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Wenn Tanken zum Glücksspiel wird

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Tanken macht keinen Spaß mehr: Helmut Maucher an der Zapfsäule. foto: bse-pictures
Tanken macht keinen Spaß mehr: Helmut Maucher an der Zapfsäule. foto: bse-pictures

Schongau - Seit einigen Monaten spielen die Preise an den Tankstellen verrückt. Riesige Sprünge mehrmals am Tag sind keine Seltenheit, Pendler sind verunsichert und verärgert. Selbst die Tankstellenpächter kennen sich nicht mehr aus.

Als Schongauer, der in Schongau arbeitet, war das Thema Benzinpreis für Helmut Maucher eher uninteressant. Doch seit einem dreiviertel Jahr ist der 48-Jährige Vize-Leiter der Polizeiinspektion Füssen und legt pro Arbeitstag 80 Kilometer zurück - da fällt der Blick automatisch auf die Preistafeln der Tankstellen. Und da bekommt Maucher immer öfter einen roten Kopf. „Das ist einfach furchtbar. Mich ärgert dieser ständige Preiswechsel“, schimpft er. „Vor allem, wenn sie gigantisch ausfallen. Ich habe schon zehn Cent am Tag erlebt.“

Er kann sich noch genau an den Abend erinnern, als er bei der Heimfahrt einen günstigen Benzinpreis gesehen hat, aber sein Diesel-Audi noch fast vollgetankt war. Daheim ist er deshalb nur kurz in den Zweitwagen, einen VW Polo, umgestiegen, fuhr zur Tankstelle - und stand vor einem exorbitant erhöhten Bezinpreis. „Im Wirtshaus und beim Metzger ändern sich die Preise doch auch nicht ständig. Nur weil die Tankstellen eine Tafel haben, wo sich der Preis automatisch umstellt, denken die, sie können alles machen“, poltert Maucher.

Dabei sind die Tankstellenpächter selbst alles andere als zufrieden mit der unruhigen Preisfront. „Bekannte fragen mich immer, wann sie denn am günstigsten tanken können“, sagte ein Tankstellenpächter aus dem Landkreis, der unerkannt bleiben will, unserer Zeitung. Früher war nämlich der Montag in der Regel der billigste Tag zum Sprit nachfüllen. Das bestätigt Maucher, der es oft extra so hinbekam, dass der Tank am Montag leer war. „Aber jetzt sind Montag und Dienstag oft am teuersten“, so der Tankstellenpächter. Offenbar habe der ADAC so oft auf Sonntag und Montag als günstige Tanktage hingewiesen, dass die großen Konzerne wie Esso, Aral, Shell, Total, Agip oder auch OMV darauf reagiert haben.

Für die Tankstellenbetreiber sind die ständigen Preissprünge ärgerlich und auch stressig. „Natürlich könnte ich den vom Konzern vorgegebenen Preis den ganzen Tag gleich lassen, dann hätte ich weniger Arbeit.“ Aber auch weniger Umsatz. Denn egal wie hoch der Preis ist, von jedem verkauften Liter bleibt nur etwas mehr als ein Cent am Pächter hängen. Deshalb bedeutet jeder verkaufte Liter zusätzlich mehr Geld. Und die Kunden sind bei Preisunterschieden an den Tankstellen höchst empfindlich: „Wenn ich mal für den Liter drei Cent mehr verlange als die nächstgelegene Tankstelle, stehen die dort Schlange bis auf die Straße.“

Damit das nicht passiert, versucht jeder Tankstellenbetreiber, den Sprit möglichst billig zu verkaufen. Das ist ein hochkompliziertes System: Im Internet können die Preise vieler Tankstellen nämlich genau abgefragt werden - oder der Pächter schaut schnell selbst bei der Konkurrenz vorbei. Wenn jetzt eine nahegelegene freie Tankstelle, die nicht von einem Konzern gelenkt wird, einen billigeren Preis anbietet, muss der Tankstellenpächter nachziehen. „Ich melde dann dem Konzern, dass der Konkurrent den Preis hat und hoffe, dass ich die Erlaubnis zum Nachziehen bekomme.“

An einem Tag vergangene Woche sah das dann so aus, dass kurz vor 10 Uhr der Liter Super von 1,65 auf 1,64 Euro gesenkt wurde, ehe es um 11.45 Uhr rasant auf 1,59 Euro runterging. Wer Glück hatte, kreuzte nach 18.20 Uhr an der Tankstelle auf, da kostete der Liter Super nur noch 1,56 Euro, satte neun Cent weniger als am Morgen. Um 21 Uhr war es aber schon wieder vorbei, da folgte die von der Konzernspitze vorgegebene Erhöhung auf 1,61 Euro, die mindestens einige Stunden gültig sein muss. Frühestens am nächsten Morgen geht das Spiel dann von neuem los. Es gab aber zuletzt auch schon Konzern-Preiserhöhungen nachmittags um 14 Uhr - eine richtige Ordnung gibt es nicht mehr. Langjährigen Stammkunden kann man schon mal sagen: „,Warte kurz, gleich wird’s billiger‘, aber das geht natürlich nicht ständig“, so der Tankstellenpächter.

Es ist so ähnlich wie bei den Lebensmitteln, wo sich alles an Aldi orientiert und die Preise anpasst: „Der Marktführer geht mit dem Preis rauf, alle anderen ziehen nach“, weiß der Tankstellenpächter. Fast halbstündlich sei er manchmal im Internet auf Preisvergleichs-Suche. Sonst geht es ihm wie kürzlich, als ihn eine Kundin mit den Worten „Euer Benzin ist so teuer, ihr seid’s wohl narrisch“ begrüßte.

Das hat Maucher noch nicht getan, doch er fühlt sich ausgeliefert. „Wenn ich Zeit habe, fahre ich manchmal von Füssen ins nahe Österreich. Doch vor allem der Diesel war dort zuletzt fast so teuer wie bei uns, das rentiert sich nicht mehr.“ Öffentliche Verkehrsmittel scheiden auf seiner Verbindung aus, da ist er einfach zwei Stunden unterwegs. „Ich überlege mir schon, ob ich bei einem neuen Auto auf Gas umsteige, aber das kostet natürlich in der Anschaffung viel mehr“, so Maucher. Die Patentlösung gibt es nicht - der Ärger wird bleiben, bei Pendlern und Tankstellenbesitzern.

bo

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