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Festlich und doch schlicht zugleich: Der weihnachtliche Altar in der Wieskirche zum Gegeißelten Heiland. 

Der Wiesheiland und das Weihnachtsfest

„Friede auf Erden allen Menschen!“

Wies – Was unterscheidet die Barockkirchen im Pfaffenwinkel und die hervorragendste davon, das Gotteshaus vom Gegeißelten Heiland auf der Wies, von vielen anderen, ebenfalls kostbaren und prächtigen Kirchen? Es ist das Gottesbild, es ist die Blickrichtung, die das Besondere der Wies ausmachen. Auch jetzt an Weihnachten.

In manchen prächtigen Kirchen steht hinter dem Gotteshaus die Absicht der Bauherren und Künstler, die Befindlichkeiten der Menschen durch die Mittel der Kunst aus den irdischen Beschwernissen heraus und zum Himmel empor zu reißen. Sie sollen in ihren Gedanken und in ihrem Gemüt erhoben werden.

In der Wieskirche ist es aber genau umgekehrt: Die Aussage der Wieskirche ist die Herabkunft des Himmels und seiner Gnaden zum irdischen Menschen und seiner Realität. Im optischen Mittelpunkt der überwältigenden Pracht und des vollendetsten Glanzes besten bayerischen Rokokos steht auf dem Hochaltar der Wieskirche dieses einfache, völlig unkünstlerische Gnadenbild vom gegeißelten Heiland. Kann sich jemand einen größeren Gegensatz denken als die armselige, gequälte und gebrechliche Hässlichkeit dieser kunstlosen Gliederpuppe im Zentrum der elegantesten Architektur?

Der Wiesheiland steht auf Augenhöhe mit uns Menschen! Er ist zu uns gekommen und ist geworden, wie wir sind. Er will uns erlösen und ist dabei ohne Einschränkung glaubhaft geblieben. Sein Tod ist der Beweis. Der Heiland stirbt nicht, wie die anderen großen Religionsstifter, nicht wie Buddha mit 80 Jahren friedlich im Kreis seiner Jünger, nicht wie Mohammed in den Armen seiner Lieblingsfrau im Luxus seines Harems, er ist auch in seinem Sterben einer von uns.

Unter allen großen Religionsstiftern kann nur der Gegeißelte bei den Höllen dieses Lebens mitreden, nur er hat die „Hölle gekostet“ und ist den „Gequälten ein Gequälter“ geworden, nur er kann jedem leidgeprüften und verzweifelten Besucher der Wieskirche in die Augen sehen und sagen:

Ecce homo! Schau her! Sieh‘ doch mich an! Das ist Weihnachten auf der Wies!

Genau das gehört nämlich auch zu einem recht verstandenen Weihnachtsfest, und darum wird in vielen Oberländer Weihnachtskrippen, von Berchtesgaden bis zum Lech und drüber hinaus, Jesus nicht bloß als Säugling in die Krippe gelegt, sondern auch als Figur des Schmerzensmannes irgendwo an der hinteren Seite platziert, wie er im Lendenschurz mit Dornenkrone da sitzt, den Kopf auf den rechten Arm gestützt.

So erinnert er uns in aller Weihnachtsseligkeit daran, dass er in dieser heiligen Nacht voll und ganz und bis zuletzt einer von uns geworden ist.

Das Logo von Weihnachten lautet: Friede auf Erden allen Menschen! Dieses „Friede auf Erden allen Menschen“ ist Wunsch und Leitbild von Weihnachten. Wie soll man das aber bei der oberflächlichen Verlogenheit, bei allen süßer nie klingender Weihnachtsglocken, je einem verzweifelten Menschen verständlich machen?

Man kann das, denn der recht verstandene Weihnachtsfriede kann in der Wieskirche erfahren werden: Weil zur irdischen Wirklichkeit eben auch, und bisweilen scheinbar vorrangig, der Unfrieden, der Hass und die Gemeinheiten, die tödliche Krankheit, das unverständliche Leiden und das verzweifelte Leid gehören, genau deshalb ist der Gottessohn an Weihnachten zu uns gekommen und bis zuletzt bei uns geblieben.

Die Kernbotschaft von Weihnachten

Die zentrale Aussage von Weihnachten ist also, dass hier die Widersprüchlichkeiten unseres menschlichen Lebens auf den Punkt gebracht werden, nämlich so, wie der Weihnachtsprophet Isaias sagt: „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Isaias 53,5).

Das ist die Kernbotschaft, daraus erwächst der nachhaltig erfahrbare Trost von Weihnachten, und wegen dieses lebensnahen Realismus‘ ist unser Christkind dem Trallala des Weihnachtsmannes turmhoch überlegen. In der Wieskirche beim Gegeißelten Heiland kann jeder, auch der mühselig furchtbar Beladene, Weihnachten feiern, und wir Christen können uns dort aus tiefster Seele auf Weihnachten und über Weihnachten freuen.

Kreisheimatpfleger Helmut Schmidbauer

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