+
Humedica-Chef Wolfgang Groß stellte sich Fragen von Sylvia Hindelang (rechts) und Anton Lieb (links).

Vorstandsvorsitzender von Humedica in der Wies

Mit der Fliege von Udo Jürgens fing alles an

Wies - Wolfgang Groß ist geschäftsführender Vorstandsvorsitzender von Humedica in Kaufbeuren. Nun saß der Mitbegründer der Hilfsorganisation bei „Menschen, die bewegen“ in der Landvolkshochschule in der Wies.

„Wir hatten eine Tombola mit richtig tollen Preisen“, erinnert sich Wolfgang Groß. „Unter anderem konnten wir die Fliege von Udo Jürgens versteigern, die er bei einem Konzert getragen hat.“ Damit fing es an, seinerzeit, 1979. 5000 DM erbringt der Festabend, vom Bayerischen Fernsehen übertragen, am Vorabend des ersten Advents. Humedica steht für „humanitarian and medical aid“, humanitäre und medizinische Hilfe. Die wollen Groß und seine Mitstreiter in Gebiete bringen, in denen wirklich Not herrscht. Die haben sein Bruder Dieter und einige Freunde auf einer Tour durch Nordafrika kennengelernt. „Dieter war schon immer der Pionier“, erzählt Groß seinen Gastgebern, Josef Lieb und Sylvia Hindelang. „Uns geht’s so gut, wir sollten etwas für die anderen tun“, beschreibt er die Idee, die sein jüngerer Bruder ausbrütete. Und schnell wird klar, nur mit einem eigenen Verein können sie so helfen, wie sie wollen. Denn bis auf Wolfgang arbeitet noch keiner der Freunde, und zudem haben alle wenig Geld. Aber ein Freund betreibt in Buchloe den Zauberstadel, wo gerade der Weltkongress der Zauberkünstler stattfindet. Und diese Illusionisten können die Brüder gewinnen. Dazu den damaligen Oberbürgermeister von Kaufbeuren, der ihnen den Stadtsaal umsonst zur Verfügung stellt. Ein erstes Etappenziel ist erreicht, Die erste Bewährungsprobe für die Organisation, die anfangs Medikamente und Medizinprodukte beschafft, lässt nicht lange auf sich warten – Neapel 1980, das schwerste Erdbeben im Italien der Nachkriegszeit.

24 Stunden täglich  sind die Helfer rufbereit

Als ehemaliger Rotkreuzhelfer knüpft Groß Kontakte vor Ort, Alitalia stellt den Frachtraum zur Verfügung und bringt die erste Hilfslieferung ins Erdbebengebiet. Seitdem wuchs die Hilfsorganisation beständig an. Waren es anfangs Medizinprodukte und Geldspenden, gehören seit Ende der 1990er Jahr auch 600 medizinische Fachkräfte, vor allem Ärzte und Schwestern dazu, auf die Humedica 24 Stunden am Tag zugreifen und in Krisen-, Kriegs- und Katastrophengebiete schicken kann. Mittlerweile hat Humedica mehr als 60 000 Gönner, Privatpersonen ebenso wie Firmen und Stiftungen, die sie unterstützen. Humedica nimmt zirka 15 Millionen Euro Spenden jährlich ein. Oder die auch ganz unkonventionell mal ein Flugzeug oder Frachtraum zur Verfügung stellen. Wie beim Erdbeben in Haiti 2010.

So erklärt sich auch, weshalb Humedica stets so schnell vor Ort ist, wie Sylvia Hindelang wissen will. Es seien die Kontakte. „Wir haben weltweit Kontakte aufgebaut“, erzählt Groß, von Europa über den nahen Osten und Afrika bis nach Asien, Süd- und Mittelamerika. Teilweise unterhält Humedica regionale Stützpunkte, wie im Kosovo, ist registrierte Hilfsorganisation wie in Indien, Sri Lanka oder Brasilien und arbeitet mit Organisationen vor Ort. Die Hilfsteams arbeiten ehrenamtlich, bis auf Groß und seine Vorstandskollegen sowie die 40 hauptamtlichen Mitarbeiter in Kaufbeuren, die für Logistik, Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit zuständig sind.

1000 Paletten Hilfsgüter in Neugablonz

Die Geschäftsstelle ist mittlerweile in Neugablonz, wo auch das Lager von Humedica ist. 1000 Paletten mit Hilfsgütern stehen dort. Dabei gehen Hilfsgüter für bis zu 3000 Menschen mit in den Einsatz. Und Groß? Gerade aus Brasilien zurück, geht es Ende des Monats nach Sri Lanka und noch in den Kosovo. 1997 erwischt ihn die Malaria, nur durch ärztliche Kunst überlebt er. Mit Sri Lanka verbindet Groß eine besondere Geschichte. Mitten im Kriegsgebiet fotografiert er eine Hochzeit und lernt dabei seine Frau kennen. Dass sie ihren Mann mehr als drei Monate pro Jahr entbehren muss, hat sie akzeptiert, erzählt er.

Eines der jüngsten Projekte ist eine Einrichtung, die man in Kaufbeuren aufbauen wolle, um dort unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterzubringen. Zum Thema Flüchtlinge hat Groß eine eigene Meinung. „Wir haben es versäumt, Kriege schneller zu beenden. Oder sie zu verhindern.“ Außerdem müssten wir lernen, Reichtum besser zu verteilen. Der nächste bewegende Abend in der Landvolkshochschule ist am Donnerstag, 26. November.

os

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach langem Tüfteln: Realschüler entwickelt einen Rehkitz-Retter am Mähdrescher
Erik Meier kennt Mähdrescher. Er hilft selbst auf dem Feld beim Ernten. Eine Situation beim Mähen lässt ihn Grübeln - und zum Erfinder werden.
Nach langem Tüfteln: Realschüler entwickelt einen Rehkitz-Retter am Mähdrescher
Lechbruck: Kleine DAV-Sektion mit riesigem Angebot
Das Zahlenwerk der Jahreshauptversammlung machte wieder deutlich, dass die mittlerweile 640 Mitglieder starke DAV-Sektion Lechbruck einiges zu bieten hat.
Lechbruck: Kleine DAV-Sektion mit riesigem Angebot
Peitings Kindergarten-Pläne werfen Fragen bei den Eltern auf
Es ist eines der großen Bauprojekte, die die Gemeinde Peiting in den nächsten Monaten vorantreibt: der Kindergarten-Neubau an der Jägerstraße. Das Vorhaben jedoch sorgte …
Peitings Kindergarten-Pläne werfen Fragen bei den Eltern auf
Grippe-Krise bei Schongaus Tollität: „Kammerdiener“ springt als Leih-Prinz ein
Oh weh, oh Schreck: Der Prinz ist weg. Schongaus Faschingsprinz Florian Igl ist abgetaucht. Krankheitsbedingt. Ein grippaler Infekt hat seine Tollität dahingerafft. Auch …
Grippe-Krise bei Schongaus Tollität: „Kammerdiener“ springt als Leih-Prinz ein

Kommentare