arbeit der Handchirurgen in der Unfallklinik in Murnau ist der langjährige Vereinschef heuer wieder mit von der Partie beim Frühjahrskonzert. „Aber auch beim Gaufest im Juli in der Wies konnte ich schon wieder 30 Töne spielen“, berichtet er stolz und präsentiert die Klarinette mit dem kleinen Holzstift im Loch. Da sein Zeigefinger seit dem Unfall ein paar Millimeter kürzer ist, kommt er nicht mehr richtig an die Klappe heran, die das Loch abdeckt. Mit dem Instrumentenbauer seines Vetrauens fand Klein bei seiner zweiten Klarinette dann aber eine Lösung, das Tonloch zu erreichen. Jetzt erklingen wieder alle Töne und der Steingadener ist glücklich: „Musik ist einfach etwas ganz besonderes, das tut mir so gut.“

Das Schreckenskapitel mit dem Zeigefinger ist die jüngste von unzähligen Geschichten, die der ehemalige Gymnasialdirektor aus seinem Leben erzählt. Es ist geprägt von Ehrenämtern. Die Mitgliedschaft im Musikverein ist das eine, die weit über Steingaden hinaus bekannte Tanzlmusik das andere. Klein war ihr Mitbegründer und 45 Jahre in der Gruppe aktiv. Bei den Reisen lernte er auch die Liebe seines Lebens kennen. 1973 traf Klein in Südtirol seine Ilse. Schon im Jahr darauf wurde geheiratet, ein weiteres Jahr später kam die erste Tochter zur Welt. Heute haben die Kleins vier Kinder und fünf Enkelkinder.

Fasziniert vom Welfenmünster

Und die fühlen sich trotz der vielen Ehrenämter des Großvaters keineswegs vernachlässigt, betont der 79-Jährige. „Obwohl ich mich selber darüber wundere, dass ich für die Familie immer genügend Zeit hatte“, sagt er mit Blick auf sein zweites großes Steckenpferd: die Kirchen in und um Steingaden, die – mal von den Pfarrern abgesehen – kaum jemand so gut kennt wie Gerhard Klein. Am Herzen liegt dem gebürtigen Steingadener dabei besonders die Geschichte des Klosters, von dem nach der Säkularisation im Jahr 1803 fast nur die Kirche übrig geblieben ist. Die Faszination der Kirche und ihre Ausstattung packte Klein schon im Bubenalter. Damals kletterte er bei der ersten Restaurierung des Welfmünsters aufs Gerüst und betrachtete neugierig den Stuck. Dabei fiel dem kleinen Gerhard eine Stuck-Geige mit echten Saiten ins Auge. „Aber die Saiten waren kaputt“, erinnert sich Klein. Kurzerhand besorgte er den Restauratoren neue. „Und die hängen noch heute da.“

Davon überzeugt sich der 79-Jährige in schöner Regelmäßigkeit, wenn er Besuchergruppen durch die Kirche führt. Rund fünf bis zehn Mal im Jahr macht der Steingadener das – natürlich ehrenamtlich. Das japanische Fernsehen war schon unter den Gästen, auch zwei Gruppen Kunststudenten aus Wien. Und im Klostermuseum, das der kunstbegeisterte Steingadener ebenfalls ehrenamtlich mitbetreut, erspähte er sogar einmal Wolfgang Thierse, der „inkognito“ vorbeigeschaut hatte. Stolz ist der 79-jährige unter anderem auch auf einen langen Artikel zur Baugeschichte des Klosters, den er 1996 für das Jahrbuch „Der Welf“ geschrieben hat. Gezeigt werden darin unter anderem die verschiedenen Ansichten, die die Gebäude des Klosters einmal hatten. Das Welfenmünster fasziniert ihn bis heute: „Es ist ein aufgeschlagenes Buch der Kunstgeschichte vom 12. bis ins 21. Jahrhundert.“

Klein musste seinen Heimatort nie lange verlassen

Der Steingadener ist überglücklich, dass er seinen Heimatort nie lange verlassen musste. Nach dem Studium zum Gymnasiallehrer hätte es ihn als Staatsbeamten überall hin verschlagen können, weiß er. Doch er kam als Physik- und Mathematik-Lehrer ans Welfen-Gymnasium in Schongau. Von 1992 bis 2002 leitete Klein obendrein als Direktor das Gymnasium in Hohenschwangau.

Als Pädagoge war Klein beliebt, weiß er von seinen Schülern. „Ich war ein strenger Lehrer, aber die Schüler haben es nicht gemerkt“, verrät er das Geheimnis seines Erfolgs und lacht. Am 30. Juni feiert Gerhard Klein seinen 80. Geburtstag. Die Schar der Gratulanten dürfte groß werden.

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