Hund Elli leistet Siegfried Moser Gesellschaft.
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Hund Elli leistet Siegfried Moser auf dem Brucker Hof Gesellschaft. Geht es nach dem Landratsamt, müssen sie ihr Zuhause bald verlassen.

Gerichtsverfahren laufen

Uriger Hof soll abgerissen werden: Landwirt bangt um sein Zuhause - und um seine Zukunft

  • Katrin Kleinschmidt
    VonKatrin Kleinschmidt
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Nur über eine huckelige Straße erreichbar, das Wasser aus einer Quelle, Strom vom Dach: Siegfried Moser liebt seinen abgeschiedenen Brucker Hof. Es ist ein Leben ohne Postbote und Müllabfuhr. Und mit ungewisser Zukunft.

Update, 9. Juni, 9.30 Uhr: Das Landratsamt bleibt hart. Warum es keine andere Möglichkeit sieht, Teile des Brucker Hofs abreißen zu lassen, hat es in einer ausführlichen Stellungnahme dargelegt.

Update, 31. Mai, 13 Uhr: Landwirt Siegfried Moser soll seinen Brucker Hof im Steingadener Außenbereich verlassen. Das hat ihm das Landratsamt Weilheim-Schongau im vergangenen Jahr schriftlich mitgeteilt. Es betrachtet die Betriebsleiterwohnung sowie einen Maschinenstadl als Schwarzbauten. Die Nutzungsuntersagung des Wohnbereiches gilt ab 1. Juni. Doch auch, wenn Moser bis dahin nicht ausgezogen ist, hat er vorerst nichts zu befürchten, wie das Landratsamt auf Nachfrage der Heimatzeitung mitteilt.

„Aus Respekt vor der noch ausstehenden (Eil-)Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes sehen wir vorläufig von der Einleitung von Zwangsmaßnahmen ab“, schreibt die Pressestelle. Normalerweise werde bei Nichtbefolgung der Nutzungsuntersagung ein Zwangsgeld fällig. Die ebenfalls zugestellte Beseitigungsanordnung für das Wohngebäude sowie den Maschinenstadl greife zudem erst, wenn die diesbezüglichen Gerichtsverfahren rechtskräftig sind. Mosers Anwältin hatte gegen das Landratsamt Klage eingereicht. Mehrere Urteile stehen aus.

Moser hat derweil eine Einzelpetition an den Bayerischen Landtag geschickt – eine solche ist ohne die Sammlung von Unterschriften möglich. Zur Berichterstatterin wurde die Grünen-Abgeordnete Anne Franke ernannt, die bereits die Petition zur Eselfarm „Asinella“ in Pähl betreut.

Urspring – Morgens, 5 Uhr, begann für Siegfried Moser der Tag. Während sich die Klassenkameraden vermutlich noch in ihre Betten kuschelten, da stand er schon mit dem Großvater im Stall. Kühe melken. Danach folgte ein Fußmarsch von einer Stunde, sein Schulweg. „Winter wie Sommer“, sagt Moser, mittlerweile 82 Jahre alt. Er weiß das alles noch ganz genau. Drei Jahre lebte er als Bub bei Oma und Opa. Hofnachfolger sollte er werden. Flott war er beim Melken, schwach in der Schule. Und gerade 13 Jahre alt, als der Großvater merkte: Für ihn wird die Arbeit zu viel, doch der Enkel war noch zu jung. Und so übernahm Mosers Onkel den Hof in Hausham. Für Siegfried ging’s zurück zu den Eltern. Zurück in ein anderes Leben.

Brucker Landwirt bangt um seine Zukunft: Ganz allein mit Hund Elli, den Kühen und der Natur

Doch die Arbeit mit den Tieren, die hatte ihn gepackt. „Ich war mit Leib und Seele in der Landwirtschaft tätig“, sagt Moser. Und so aufregend und anders sein Leben nach der verpassten Hofnachfolge gelaufen ist – mittlerweile ist er zurück bei seinen Wurzeln. Moser betreibt den Brucker Hof, entlegen im Außenbereich von Urspring, einem Steingadener Ortsteil. Kein Müllauto hält hier, kein Postbote bringt Briefe vorbei. Eine Quelle liefert fließend Wasser, Sonnenkollektoren den nötigen Strom. Moser lebt autark und abgeschieden. Oft hört er nicht mehr als das Muhen seiner 34 Rinder, das fröhliche Gebelle von Hund Elli und die lieblichen Geräusche der Natur: das Gezwitscher der Vögel, das Plätschern des Lechs, das Rauschen des Windes. „Ich bin glücklich, wenn ich hier bin“, sagt er. Doch sein Glück bröckelt. Zum 1. Juni soll er das Haus verlassen (Infos zum Rechtsstreit weiter unten). „Das Damoklesschwert des Auszugs bringe ich nicht aus dem Kopf.“

Stallarbeit gehört für Siegfried Moser zum täglichen Leben.

Denn was er jetzt lebt, das ist – simpel gesagt – sein Traum. Gelernt hatte der Miesbacher etwas anderes: In Füssen ließ er sich zum Einzelhandelskaufmann im Eisenwaren-Bereich ausbilden. 1963 machte er sich selbstständig, beteiligte sich später an mehreren Firmen. Er war erfolgreich, verdiente gut. Aber ein Leben ohne Landwirtschaft wollte er nicht. 1973 pachtete er nebenberuflich in Tirol einen Betrieb mit Pferden und Kühen. Sieben Jahre später kaufte er einen Hof in Magnetsried, baute ihn um. Seine Frau Edda, die er 1960 geheiratet hatte, war damit unglücklich – sie arbeitete in Garmisch, die Distanz war groß. Moser verkaufte seiner Frau zuliebe den Hof, zog mit ihr 1990 nach Bad Kohlgrub – und pendelte fortan nach Ingenried, wo er nun Rinder, Pferde, eine Reithalle und ein Wildgehege unterhielt. „Weit mehr als 100 Stück Vieh waren’s“, sagt er. Doch das Schicksal wiederholte sich. Das Paar, das eine Tochter hat, sah sich wenig, der Frust stieg. Als Moser seinen letzten Betrieb im Eisenwarenhandel verkaufte und 1998 in Pension ging, zogen sie gemeinsam nach Lechbruck – und kauften obendrein den Brucker Hof. Etwa sieben Kilometer lagen zwischen beiden Orten. „Es war perfekt, ich konnte meiner Passion nachgehen“, sagt er.

Landwirt Siegfried Moser: Jeder Tag ist voll mit Arbeit

Moser kaufte sich ein paar Rinder. Grauvieh – eine Tiroler Rasse, die schon seine Großeltern hatten. Und begann zu züchten. Anfangs nur mit kleinem Stall. Er baute einen weiteren und eine Maschinenhalle. Zudem zog Moser nach dem Tod seiner Frau auf den Hof, um sich besser um die Tiere kümmern zu können. Zwei Mal waren Kälber in den Lech gefallen, als er nicht da war. Seit er auf dem Brucker Hof wohnt, kam das nicht mehr vor. Langweilig ist Moser trotz der Abgeschiedenheit nicht. „Der Tag ist voll mit Arbeit.“ Die 34 Rinder wollen versorgt sein. Moser hat keine Ausbildung zum Landwirt gemacht, aber sich viel Wissen angeeignet. Vor allem vom Opa, Anton Zugliani, einem Züchter, der das Buch „Die Weide macht die Kühe“ schrieb. Mehr als 500 Kälbern half Moser auf die Welt, schätzt er. Einen Milchbetrieb hat er nicht. Er lebt von der Zucht – und seiner Rente.

Viel Holz hat Siegfried Moser entlang des 900 Meter langen Ufers zu verräumen. Stürme und der Biber leisten ganze Arbeit.

Obendrein bewirtschaftet er rund um den Hof 14 Hektar Land, gewinnt im Sommer das Heu für den Winter. 180 Ballen mit jeweils etwa 250 Kilogramm kommen da schon mal zusammen. Auch die 900 Meter Lech-Ufer an seinem Grund hält er in Ordnung. „Da habe ich unheimlich viel Sturm- und Biberholz zu verräumen.“

Nur einmal in der Woche verlässt er den Hof. Dann rumpelt er mit seinem Fahrzeug die huckelige Straße hinauf, die er selbst einst angelegt hatte. Er bringt seinen Müll weg, holt Briefe und Zeitungen an seinem Postfach in Lechbruck ab, geht Einkaufen. Ein bescheidenes Leben. Das ihn glücklich macht. „Weil ich meine Viecher und die Arbeit hier habe.“

Rechtsstreit um urigen Hof: Siegfried Moser könnte am 1. Juni sein Zuhause verlieren

Wer in Siegfried Mosers ländlicher Idylle vorbeischaut, ist erst einmal verzaubert. Doch rund um den Hof brennt ein Rechtsstreit. Das Landratsamt fordert, das Gebäude mit der Betriebsleiterwohnung sowie einen Maschinenstadl abzureißen. Der Besitzer wehrt sich. Es laufen Rechtsverfahren.

Der Streit schwelt schon viele Jahre. Dass das Landratsamt nun hart durchgreifen will, hat wohl mit der Anfrage eines Makler-Ehepaars zu tun. Moser hatte sich nach einem Käufer umgesehen, der die Landwirtschaft weiterführt. Das Paar zeigte Interesse, erkundigte sich bei der Behörde nach vorliegenden Genehmigungen. Weil nicht für jedes Gebäude eine vorzuweisen ist, entschied es sich gegen den Hof. Doch die Anfrage trat eine Welle für Moser los. Laut Mosers Anwältin Claudia Högenauer, die ihn seit vergangenem Jahr unterstützt, erhielt ihr Mandant im März 2020 eine Abbruchverfügung für die gesamte Anlage. Sie klagten dagegen. Aktuell stehen noch die Beseitigungsanordnungen für die Betriebsleiterwohnung und den Maschinenstadl im Raum. Wenn kein Gericht Moser Recht gibt, muss er seinen Wohnsitz auf dem Hof spätestens zum 1. Juni aufgeben. Ein Überblick über die Situation:

Der Brucker Hof liegt nördlich von Urspring direkt am Lech. Der auf diesem Foto vordere Gebäudeteil ist der Altbestand mit Betriebsleiterwohnung, in der Mitte befindet sich der Stall, auf der anderen Seite ist der Maschinenstadl. Auf der Wiese weiden im Sommer die Rinder.

Der Hof

Der älteste Teil des Hofs ist das Gebäude, in dem sich die Betriebsleiterwohnung befindet. Laut Anwältin Högenauer stammen Außenmauern von 1665. Früher ging daneben eine Zollbrücke über den Lech. Sie bildete eine Verbindung zwischen Oberbayern und Schwaben. Auch eine Landwirtschaft habe es gegeben. Das war 2001, als Moser das Grundstück kaufte, nicht mehr der Fall. Er baute sie erst wieder auf. Der Hof befindet sich in einem Landschaftsschutzgebiet.

Der Mutterkuhstall

Der Mutterkuhstall ist das mittlere Gebäude. Er ist offen und wurde 2006 genehmigt. Deshalb gab das Verwaltungsgericht im November 2020 Moser Recht und hob die Beseitigungsanordnung für diesen Bereich auf.

Siegfried Moser bei der Arbeit im Mutterkuhstall. Dieser darf stehenbleiben, weil er offiziell genehmigt ist, urteilte ein Gericht.

Der Maschinenstadl

Anders ist das beim angrenzenden Maschinenstadl. Moser hatte dessen Bau 2008 beantragt. Ursprünglich war eine Grundfläche von 128 Quadratmetern geplant. Er sei zu einem Gespräch ins Bauamt eingeladen worden. „Sie haben mir mündlich zugesagt, dass ich einen 100 Quadratmeter großen Stadl ohne Genehmigung bauen kann“, erinnert sich Moser. Moser nahm seinen Bauantrag zurück und baute das Gebäude, allerdings etwa 110 Quadratmeter groß. Nun stehen darin unter anderem der Bulldog, ein Anhänger, ein Mähwerk und ein Viehanhänger. „Der Stadl platzt aus allen Nähten“, sagt Högenauer, kleiner wäre er nicht nützlich.

Das Landratsamt, das zum Thema „Brucker Hof“ schriftlich gegenüber der Heimatzeitung Stellung bezogen hat, bestätigt, dass privilegierte Betriebe auf 100 Quadratmetern Grundfläche Stadel verfahrensfrei bauen dürften. Die müssten freistehend sein, was bei Moser nicht der Fall ist. Zudem halte er die Maßgrenzen nicht ein.

Wie Högenauer im vergangenen Jahr bei Akteneinsicht erfuhr, hatte die Regierung von Oberbayern 2009 in einer Stellungnahme ans Landratsamt den Stadl als privilegiertes Vorhaben bezeichnet. Mosers ursprünglicher Bauantrag hätte also gute Chancen gehabt, genehmigt zu werden – da er das nicht wusste, entschied er sich, den Antrag zurückzuziehen. Und wurde nach Ansicht seiner Anwältin damit um die Gelegenheit gebracht, ein genehmigtes Gebäude zu haben.

Die Wohnung

Auch mit dem Antrag auf Umwidmung des Altbestandes in eine Betriebsleiterwohnung scheiterte Moser. Das Landratsamt (LRA) hält sie nicht für erforderlich, da „extensive Mutterkuhhaltung nicht sehr betreuungsintensiv ist“. Moser reichte Klage gegen die Ablehnung des Antrags ein, 2012 kam es auf dem Hof zu einer mündlichen Verhandlung vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht. Damals war die Wohnung ein Rohbau. Das Gericht schlug vor, den Zustand zu dulden. Moser zog die Klage zurück. Laut LRA wegen der „fehlenden Erfolgsaussichten“. Das bestätigt Simone Hilgers, stellvertretende Pressesprecherin des Gerichts. „In der Verhandlung wurde darauf hingewiesen, dass die angestrebte Wohnnutzung nicht genehmigungsfähig sein dürfte“, sagt sie auf Anfrage der Heimatzeitung. „Ferner wurde durch das Gericht damals lediglich angeregt, den zu diesem Zeitpunkt bestehenden Zustand (provisorische Wohnnutzung im Bereich des Erdgeschosses) zu dulden.“

Siegfried Moser hat ein Loch in die Wand des Gebäudes geschlagen, um zu zeigen, dass es mit Lechsteinen aufgebaut wurde. In dem Altbestand hat sich der 82-Jährige eine Wohnung eingerichtet. Das Haus soll komplett abgerissen werden.

Moser fühlte sich mit der angeregten Duldung sicher. „Ich habe dann erstmal nur hier gehaust, in bescheidenen Verhältnissen“, erinnert er sich. Dann baute er die Wohnung auf zwei Stockwerken aus, hat nun etwa 120 Quadratmeter Wohnfläche. Für das Landratsamt gilt das Gebäude, das eigentlich Altbestand war, „rechtlich als Neubau“, teilt es mit. Deshalb soll es abgerissen werden.

Die weiteren Verfahren

Dagegen wehrt sich Moser. Mosers Anwältin möchte sich mit der Ablehnung des Wohnraums nicht abfinden. „Viele Gründe sprechen dafür, dass die Betriebsleiterwohnung dem Betrieb dient“, sagt Högenauer – unter anderem die regelmäßigen Geburten auf dem Hof. Und auch die viele Arbeit im Stall, auf dem Feld und entlang des Ufers. „Und es handelt sich hier ja auch nicht um ein Luxushaus.“

Högenauer gibt zu, dass Moser in all’ den Jahren Fehler gemacht hat – zum Beispiel, als er die Bauanträge zurückzog. Hätte er damals von der möglichen Privilegierung gewusst, wäre es womöglich anders abgelaufen. Obendrein „beweist er seit 20 Jahren, dass es hier läuft. Und um einen Nachfolger hatte er sich auch gekümmert“, sagt Högenauer. Ihr Mandant habe „immer mit offenen Karten gespielt“. Die ganze Situation sei schwierig. „Wo man hinlangt, da ist es kantig. Ich glaube nicht, dass wir an der falschen Ecke kämpfen.“ Aktuell laufen drei Verfahren vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof sowie eines vom der Verwaltungsgericht.

Högenauer hofft, dass sie dabei noch Unterstützung von Mosers tierischen Untermietern bekommen. In den Gebäuden haben sich Vögel und Fledermäuse angesiedelt, wie zwei von Moser beauftragte Gutachten zeigen.
In den Dachböden der Gebäude wurde unter anderem Kot vom Großen Mausohr gefunden. Auch Hinweise auf ein Langohr-Vorkommen gibt es. Zudem wurden Gesang und Rufe sowie zahlreiche Nester von elf Vogelarten vernommen, die laut Beurteilung alle zu den geschützten Arten gehören. Unter ihnen sind gebäudebrütende Vögel wie Bachstelzen, Haussperling und Rauchschwalbe. Das Landratsamt hat von den „vermeintlichen Fledermausvorkommen“ bereits erfahren. „Etwaige Baumaßnahmen müssten daher von einer ökologischen Baubegleitung betreut werden.“

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