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Viel Inhalt, viel Beifall: Künstlerischer Leiter Christoph Garbe, Thomas Stimmel (Bass), Theresia Krecu (Sopran), Frieder Lang (Tenor), Brigitte Lang (Alt), Julia Sophie Wagner (Sopran).

Festlicher Sommer in der Wies

Eine Verneigung in Demut und herrliche Klänge

Wies - Mit Bedacht hat Christoph Garbe, nun bereits im dritten Jahr erfolgreich als Künstlerischer Leiter des „Festlichen Sommers in der Wies“, zur Eröffnung der Sommerkonzerte in der Wies die beiden Bachkantaten ausgewählt. „Das Bedürfnis nach Inhalt ist in jedem von uns angelegt“ so Garbe. Der geniale Thomaskantor J. S. Bach konnte wie kein Zweiter die Brücke zwischen Klang und Inhalt, zwischen Substanzkraft der Aussage und tief gelebter Frömmigkeit bauen.

Auch heute, vielleicht gerade heute, gewinnt die Sehnsucht nach Frieden, die Suche nach Trost und Sinn in der von barbarischer Gewalt geprägten Gegenwart zunehmend an Gewicht. Wo, wenn nicht im Angesicht des Gegeißelten Heilands findet diese Musik ihren idealen Platz, postulierte denn auch Wiesprälat Gottfried Fellner. So wogt es in Bachs Bass-Kantate „Ich habe genug“ denn auch von Beginn an sanft und zuversichtlich in der kammermusikalischen Besetzung von „La Banda“. Der junge Bass Thomas Stimmel gestaltet seinen Part weich, eher verhalten, setzt mit seiner angenehmen, aber nicht allzu profunden Stimme eher aufs Miteinander statt darauf, sich in den Vordergrund zu drängen.

Christoph Garbes dirigentische Aufmerksamkeit steht im Zeichen des Vertrauens auf Kraft und Wirkung dieser Musik. Er ist kein betriebsamer Macher, er ist ein sensibler Möglichkeiteneröffner. In seinen Händen darf der Klang wirken, darf sich die Fantasie des Hörers wohlfühlen, weil sie sachte geleitet wird. Stringent, in heiter beschwingtem Tempo, geht man dem irdischen Ende entgegen. „Ich habe genug“ ist eben kein depressiv melancholischer Abgesang, sondern eine Trostmusik, die dem Tod mit zarter Hand den Stachel nimmt.

Kantate BWV 158 „Der Friede sei mit Dir“ konstatiert den fast frappierenden Gegenwartsbezug im Choral „Welt, bei dir ist Krieg und Streit, nichts denn lauter Eitelkeit“. Hier fügen sich erstmals die wunderbar geführte leuchtende Sopranstimme von Julia Sophie Wagner, wie auch dann am Ende das ganze Solistenquartett – ergänzt mit Frieder Lang, Tenor, und Brigitte Lang, Alt –, zu einem Vokalvierer, der in warmer stimmiger Balance überzeugt.

Frisch und geschlossen feiert der Chor der Stadt Schongau anschließend in Joseph Haydns „Missa in Angustiis“ ein wahres Fest der Chormusik. Nicht nur einfach prächtig, sondern intensiv gelebt gesungen, schwillt es „glorificamus te“ durchs ganze Kirchenschiff, ohne jedoch forciert laut zu werden. Die Dialogstruktur zwischen Soli und Chor erzeugt eine faszinierende Spannung, beinahe geheimnisvoll, intensiv beschwörend schwebt das „miserere nobis“ in den Raum.

Auch der Nachklang des „Amens“ der vier Soli gestaltet einen der vielen berührenden Momente an diesem Abend. Das Credo wird zum sinfonischen Tanz der Chorstimmen. Jedes Wort wird vom Chor voller Bedacht, voller Bedeutungsgewicht in die große Waagschale gelegt. Garbe, mit zupackender Geste, gestaltet immer wieder neue, wunderschöne Farben. Fast geflüstert gleitet man ins Sanctus mit beeindruckender Disziplin bei den organisch schwellenden Crescendi. Mit leichter Hand tupft er Stimmungswechsel, vom Orchester sensibel untermalt.

Frieder Lang führt seinen Operntenor schlank, ganz in bester Evangelisten-Tradition. Der warme Alt seiner Frau Brigitte verströmt eine unerschütterliche, tröstend verstehende Ruhe. Angeführt von Julia Sophie Wagners silbernem Sopran, fließen die vier Solisten wie ein warmer Sonnenstrahl in das Benedictus. Der Hörer staunt über ein „Hosana“, das freudig fliegen kann, ein im Piano federleichtes, im Forte brillantes „dona nobis pacem“. Doch Schönheit ist nie Selbstzweck, dient immer dem Aufspüren, der Suche nach der geistigen Ebene des Werkes.

Man erlebt kein Triumph-Geschmettere, sondern eine Verneigung in Demut und herrlichen Klängen. Der Publikumsjubel zeigte, dass man sich hierüber einig ist.

Dorothe Fleege

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