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Zum Hochgebet kamen unter anderem (v.l.) Diakon Gerhard Kahl, Bischof Dr. Ivo Muser und Monsignore Gottfried Fellner zusammen.  

Gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit

Mahnende Worte beim Tränenfest in der Wies

Beim Tränenfest in der Wies sprach unter anderem Bischof Dr. Ivo Muser. Er wies auf die Einzigartigkeit des christlichen Glaubens hin.

Wies„Hoc Loco habitat fortuna, hic quiescit cor – An diesem Ort wohnt das Glück, hier kommt das Herz zur Ruhe”: Eine Glasscheibe mit diesem Spruch, den vermutlich Abt Marianus Mayer, der Bauherr der Wieskirche in ein Fenster des Prälatensaales geritzt hat, überreichte Monsignore Gottfried Fellner dem Diözesanbischof von Bozen-Brixen, Dr. Ivo Muser, zum Ende der Messe als Gastgeschenk. Muser war Hauptzelebrant des Pontifikalgottesdienstes zum Tränenfest in der Wies gewesen.

Den Diözesanbischof von Bozen-Brixen hatte er bei einer persönlichen Begegnung vor drei Jahren auch wegen der traditionellen Verbindung des Mutterklosters Steingaden zu Südtirol in die Wieskirche eingeladen. Das Tränenfest erinnert an das wundersame Geschehen am 14. Juni 1738, als die Lory-Bäuerin im Gesicht des Gegeißelten Heilands, den sie sechs Wochen zuvor auf ihren Hof hatte bringen lassen, Tränen entdeckte – was in der Folge eine europaweite Wallfahrtsbewegung auslöste.

Auch heuer befand sich unter den Gottesdienstbesuchern – wie jedes Jahr seit 2002 – eine Gruppe von Allgäuern, die unter der Leitung von Diakon Gerhard Kahl und Diakon Christian Spahn nach einer sechstägigen Fußwallfahrt am Vorabend des Tränenfestes aus Lindau angekommen war. Nachdem mehrere Böllerschüsse um Punkt zehn Uhr die Festlichkeiten eröffnet hatten, war es auch Diakon Kahl, der den Einzug der Geistlichen anführte – gefolgt von Monsignore Fellner, Ruhestandspriester Lothar Winner (ehemaliger Militärpfarrer aus Rettenbach) und Pater Petrus-Adrian Lerchenmüller aus Steingaden sowie Bischof Muser und Bischofssekretär Michael Horrer.

In seiner Predigt wies der Bischof auf die Einzigartigkeit des christlichen Bekenntnisses hin: Christen glaubten nicht an irgendeinen fernen, weltabgewandten Gott, der in reiner Innerlichkeit erfahren werde, sondern an einen Gott, der sich nicht heraushalte, der nicht in seinem Himmel bleibe, sondern herabsteige und den Menschen dort begegne, wo sie ihn fänden – auch in ihrer Not, mit ihren Schreien und ihren Tränen. Ihn berühre das Gnadenbild in der Wieskirche deshalb wirklich, so der Bischof: der gegeißelte, weinende Heiland – aber dieser weine nicht seine Tränen, sondern unsere Tränen. Laut Papst Franziskus habe die Gesellschaft die Erfahrung des Weinens und des „Mit“-leidens vergessen, die Globalisierung der Gleichgültigkeit ihr die Fähigkeit zu weinen genommen. Muser: „Wir haben uns an das Leiden des Anderen gewöhnt: es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns schlicht nichts an!“ So werde die Begegnung mit dem weinenden, gegeißelten Heiland in der Wies, aber auch das Zulassen der eigenen Tränen zu einem Auftrag: Die Unempfindlichkeit, die Gleichgültigkeit und die Selbstbezogenheit aufzubrechen und sich als Christen einzusetzen für eine Kultur der Tränen, des Mitleidens, der Achtsamkeit und der Anteilnahme. „Christen ist eine Kultur des Lebens aufgetragen!“

Am Ende des Gottesdienstes bedankte sich Monsignore Fellner bei allen, die an der Liturgie, am Schmuck und an der festlichen Gestaltung beteiligt waren. Hervorzuheben sind der Kirchenchor und das Orchester aus Peißenberg, die unter der Leitung von Thomas Bodenmüller die Krönungsmesse von Mozart aufgeführt hatten. Bleibt zum Abschluss nur noch die Frage, ob es sich bei der Erscheinung auf dem Lory-Hof vor genau 280 Jahren tatsächlich um ein Wunder handelte? Monsignore Fellner hat dafür wohl die beste Antwort parat: „Wenn es kein Wunder war, dann ist es doch wunderbar, dass sich daraus eine der schönsten Kirchen der Weltkunst und eine ganz Europa umfassende Wallfahrtsbewegung entwickelt hat!“

Von Helmut Bernhardt

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