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Kritischer Blick: Bei der Arbeit ist viel Augenmaß und Erfahrung gefragt.

Wildsteiger Osterkerze

Bienenwachs trifft Handwerkskunst

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In der Osternacht wird sie am Osterfeuer entzündet. Ihr Licht erinnert an das Leben und die Auferstehung Jesus. Entsprechend groß ist die Bedeutung der Osterkerze. Ein besonderes Exemplar steht auch heuer wieder in Wildsteig – dank der örtlichen Imker und den begabten Händen von Conny Kößel.

Wildsteig – Es ist ein Tag mitten im März. In ihrem Haus sitzt Conny Kößel am Esstisch, die Sonne scheint durchs Fenster und taucht die Stube in ein warmes Licht. Auf der Fensterbank wünscht eine Hasenfigur mit bunten Lettern frohe Ostern. An einem Palmbusch hängen bunt verzierte Ostereier. Die Vorboten des höchsten und wichtigsten christlichen Fests, sie sind nicht zu übersehen. Doch für all das hat Conny Kößel an diesem Tag keinen Blick. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt einer imposanten Kerze, die auf dem Esstisch steht und so die 50-Jährige fast um eine Kopflänge überragt. Aus ihr soll in den nächsten Stunden die Wildsteiger Osterkerze entstehen – dank der geschickten Hände von Conny Kößel.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Wildsteigerin für die künstlerische Gestaltung des wichtigen Symbols sorgt. Seit 2003 verziert und schmückt die 50-Jährige die Wildsteiger Osterkerzen. Bis dahin seien die Kerzen meist gekauft worden, erzählt Kößel. Ein Gespräch mit dem Mesner habe damals den Stein ins Rollen gebracht. „Das Kerzenverzieren war schon länger mein Hobby, irgendwie hat sich das dann ergeben.“ Jahr für Jahr macht sich die 50-Jährige seitdem bereits ab dem Herbst Gedanken über das Motiv, welches die nächste Osterkerze zieren soll. Denn auch wenn zentrale Merkmale wie das Alpha und Omega als Zeichen von Anfang und Ende oder die Jahreszahl quasi vorgegeben sind, ist die Mutter von vier Kindern ansonsten ziemlich frei in der Gestaltung.

Viele sehenswerte Unikate hat sie so in den vergangenen Jahren geschaffen. Mal prägte eine große Inschrift samt rotem Kreuz die Osterkerze, ein anderes Mal rückte das Lamm als starkes Symbol in den Vordergrund. Sogar einen echten Dornenkranz hat Kößel schon einmal auf einer Kerze verewigt. Besonders stolz ist die 50-Jährige auf das Exemplar, das 2014 in der Wildsteiger Kirche geweiht wurde. Darauf zu sehen sind alle Kapellen des Ortes, angeordnet als Kreuz. Geschaffen habe die Bilder damals der Wildsteiger Künstler Hans Wagner, erzählt Kößel. Das Anbringen sei jedoch eine Herausforderung gewesen, blickt sie zurück. Was vor allem an der Kerze selbst lag, die in diesem Jahr zum ersten Mal eine ganz besondere Eigenschaft aufwies: Sie war komplett aus Bienenwachs hergestellt.

Was früher üblich war, ist heutzutage eine Rarität. „Die meisten Kerzen werden aus Paraffin-Wachs hergestellt, das ist günstiger“, weiß Matthias Kauf, der als Imker entscheidenden Anteil an der besonderen Art der Wildsteiger Osterkerze hat. Denn 2014 hatten er und seine Wildsteiger Imker-Kollegen beschlossen, ein Exemplar aus reinem Bienenwachs der Kirche zu stiften. Doch das Vorhaben erwies sich als gar nicht so leicht. Das Problem: Kaum jemand beherrscht noch die Kunst, so große Kerzen zu ziehen. Immerhin ist das Wildsteiger Exemplar einen stolzen Meter hoch und rund sieben Kilogramm schwer. Auch die Wachsmanufaktur von Herzogsägmühle habe absagen müssen, sagt Kauf. Doch dort bekamen die Imker den entscheidenden Tipp.

Nur noch wenige beherrschen die Kunst, eine solche große Kerze zu ziehen

Bruder Clemens Wittmann von der Benediktinerabtei Schweiklberg, der in den vergangenen Jahren als Klausner in der Einsiedelei Kirchwald lebte, ist einer der wenigen, der sich noch auf die aufwändige Herstellung von Osterkerzen per Hand versteht. „Der ganze Prozess vom Wachs bis zur fertigen Kerze dauert mehrere Tage“, weiß Kauf. Die Kerze, die bei Conny Kößel auf dem Esstisch steht, ist mittlerweile das fünfte Exemplar aus heimischem Bienenwachs. Immer Anfang des Jahres fragt Kößel seine acht Imker-Kollegen, ob sie Wachs entbehren können. Zwölf Kilogramm des kostbaren Stoffs, den die Bienen zum Bau ihrer Waben ausschwitzen, hat der Imker auch heuer wieder zusammengetragen. So viel sei nötig für die Kerzenproduktion, denn ein Teil des Wachs falle dem Reinigungsprozess zum Opfer, einen weiteren behalte Bruder Clemens als Gegenleistung, erklärt Kauf.

Ihre besondere Form – die Kerze läuft bedingt durch die Herstellung konisch zu – und ihre gold-gelbe Farbe unterscheiden die Wildsteiger Kerze nicht nur deutlich von gekauften Exemplaren. Sie erfordern auch besondere Rücksichtnahme bei der Verzierung. Bei den Farben etwa, die ganz anders wirken als auf weißem Hintergrund. „Da muss man ausprobieren, was passt“, sagt Kößel.

Einen ganzen Tag hat sich die 50-Jährige Zeit genommen, um der Osterkerze ihr Gesicht zu verleihen. Die einzelnen Motive malt sie vorsichtig mit dem Bleistift auf Backpapier vor und überträgt sie anschließend auf die vorbereiteten Wachsplatten. Mit einem Cutter schneidet sie den Hirten und die Schafherde, die heuer das Hauptmotiv bilden, aus. Dann erwärmt die Wildsteigerin mit der Hand die Stelle auf der Kerze, wo die Bilder angebracht werden sollen. So verbinden sie sich optimal und halten sicher. Kritisch mustert Kößel schließlich ihr Werk, ganz glücklich ist sie noch nicht. Ein Schaf muss wieder runter. „Wachs ist zum Glück geduldig“, lacht sie. Der zweite Versuch sitzt, die 50-Jährige nickt zufrieden.

Einer, der schon ganz gespannt ist auf die fertige Wildsteiger Osterkerze, ist Pfarrer Josef Fegg. „Das ist echte Handarbeit und hat damit einen ganz anderen Stellenwert als wenn man eine Kerze kauft und hinstellt“, betont er. Dass sie auch noch aus reinem Bienenwachs hergestellt wird, ist aus Sicht Feggs doppelt schön. „Das ist sehr selten geworden“, weiß der Pfarrer aus eigener Erfahrung. Früher sei dies anders gewesen, wie das Osterlob Exsultet, das in der Osternacht gesungen werde, verrate, so Fegg. Gleich an mehreren Stellen werde darin das köstliche Wachs der fleißigen Bienen besungen. „Das wertvolle Material steht symbolisch für das Allerheiligste.“

In der Osternacht wird der Pfarrer die Wildsteiger Osterkerze zum ersten Mal mit eigenen Augen sehen, sie entzünden und ins Taufbecken tauchen. Ein besonderer Moment – nicht nur für die Wildsteiger Imker, sondern auch für Conny Kößel. „Für mich ist es eine große Ehre, und ich bin sehr stolz, dass ich das machen darf.“

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