Im Jahr 2004 wirkt die Linde noch fast kugelrund, zehn Jahre später strecken sich nur noch zwei Fühler gen Himmel. Über ein halbes Jahrhundert gehörte die Sommerlinde in Steingädele zu den Naturdenkmälern – jetzt ist sie gelöscht.

Steingädele

Sommerlinde als Naturdenkmal gelöscht

Steingaden - Im Alter kommen die Krankheiten. Das ist nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Bäumen so. Selbst wenn es sich um Denkmäler handelt. Das bekam nun die „Sommerlinde“ in Steingädele (Gemeinde Steingaden) hart zu spüren – sie zählte bisher zu den Naturdenkmälern.

Die laut Kreisfachberaterin Heike Grosser mindestens 300 Jahre alte Linde wurde nun aus dem Register gelöscht. Mehr als ein halbes Jahrhundert war sie dort fest verankert gewesen.

Naturdenkmäler – ein Thema, mit dem man sich zugegeben selten auseinandersetzt. Aber warum eigentlich? Gibt es doch allein im Landkreis Weilheim-Schongau 87 Naturdenkmäler. Die müssen aber nicht auf den ersten Blick erkennbar sein. „Ein Naturdenkmal, das kann ein alter Steinbruch, ein besonderes Quellgebiet oder ein Baum sein“, erklärt die Expertin Heike Grosser. Sie ist Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege im Landkreis Weilheim-Schongau.

Es ist licht geworden um den einstigen Prachtwuchs.

Wirft man einen Blick in das Bundesnaturschutzgesetz, ist von Einzelschöpfungen der Natur oder entsprechenden Flächen bis zu fünf Hektar die Rede. „Ein weites Feld“, wie auch Grosser zugibt. Gemeinsam haben sie aber alle, dass sie aus irgendeinem Grund schützenswert sind. Sehen können das Naturinteressierte dann spätestens auf den zweiten Blick: Ein Schild kennzeichnet jedes Denkmal.

Aber wie funktioniert das genau? Wie wird ein alter Findling zum Naturdenkmal? „Zuerst mal: Jeder kann diesen Antrag stellen“, beginnt Grosser. Wer also meint, im Garten einen wahren Historienschatz stehen zu haben, darf sich ans Landratsamt wenden. Dann entscheidet die untere Naturschutzbehörde, ob sie dieses Anliegen fachlich befürworten können. Haben die ihre Einschätzung abgegeben, analysieren wiederum beratende Fachleute vom Naturschutzbeirat das Naturprodukt.

Anhaltspunkte sind dafür folgende: Entweder ist die Schöpfung aus wissenschaftlichen, naturgeschichtlichen oder landeskundlichen Gründen schützenswert, oder aufgrund seiner Seltenheit, Eigenart oder Schönheit. „Dabei müssen nicht alle Punkte zutreffen“, beruhigt Grosser. „Eine Kombination aus zwei bis drei Punkten ist völlig ausreichend.“

Jetzt kommt der Prozess also langsam in Schwung. Im letzten Schritt werden alle Beteiligten miteinbezogen und befragt. „Zum Beispiel auch der Stromanbieter“, wie die Expertin für den Landkreis schildert. Denn zur Beurteilung sei es auch wichtig, ob sich Stromleitungen oder Kabel unter dem Wurzelwerk befinden. Die Dauer eines solchen „Upgrades“ beträgt mindestens ein Jahr, verrät Grosser. Zum Glück liegen deshalb auch nicht täglich neue Anfragen auf ihrem Schreibtisch. „Alle paar Jahre kommt mal eine solche Anfrage“, informiert sie.

Nachvollziehbar ist es aber – sind Stein und Baum schließlich einmal zum Naturdenkmal avanciert, warten viele Privilegien. Nicht nur, dass regelmäßig Stand und Vitalität des Objekts überprüft werden. Auch die Verkehrssicherheit der Naturdenkmäler wird von den Behörden notfalls überwacht. Das heißt, nichts darf mehr in der Umgebung und am Denkmal verändert werden, wenn die Behörde nicht zustimmt.

Die Steingadener „Sommerlinde“ aber hat Pech: Sie gehört jetzt nicht mehr dazu. Schuld daran ist ein starker Astausbruch in den 80er Jahren, Pilzerkrankungen und weitere Sturmschäden in Zusammenhang mit dem Alter.

ew

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