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Schwieriges Thema Abbeten

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Hatte viele interessierte Zuhörer: Monsignore Thomas Gerstlacher bei seinem Abbeten-Vortrag in der Wies. © Trunk

Abbeten: Ist es nur Scharlatanerie oder doch mehr? „Es ist ein außerordentlich schwieriges Thema, das man nicht so einfach mit Ja oder Nein beantworten kann“, sagte Monsignore Thomas Gerstlacher bei einem Informationsabend im Pilgersaal der Wies. „Es geht dabei um die Frage, was ist ein heiler Mensch, was ist Gebet.“

Wies – Über 100 Zuhörer waren gekommen, und die Sitzplätze mussten um einige Bierbänke aufgestockt werden. Jahrzehntelang hat sich Thomas Gerstlacher, der Pfarrer im Ruhestand aus Kaufbeuren, mit dem Abbeten beschäftigt, das vor allem stark im Allgäu beheimatet ist: „Sie wären nicht hier, wenn sie nicht schon einmal damit in Berührung gekommen wären“, sagte er in Richtung seiner Zuhörer.

An die Menschen, denen nachgesagt wird, dass sie alleine durch Beten Heilung herbeiführen können bei Mensch und Tier, wenden sich jene, die nicht mehr weiter wissen. „Im Grunde hat jeder heilende Kräfte“, sagte Gerstlacher, es sei eine biblische Grundaussage, dass es keine unbegabten Menschen gibt. Wobei die größte Heilgabe die Liebe sei: „Jedem wird es geschenkt, als Lebensziel dem anderen Heil zu sein.“

Dem einen sei Weisheit geschenkt, anderen Erkenntnisse zu vermitteln, Glaubenskraft zu spenden, Krankheiten zu heilen oder beispielsweise Reden zu halten. Das Abbeten an sich, auch Wegbeten oder Gesundbeten genannt, sei kein biblisches Wort: Jedoch „ist nichts folgenlos, was du denkst oder redest“.

Im nördlicheren Teil Deutschlands sei das Abbeten eher unbekannt, derweil gebe es in England etwa regelmäßig in den Kirchen Heilungsgebete. Hier wie dort gehe es dabei eher um körperliche denn um seelische Schmerzen, in der Not Hilfe zu bekommen. Dafür zeigte der Priester vollstes Verständnis: „Es geht um die Sehnsucht nach Befreiung“.

Aber auch, wenn Tiere davon betroffen sind, wie etwa, wenn in den Ställen ständig Krankheiten ausbrächen, glaubten die Menschen noch heute an „Verhexungen“, weswegen sie einen Abbeter aufsuchen. „Das muss man ebenso ernst nehmen wie auch kritisch hinterfragen“, sagte der Monsignore. Was sei heil und was gesund? Es könnten gesunde Leute „echte Giftspritzen sein“, und von Kranken könne eine ungeheure Ruhe ausgehen.

Mit dem Heil werden gehe einher, dass einem Befreiung geschenkt werde und innerer Frieden. Voraussetzung dafür sei auch, „man muss sich selber leiden können“.

Gerstlacher ist sich sicher, dass in jeder Ortschaft alle Gaben vorhanden seien, um Menschen zu helfen. „Aber ich muss meine Gaben auch zur Verfügung stellen“, denn Heil sei die Kraft zum Leben, es sei mehr, als fit und gesund zu sein.

Dass Menschen zu einem Abbeter gingen, werde von der Kirche ernst genommen. Gerstlacher machte aber auch darauf aufmerksam, dass ebenfalls das eigene Gebet viel Kraft habe. D dies gelte es, zu entdecken. Gebet führe zur Ruhe, und die Stille zu Kraft. „Wir brauchen dringend Gebetsschulen, aus vielen Gemeinden ist der Gebetskreis bereits ausgezogen“, resümierte Gerstlacher.

Suche man sich dennoch Hilfe bei einem Abbeter, so gebe es Kriterien, auf die man achten sollte, um nicht einem Scharlatan aufzusitzen: „Als erstes muss ein Zeichen von Demut da sein“, sagte Gerstlacher. Wenn einer großspurig daherrede nach dem Motto, es sei alles kein Problem für ihn, rate er zur Vorsicht.

Auch das Erlernen von Abbeten sei nicht möglich: „Es ist eine Gabe von Gott an einen speziellen Menschen, das ist auch nicht vererbbar.“ Des Weiteren warnte er auch vor zu hohen Summen, die verlangt würden, oder vor sogenannten Ferndiagnosen. Oder seltsamen Ritualen, wie etwa um Mitternacht zum Bach zu gehen und lateinische Worte zu sprechen.

Manche Heilungssuchende ließen sich auch von äußeren Zeichen täuschen: „Viele Kruzifixe und Rosenkränze im Zimmer sind noch lange kein Beweis für eine Gabe“. Und schlussendlich warnte der Priester auch vor jenen, die von einem Besuch beim Arzt abrieten.

Myrjam C. Trunk

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