Die Wieskirche ist Weltkulturerbe - die Sperrzone für Tiefflieger sollte aufgehoben werden, bleibt nun aber doch.

Protest gegen Pläne des Verteidigungsministeriums

Tiefflüge über der Wieskirche? Eine Region kämpft fürs Weltkulturerbe

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Das militärische Überflugverbot für Tiefflieger über der Wieskirche sollte aufgehoben werden. Sämtliche Fachbehörden waren alarmiert. Die Gefahr für das Rokokojuwel wurde auf höchster politischer Ebene abgewehrt.

Steingaden – Wieder Tiefflieger über der Wieskirche? Düsenflugzeuge, die Erschütterungen auslösen, die das Gewölbe und den Stuck der kostbaren Rokokokirche zum Bröckeln bringen könnten? Allein der Gedanke daran lässt Denkmalschützer und Heimatpfleger aufschreien. Als Mitte Februar ein Schreiben aus dem Bundesverteidigungsministerium an die Behörden rausging mit dem Inhalt, dass man daran denke, das militärische Überflugverbot über dem Weltkulturerbe der Unesco aufzuheben, führte dies nicht nur zu Hektik in den Amtszimmern, sondern auch zu einer übergreifenden Zusammenarbeit mit nur einem Ziel: die Wieskirche zu schützen.

Die Begründung seitens des Ministeriums birgt so allerlei Zündstoff. „Der bayerische Voralpenraum gehört mit seiner herausfordernden Topografie zu den wenigen Gebieten, in denen in Deutschland ein anspruchsvolles, taktisches Tiefflugtraining durchgeführt werden kann.“ So jedenfalls gibt Brigitte Bardenheuer, im Landratsamt Weilheim-Schongau nicht nur Technische Sachbearbeiterin im Bereich Denkmalschutz, sondern seit 2008 Betreuerin für das Unesco-Welterbe Wieskirche, den Inhalt des Schreibens aus dem Bundesverteidigungsministerium wieder. Und weiter zitiert Bardenheuer: Das Ministerium „ist bemüht, vermeidbare Restriktionen für Erlangung und Erhalt der Einsatzbereitschaft der Streitkräfte abzubauen und beabsichtigt entsprechend die Deaktivierung des NOTAMs Wieskirche.“ Im Klartext: Ein Ende des militärischen Überflugverbotes. Ein NOTAM (Notice to Airmen/Nachricht an Luftfahrer) ist eine Anordnung für den Luftverkehr.

Der prächtige Innenraum der Rokoko-Kirche ist besonders gefährdet.

„Alle waren sehr aufgebracht, sind gegen die Aufhebung des Überflugverbotes, und alle haben sehr ausführliche Stellungnahmen vorbereitet mit fachlicher Begründung, weshalb das Überflugverbot bestehen bleiben muss“, berichtet Bardenheuer. Zwar sei die Wieskirche generalsaniert worden, aber an der Gefährdung des Weltkulturerbes habe sich nichts geändert. Das Staatliche Bauamt Weilheim ist mit der Instandhaltung am Baudenkmal befasst.

Seit dem Jahr 1983 gehört die Wieskirche zum Weltkulturerbe der Unesco. Zu Beginn der Generalsanierung 1984 war das militärische NOTAM eingerichtet worden. Dieses verbietet ein Überfliegen der Kirche unter 450 Meter über dem Grund und in einem Radius von 1,9 Kilometern. Der ehemalige Wiespfarrer Georg Kirchmeir, der viele Jahre vehement für ein Flugverbot gekämpft hatte, erinnert sich: „Im Deckenbereich zeigten sich Risse und Sprünge, sodass berechtigte Sorge bestand, Stuckteile könnten sich lösen und herunterstürzen.“ Die Ursachen dieser Schäden wurden einerseits der nicht mehr zeitgemäßen Baukonstruktion zugeschrieben. Wind, Schneemassen und Erschütterungen bei Gewitter schädigen vor allem den sensiblen Kuppelbereich. Und, so Kirchmeir weiter, eben auch Erschütterungen der Düsenjäger mit ihrem Überschallknall.

Mehr über die Reaktionen des ehemaligen Wiespfarrers Georg Kirchmeir, des aktuellen Wiespfarrers Gottfried Fellner und des Kreisheimatpflegers Helmut Schmidbauer auf den Vorstoß des BMVg lesen Sie hier

Als Antwort auf das Schreiben des Ministeriums rüstete man sich, bündelte Fachwissen: Die Wies-Betreuerin wurde gebeten, einen gemeinsamen Termin zu organisieren mit Vertretern aller betroffener Fachbehörden – und dem Bundesverteidigungsministerium. Bardenheuer berichtet sogar, dass seitens des Ministeriums ein einzelner Trainingsflug zu Testzwecken vorgeschlagen gewesen sei. Für den Gebietsreferenten im Landesamt für Denkmalpflege, Thomas Hermann, unvorstellbar. „Er stellte unmissverständlich klar, dass die von der Bundeswehr vorgeschlagene ,Jet-Demonstration‘ zwingend zu unterbleiben habe“, betont Bardenheuer.

Alle Fachstellen sind sich einig, dass eine grundsätzliche Gefährdung besteht wie auch eine besondere Schutzfähigkeit der Wieskirche weiterhin gilt. Dies geht auch aus der 8. Fortschreibung des Regionalplans der Regierung von Oberbayern eindeutig hervor. Darin ist festgehalten, dass nicht nur die Wieskirche als Gebäude, sondern auch als kulturhistorisches Zeitzeugnis mitsamt der sie umgebenden Kulturlandschaft zu schützen ist.

Andrea Jochner-Weiß, Landrätin im Kreis Weilheim-Schongau, und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) als örtlicher Bundestagsabgeordneter intervenierten. Mit Erfolg: Der Termin in der Wieskirche wurde abgesagt. Wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums erläuterte, sei das Überflugverbot aus Routinegründen überprüft worden. „Spezielle NOTAMs für Natur- oder Baudenkmäler sind in Deutschland nicht vorgesehen. Die Wieskirche ist ein Einzelfall.“ Für eine dauerhafte Flugbeschränkung sei aber eigentlich das Bundesverkehrsministerium zuständig. Im Voralpenland besteht für dicht besiedeltes Gelände die Mindestflughöhe von 300 Metern über dem höchsten Hindernis, und zwar im Umkreis von 600 Metern.

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