Ihr Vater übergab Schongau den Amerikanern

Schongau - Martin Franz Scholz war es, der am 27. April 1945 um 15 Uhr mit einer weißen Fahne den Amerikanern entgegenlief. Tochter Elisabeth Neumann (86) erinnert sich.

Elisabeth Neumann hat ihn erlebt. Den Zweiten Weltkrieg, der vor 70 Jahren zu Ende gegangen ist. Viele Eindrücke hat sie in sich gespeichert, die meisten davon in einem großen Heft handschriftlich festgehalten. Zeile für Zeile, Seite für Seite Erinnerungen aus ihrer Jugend. Erinnerungen, die sie der nächsten Generation weitergeben will. Dazu hat sie einmalige Dokumente aus der Zeit aufbewahrt. Vergilbt, leicht zerfleddert, aber mit vielen Emotionen behaftet.

Mit viel Gefühl, aber ohne Verbitterung erzählt sie. Und immer dieses gütige Lächeln in ihrem Gesicht. Nur die Augen zeigen manchmal Regung und Rührung. Elisabeth Neumann wurde im November 1928 in Schongau geboren. Ihre Eltern hatten einen Bauernhof in der Schützenstraße 140 ½, dort wo jetzt die Firma BMW Martin ist. Neumann besuchte die Volksschule im Kloster Heilig Geist. „Die Schulschwestern waren streng, aber wir haben viel gelernt“, erinnert sie sich.

Eigentlich wollte sie danach nach Weilheim aufs Gymnasium, doch dann kam eine schlechte Nachricht aus Russland. „Jeden Tag sind wir als erstes zum Briefkasten gelaufen, wir warteten auf ein Lebenszeichen des Bruders“, erzählt Neumann. Dann kam die schreckliche Nachricht, dass Martin im Kessel von Smolensk geblieben ist. Elisabeth musste auf dem Hof bleiben. „Das hat heute noch einen Beigeschmack, wie man die jungen Leute verheizt hat.“ Martin wurde nur 18 Jahre alt.

Elisabeth erzählt von schlaflosen Nächten. Als die Lancester-Bomber nach München flogen, über Schongau hinweg. Das Brummen der Motoren hat sich in Neumanns Kopf eingebrannt. Das Mädchen hat am Ton sofort erkannt, ob die Maschinen voll waren oder ihre Bombenlast schon abgeworfen hatten. Tags danach fanden sie bei der Feldarbeit gebündelte Staniolstreifen, die aus der Luft abgeworfen wurden. Damit sollte die Flugabwehr getäuscht werden.

Elisabeths Vater war Kommandant der Feuerwehr in Schongau. In einem Umkreis von 80 Kilometern mussten die Wehrmänner zu Bränden anrücken. „Bis Schleißheim hat man die Schläuche gebracht und natürlich mitgelöscht, teilweise hat man das Material dortgelassen.“ Die Verfahrensweise der Bombenabwürfe in München, die Elisabeth von ihrem Vater erfahren hat, lässt der Seniorin noch heute den Schauer über den Rücken laufen. Erst setzte man „Christbäume“, die den Himmel erhellten, um das Ziel sicher im Visier zu haben. Dann warf man Brandbomben ab, danach Splitterbomben. „Die waren mit Zeitzündern versehen und sind explodiert, wenn die Hilfskräfte vor Ort waren.“ Durch den Feuersturm sind viele verbrannt, auch weil in die Luftschutzkeller heißer Teer lief.

Die schlimmste Zeit war für Elisabeth ab dem Herbst 1944, bis die Amerikaner gekommen sind. Tiefflieger haben auf alles geschossen, was sich bewegt hat. „Wie sollten wir denn da die Feldarbeit bewältigen?“ fragt Elisabeth vor sich hin. Auch mussten die Kühe täglich vom Hof in der Schützenstraße auf die Wiese „Im Tal“ getrieben werden. Alles lebensgefährlich.

Elisabeth erinnert sich an ihren Vater. 1888 wurde Martin Franz Scholz in Altenstadt geboren. Nach der Bäckerlehre musste er diesen Beruf wegen einer Allergie aufgeben. „Als Mädchen für alles hat er bei dem damaligen Bürgermeister Bader gearbeitet.“ Wehrdienst 1912 bei der Marine Infanterie in Wilhelmshaven. Nach einer schweren Verwundung in Verdun war für Scholz der Krieg vorbei. Der Erste zumindest.

Schicksalsschläge blieben ihm nicht erspart. Zwei seiner Ehefrauen sind verstorben. Von 1943 bis 1945 war Martin Scholz Zweiter Bürgermeister der Lechstadt. Erster Bürgermeister war Anton Glaab, der eher braun gefärbt war. „Diese Fanatiker hatten bis zum Schluss nichts dazugelernt“, sagt Elisabeth. Sie erinnert sich, als in den letzten Stunden, bevor die Amerikaner einmarschierten, noch drei Wehrmachtsangehörige mit einem Motorrad mit Beiwagen durch die Schützenstraße fuhren. „Sie gestikulierten wild und riefen aus, dass jeder, der eine weiße Fahne schwenkt, ein Vaterlandverräter ist.“ Es waren die, die immer noch an den ruhmreichen Endsieg glaubten. Nicht so Martin Scholz, der den Amerikanern mit der weißen Fahne entgegenging. „Die Obernazis sind schon abgehauen, wenn sie ein bisschen Amerikaner gerochen haben“, formuliert es Elisabeth.

Captain D´Orasio von der 10th Division „The Tigers“ fuhr als erster durch das Münztor. Panzer und Panzerspähwagen fuhren in die Stadt. Schwere Artillerie war noch in Sachsenried in Stellung. „Wenn Schongau Mucken gemacht hätte und es zum Kampf gekommen wäre, wäre es mit Schongau vorbei gewesen“, sagt Elisabeth. Denn die Finger waren schnell am Abzug. „Der Prinzing-Bauernhof wurde in Brand geschossen. Als die Feuerwehr löschen wollte, und die Amis die Uniformen sahen, dachten die, Uniform ist gleich Militär - und haben das Feuerwehrauto ebenfalls in Brand geschossen.“ Die Feuerwehrleute hat man dann ins Ballenhaus eingesperrt.

Zwei ganz persönliche Dokumente hat Elisabeth die ganzen Jahre aufgehoben. Von den Amerikanern ausgestellt, in deutscher und amerikanischer Sprache. Für ihr Fahrrad der Marke „Wanderer“ bekam sie eine Fahrgenehmigung. Aber nur, um aufs Feld zur Arbeit zu fahren. Privatfahrten waren verboten. Dazu eine Kennkarte, auf der anstatt eines Fotos ihr Fingerabdruck verewigt ist.

Ihr Vater Martin Scholz zeichnete die ersten vorläufigen Anordnungen der militärischen Besatzungsbehörde als stellvertretender Bürgermeister ab. Strenge Regeln, von den Besatzern auferlegt. Nur vier Stunden, also von 7 - 9 Uhr und 16 - 18 Uhr, durfte man auf der Straße in Schongau verkehren. Niemand durfte die Stadt verlassen. Alle Waffen, Dolche, Pistolen, Jagd- und Sportgewehre mussten im Sitzungssaal des Rathauses abgegeben werden. Ebenso Radiosendeapparate. Und der Gebrauch von Fotoapparaten und Feldstechern war bei Strafe untersagt. Schon am 28. April 1945 hat Martin Scholz diesen unterzeichneten Aushang verteilen lassen.

Hans-Helmut Herold

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