Verruchtes, Erotisches und Männerblicke

Altenstadt - Sie besitzen etwas Verruchtes, ziehen Blicke der Begierde auf sich. Sie spannen einen Bogen von Zweckmäßigkeit bis hin zur Erotik. Die Rede ist von Strümpfen, die in einem Museum ein Zuhause gefunden haben.

Sie wärmen, stützen und beflügeln Phantasien - vor allem die der Männer. Die Rede ist von Seide-, Nylon- und Perlonstrümpfen, über die in Altenstadt ein kleines Museum viel erzählen kann.Es ist ein kleines, aber sehr feines Museum, das in einem Seitenraum im Verkaufsgebäude der Firma V1 GmbH eingerichtet ist. Das Besondere daran: Während der Verkaufszeiten ist das Museum für jedermann kostenlos zu betreten. Durch Zufall entdecke ich die übersichtlich angeordneten Exponate, die mich sofort in ihren Bann ziehen. Es hat etwas ganz besonderes an sich, das Beinkleid der Damenwelt. Ist es das Schimmern der Oberfläche im raffiniert gesetzt dezentem Licht der Strahler, sind es die vielen eingearbeiteten Stickereien in früherer Zeit oder ist es einfach die Betonung des wohlgeformten Frauenbeines?

Die Frage bleibt offen, zu sehr ist der Betrachter mit der Entstehung des Damenstrumpfs beschäftigt. Die wird übersichtlich aus den verschiedenen Epochen erzählt. Man muss sich schon auf den Text konzentrieren, um nicht von den kostbaren Handarbeiten gefesselt zu werden.

Wie fein und gleichmäßig man schon mit der Hand stricken konnte, zeigen Exponate aus den Jahren um 1850. Es sind makellos erhaltene Kostbarkeiten, die Bewunderung verdienen. Ohne Naht gestrickt, dem Frauenbein perfekt angepasst. Perlen zur Verzierung wurden dabei eingestrickt, nicht nur einfach aufgenäht. Und wenn dann in intimer Situation der Rock etwas höher rutschte, kamen die individuellen Randabschlüsse in ihrer reizvollen Musterung zur Geltung.

Bei dieser Handarbeit fühlt man sich in eine Zeit ohne Hast und Unruhe zurückversetzt. Weitere Epochen folgen bei dem Rundgang vorbei an den Schaukästen. Neben der Ringel Mode um 1880, die mit ihren kühnen Mustern der Elbeo-Kollektion eine neue modische Zeit einläutete, zeigen Exponate um 1890 handbedruckte Strümpfe. Da zu dieser Zeit es technisch noch nicht möglich war, „Fantasiestrümpfe“ zu wirken, wurden diese vor dem Zusammennähen bedruckt.

Die Druckstöcke befanden sich bis zur Demontage in Oberlungwitz. Ein weiteres reizvolles Unikat gibt einen Einblick, wie dem frischgebackenen Ehemann in der Hochzeitsnacht das Datum der Eheschließung nochmals vor Augen geführt wurde. Im Kniebereich war der Name der Braut mit dem Datum mit vielen Verziehrungen eingenäht. Eine lesbare nicht zu vergessende Tatsache vor dem Abnehmen des Strumpfbandes.

Eines der bedeutendsten Strumpfwirkzentren in Europa befand sich bis zum II. Weltkrieg in Schönlinde in Nordböhmen. Von diesem Ortsnamen Schönlinde abgeleitet entstand der weltbekannte Firmenname Bellinda. Dort wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die beiden Strumpffabriken Stefan Schindler und J.H. Vatter gegründet, deren Nachfolger Dr. Otto Palme und Fred Vatter Geschichte in der Strumpfindustrie schrieben.

Und diese Geschichte ist jetzt in dem kleinen Museum in Altenstadt zuhause, wo auch eine Sensation zu bewundern ist: Der erste Perlonstrumpf der Welt - richtig gelesen, der Welt. Während amerikanische Frauenbeine mit Nylonstrümpfen die Blicke der Männer auf sich zogen, kam eine verwegene Tat den Frauen hierzulande zu Hilfe. Obwohl streng verboten, stellte man auf Cottonmaschinen (benannt nach dem Erfinder) von ELBEO in Oberlungwitz während der Kriegsjahre 1940 - 1945 heimlich Perlonstrümpfe her. Perlon durfte damals nur für Kriegszwecke wie z. B. Fallschirme verwendet werden.

Einer der großen Vorteile der Perlonstrümpfe gegenüber der „Nylons“ war, dass diese perfekt am Bein saßen, sich also nicht drehten oder gar Falten zeigten. Dass diese Strümpfe jedoch ein kleines Vermögen kosteten und neben Zigaretten ein begehrtes Tauschobjekt und eine regelrechte Ersatzwährung am Schwarzmarkt waren, ist heute fast nicht mehr vorstellbar.

Trotz der Weiterentwicklung zur Strumpfhose konnte diese den Perlonstrumpf nicht vom Markt drängen. Was die erotische Wirkung betrifft, scheiden sich die Geister. Liebhaber von Strapsen bedauern den Vormarsch der Strumpfhosen, die auch als Liebestöter bezeichnet werden. Befürworter der Strumpfhose denken praktisch: Neben dem hautengen Erscheinungsbild hat doch so ein Stück schon gute Ersatzdienste geleistet, wenn bei einer Spazierfahrt ins Blaue der Keilriemen des Motors im Auto gerissen ist.

Öffnungszeiten

des Museums in Altenstadt, Niederhofener Straße 10: Mo. - Fr. 9 Uhr - 18 Uhr, Sa. 9 Uhr - 13 Uhr. Eintritt kostenlos.

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