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Gefragte Referentin: Professor Ursula Münch, die Direktorin an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, beim Vortrag in Steingaden.

Vortrag bei der Steingadener Frauenliste

Die Demokratie verteidigen

„Es kommt auf Sie an“: Mit diesen Worten wandte sich die Direktorin der Politischen Akademie in Tutzing, Professor Ursula Münch, an die 80 Besucher in Steingaden, als sie sich bei einem Abend der Frauenliste mit der Frage „Was tun gegen Politikverdrossenheit?“ befasste.

Steingaden – Sie könne auch mit keinem Patentrezept aufwarten, sagte Ursula Münch, die seit 2011 Leiterin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing ist. Doch im Kampf gegen Politikverdrossenheit hänge viel davon ab, „wie wir selber dafür eintreten“. Es lohne sich, die Demokratie zu verteidigen. Jeder politisch Interessierte könne das Gespräch mit anderen Menschen suchen, die damit nichts am Hut hätten oder gar verdrossen seien.

Den politischen Abend hat die Frauenliste Steingaden veranstaltet. Dass Ursula Münch, die Professorin für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr ist (zurzeit beurlaubt) und seit sechs Jahren die Akademie für Politische Bildung in Tutzing als wissenschaftliche Einrichtung leitet, für den Vortag und die Diskussion gewonnen werden konnte, hat einen privaten Hintergrund: Sie kehrt mit ihrer Familie bzw. mit Bekannten regelmäßig im Gasthof Graf in Steingaden ein. Da hat sie Barbara Graf, die sich auch in der Frauenliste engagiert, mal angesprochen und ermuntert, für so ein Impulsreferat nach Steingaden zu kommen.

Aus Sicht von Ursula Münch sind drei Gründe wesentlich für die Verdrossenheit gegenüber den Volksparteien und für das starke Abschneiden der AfD: Erstens hätten viele Menschen den Eindruck, dass der Nationalstaat nicht so handlungsfähig sei, wie er sein sollte. Die Europäische Union, die eigentlich für die großen Probleme zuständig sei, befasse sich aber in der Wahrnehmung der Bürger mit den „falschen, kleinen Themen“.

Zweitens seien Politikverdrossenheit und das Erstarken der Populisten auf das Meinungsbild zurückzuführen, dass Eliten in der Wirtschaft, in der Politik und in den Medien, von der Digitalisierung profitieren. Dabei habe kaum jemand die Auswirkungen auf Arbeitsplätze der Kinder und Enkel im Blick, fügte Münch hinzu.

Der dritte Grund sei, dass eine beachtliche Zahl an Wählern die Wahrnehmung habe, sie selbst müssten sich an Recht und gesetzt halten, während Staaten wie Griechenland, Großbanken oder auch manche Asylbewerber, ungeschoren davon kämen, wenn sie den Staat „b’scheißen“ würden.

In der lebhaften Diskussion bekundete Steingadens Bürgermeister Xaver Wörle, die kommunale Selbstverwaltung und -verantwortung sei „nahezu tot“. Dies fördere auch die Politikverdrossenheit vor Ort. „Wir werden zugeschüttet mit Vorschriften und Kontrollen“, verwies Wörle auf „eine Gängelung der Gemeinden“. Als Beispiel nannte er Vorgaben zur Erdbeprobung beim Häuslebau oder zur Kinderbetreuung.

Viele weitere Stichwörter wie „Kein Anstand, kein Wertegefühl (Kommentar von Rechtsanwalt Ludwig Straub) oder die Problematik, junge Frauen für politischen Einsatz zu gewinnen, fielen in der Diskussionsrunde. Barbara Graf erinnerte daran, dass vor 25 Jahren der Förderverein Frauenliste mit Elan gegründet worden sei. Mittlerweile liege das Durchschnittsalter der Mitglieder bei 65 Jahren.

Münch blickte, ehe sie von der Steingadener Frauenlisten-Vorsitzenden Anne von Geyr mit Blumen verabschiedet wurde, in die Runde und gab schmunzelnd zur Antwort: „Aber man sieht’s Ihnen nicht an.“

Johannes Jais

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