Landkreis Weilheim-Schongau

Kampf um Azubiswird noch härter

Schongau - Sie sind heiß begehrt, aber nur schwer zu finden: Azubis. Kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres sieht es im Landkreis Weilheim-Schongau verheerend aus:

Es ist doch paradox. Von Kindesbeinen an wird jungen Menschen die gleiche Weisheit mit auf den Weg gegeben: Hock dich auf den Hosenboden, damit du später eine Stelle findest. Doch das Blatt hat sich gewendet. Mittlerweile suchen Firmen händeringend nach Auszubildenden. „Seit circa fünf Jahren“, vermutet Elvira Thoma, Sprecherin der Agentur für Arbeit Weilheim, „ist das Angebot größer als die Nachfrage.“

Auch im Landkreis Weilheim-Schongau belegen brandaktuelle Zahlen den frappierenden Mangel. 226 Plätze seien Ende Juli noch frei, gibt der IHK für München und Oberbayern an. Dem gegenüber ständen 166 unversorgte Bewerber. Herbert Klein vom IHK-Gremium Landsberg-Weilheim-Schongau weiß aber, dass das dicke Ende erst noch kommt: Die Bewerberzahl reduziert sich bis zum Ausbildungsbeginn aufs Neue. „Viele Schulabgänger entscheiden sich bis September noch für einen anderen Bildungsweg oder finden trotz des großen Angebots keinen passenden Ausbildungsplatz“, erklärt der Vorsitzende die Misere. „Das zeigt die Erfahrung.“ Im letzten Jahr zum Beispiel blieben zu Beginn des Ausbildungsjahres über 100 Lehrstellen im Landkreis unbesetzt.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Der IHK-Gremiumsvorsitzende nennt zum einen den Trend zu höheren Schulabschlüssen und Studium, zum anderen sinkende Schulabgängerzahlen durch den demografischen Wandel. Seit 1980 sei die Zahl der Abgänger von Haupt- und Mittelschulen in Bayern um zwei Drittel geschrumpft.

Brennend gesucht seien vor allem Lehrlinge im Einzelhandel und Fachverkäufer. „Über 100 Stellen sind noch nicht besetzt“, heißt es bei der IHK. Das passt auch zu den Zahlen, die die Schongauer „Möbelcentrale“ vorlegt. Vier Lehrstellen seien frei gewesen, besetzt wurden aber nur zwei. Faktisch sind das 50 Prozent der Stellen. Ein rückläufiger Bewerberansturm sei dem Geschäftsführer Markus Strommer schon in den letzten zwei Jahren aufgefallen. „Bisher konnten aber immer alle Posten besetzt werden.“ Schließlich bietet der Betrieb eine attraktive Spezialisierung. Doch das Problem sei, dass Handwerk und Einzelhandel keine große Lobby in der Gesellschaft hätten. „Außerdem fehlt manchen Bewerbern die Disziplin“, ergänzt Strommer. Verträge, die eigentlich schon unter Dach und Fach seien, würden im letzten Moment nicht unterschrieben werden.

Bewerbermangel quer durch alle Branchen

Die eigentliche Tragödie? „Es besteht ein großer Bedarf im Einzelhandel.“ Deswegen spricht sich die Möbelcentrale auch ganz klar dafür aus, Asylbewerber auszubilden. Diese Idee wird schon teilweise umgesetzt: mit dem sogenannten „3+2“-Modell. Das heißt, Asylbewerber, die eine Lehre annehmen, dürfen während der drei Jahre Ausbildung und in den folgenden zwei Jahren zum Sammeln von Berufserfahrung nicht abgeschoben werden.

Klein vom IHK-Gremium unterstreicht jedoch, dass der Bewerbermangel quer durch alle Branchen geht: „In Produktion und Fertigung sind noch um die 50 Ausbildungsplätze zu haben. Auch für die Interessenten in den Bereichen Büro und Chemie gibt es freie Plätze.“ Da bleibt Schongau nicht außen vor. „Wir suchen noch eine Einzelhandelskauffrau“, gibt Alexander Heger vom Musikhaus Kirstein bekannt. Eine Firma, die jährlich Stellen ausschreibt. Deshalb weiß der Leiter der Marketingabteilung, dass die Zahl der Bewerber immer vom angebotenen Beruf abhängt. „Beim Mediengestalter kriegen wir beispielsweise durchweg viele Zuschriften.“ Aber auch bei der letzten Lehrstelle sehe es „so schlecht nicht aus“. Es sei nur einfach nicht jeder Bewerber geeignet. Auch bei einem Minimum von Bewerbungen „müssen die Rosinen rausgepickt werden“.

Dieses Privileg kennt mittlerweile eigentlich nur noch die Industrie. Hoerbiger und ept hatten keine Probleme, wie es heißt. „Wir haben unsere Ausbildungsquote dieses Jahr noch gesteigert“, heißt es beim mittelständischem Unternehmen ept zum Beispiel. „Nur eine Lehrstelle ist noch frei“, so Personalleiter Joachim Ruber. Der Oberflächenbeschichter klinge wohl „nicht so sexy“. Und das ist ein wichtiges Attribut, um junge Leute zu locken. „Weniger attraktive Berufe haben das Nachsehen“, bestätigt Thoma von der Arbeitsagentur. „Azubis haben andere Wünsche an den Arbeitsmarkt.“

Elena Wlacil

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