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Ingeborg Segmihler-Gmelch beim Auffüllen eines ihrer Vogelhäuschen im Garten mit ihrem Futtergemisch aus groben Haferflocken, Hanfkörnern und Nüssen. Ganze Zentner davon muss sie im Laufe ihres Lebens verfüttert haben.

Stunde der Wintervögel

Wenig Vögel im Garten, dafür viele Geschichten

Schongau – Eine geschlagene Stunde Vögel beobachten und auch noch zählen, nicht gerade einfach. Da können sich Minuten ganz schön in die Länge ziehen. Ingeborg Segmihler-Gmelch aus Schongau hat Erfahrung bei der Stunde der Wintervögel.

Seit Jahren kümmert sie sich um die Piepmätze, füttert sie und registriert bei der Stunde der Wintervögel, welche Vogelarten bei ihr zur Brotzeit kommen.

Genau genommen ist Brotzeit nicht der richtige Begriff. Denn das, was Ingeborg in ihrer Hexenküche zusammenmixt, ist ein trockener Cocktail aus Haferflocken, Nüssen, Hanfkörnern und weiteren geheimen Zutaten. Auf dem langen Tisch stehen jede Menge Kübel und Becher, aus denen sie ihre Leckerli entnimmt. Und als Bindemittel für die in der Vogelwelt so beliebten „Ingeborg-Kugeln“ nimmt die 79-Jährige Palmin. Richtig gelesen, das Kokosfett zum Braten für gelungene Schnitzel. „Die Vögel sind ganz begeistert“, erklärt Ingeborg.

Mit kleinen Messbechern entnimmt sie verschiedene Zutaten und mischt sie in größeren Behältern durch. Jedes der fünf Vogelhäuschen in ihrem Garten bekommt eine andere Mischung, bis hin zu den großen Nüssen, die sie für die Eichelhäher einfach auf dem breiten Betongeländer auslegt. Der Einwand „ist doch gefährlich wegen der Katzen“, wird von Ingeborg sofort widerlegt. Katzen in ihrem Garten: Fehlanzeige. Dafür sorgen Bella und Bruno. Bella ist ein rumänischer Straßenhund mit nur drei Beinen, der nach zehn abenteuerlichen Jahren bei ihr ein Zuhause gefunden hat. Bella ist das quirlige Gegenstück zu Bruno, der fast nur noch in seinem Korb liegt. Blind und taub, hier bekommt er sein Gnadenbrot.

Die Futterhäuschen sind aufgefüllt, Ingeborg hat den täglichen Nachschub sauber verteilt. Eigentlich müsste zu dieser Jahreszeit der Schnee im Garten liegen, aber in diesem Jahr ist es anders. Alles in Grüntönen, nur das aus Birkenhölzern gebaute Vogelhaus erscheint als weißer Farbtupfer. Die Schlacht kann beginnen.

Wir haben es uns im Wohnzimmer an der großen Fensterscheibe bequem gemacht. Blickrichtung Süden, das Klemmbrett für die Notizen griffbereit. Volkszählung für Vögel, mal was anderes. Die Zeit läuft. Ja, wo bleiben sie denn? Zwei Augenpaare sind auf das Futterhäuschen fixiert. Erst mal tut sich nichts.

Dafür beginnt Ingeborg zu erzählen. Im vergangenen Jahr hat sie vom Landesverband für Vogelschutz für 50 Jahre Mitgliedschaft die Ehrennadel in Gold erhalten. Dann berichtet sie über ihren Patenbären in der Toscana. Den hat sie aus einem Zirkus gerettet, wo er als Tanzbär auftreten musste. Furchtbar anzusehen, Ingeborg hat Herz gezeigt und dem Bären ein neues Zuhause finanziert. Dann geht’s um einen Esel auf Korsika, für den sie ebenfalls eine Patenschaft übernommen hat. Alles über die Tierschutzorganisation „4 Pfoten“.

Wollten wir nicht Vögel zählen? Vor meinen Augen stellte ich mir den Tanzbär im Vogelhaus vor. Lustige Szene. Endlich eine Amsel, sie verscheucht den Tanzbären. Dann die zweite. Ich habe eine Blaumeise entdeckt, danach eine zweite. Jetzt ein Blick aus dem Fenster Richtung Westen. Zwei Elstern haben sich wegen der Nüsse in den Federn. Ich gebe die Meldung an Chefin Ingeborg weiter. Die ist nach Berichten über ihre Zeit in einer Zahnarztpraxis mittlerweile beim alten Kraftwerk der Haindl- Papierfabrik angelangt, das ihr Vater 42 Jahre lang technisch betreut hat. Plötzlich stoppen zwei Kohlmeisen den Redeschwall. Endlich wieder was für unsere Notizen. Und das nach 30 Minuten.

Später, während Erzählungen über die Malkünste ihres Vaters, plötzlich ein Paukenschlag: Vier Amseln besetzen das Birkenstamm-Vogelhaus. Ich bin aus dem Häuschen, vier Vögel gleicher Art auf einmal. Wenn das kein Erfolg ist an diesem trüben regnerischen Nachmittag. Das Ergebnis der Aktion „Stunde der Wintervögel“: vier Amseln, zwei Elstern, zwei Blau- und zwei Kohlmeisen sowie viele, viele tolle Geschichten.

Hans-Helmut Herold

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