Sie hatten weder Geschirr noch Töpfe

Wildsteig will‘s der Politik zeigen

Wildsteig - Am 15. Mai kamen die „neuen Wildsteiger“. Und erst am 16. erfuhr Bürgermeister Josef Taffersthofer, dass das Dorf Flüchtlinge aufnehmen soll. Nun wurde die Bevölkerung informiert.

Ein bisschen klangen die letzten Worte Josef Taffertshofers an diesem Abend wie eine Kampfansage. „Wir zeigen‘s ihnen“. Man habe Wildsteig vor die Aufgabe gestellt, Asylbewerber aufzunehmen. Und diese Aufgabe habe man gut gemeistert. „Aber wir machen weiter. Und noch besser“, fügte der Wildsteiger Rathauschef, mit Blick auf die Verantwortlichen in der Politik, hinzu.

Wie berichtet, war der kleine Ort Mitte Mai plötzlich um 33 Mitbürger angewachsen, sehr zur Überraschung aller. Nach einem ersten Schock hatte Taffertshofer nun seine Mitbürger eingeladen, um über das Thema zu informieren. Und zu diskutieren, wie es weitergehen wird. Dabei kamen die Nachbarn, vor allem Matthias Bertl, zu Wort.

Darüber hinaus hatte Taffertshofer den evangelischen Pfarrer Jost Herrmann eingeladen, der in Weilheim einen Unterstützerkreis für die Asylbewerber aufgebaut hat.

Kritik gab es am Verfahren der Behörden und den Umständen der Einquartierung. Am meisten empörte es Bertl, wie man die Asylbewerber habe so allein lassen können. Nicht einmal adäquates Geschirr, Messer oder große Töpfe habe man ihnen überlassen. Allerdings brächten sie Farbe ins Dorf, beschrieb der Wildsteiger seine positiven Erfahrungen.

Wer aus Afghanistan stamme, könne wieder durchschlafen, erzählte Bertl. In Kabul oder Kundus könne man das aufgrund der Gewehrschüsse nicht, erfuhr er. Für die Nigerianer sei es hingegen zu leise. Und in der Rettungsleitstelle sei man wohl der Ansicht, das volle Programm mit Sanka und Notarzt fahren zu müssen, weil eine Bewohnerin Angstzustände hatte. Aber das übernehme man gern als Nachbar, unterstrich Bertl. „Die Leute brauchen Hilfe.“

Und sie seien gute Fußballer, die man gut in den Ort integrieren könne. Deshalb auch hatte Taffertshofer die Vereinsvorstände eingeladen, um zu sehen, wie man den Neubürgern helfen könne. Vielleicht könne der TSV bald eine eigene Mannschaft bilden, schmunzelte Taffertshofer. Ein guter Weg, wie auch Jost Herrmann findet. Man müsse den Asylbewerbern das Gefühl geben, als Menschen wahrgenommen zu werden. Wobei das Hauptproblem für die oftmals auf der Flucht befindlichen Menschen die deutsche Sprache sei. Man müsse ihnen beim Behörden- oder Arztbesuch helfen. Aber, unterstrich der Geistliche, „wir haben in Weilheim nur positive Erfahrungen gemacht“. Was auch die Polizei bestätige.

Weiterhin teilte Herrmann sein inzwischen recht umfangreiches Wissen mit - etwa was die Möglichkeit angeht, dass Asylbewerber arbeiten dürfen. Und „Ich will“ gehe gar nicht. Wer auf der Flucht sei, so Herrmann, den nehme man gerne auf. Man müsse ihnen mit Achtung begegnen, aber auf alles andere hätten sie keinen Anspruch.

In Weilheim sei mit das erste, was man ihnen beibringe, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. „Wenn ihr so sein wollt, wie die in Deutschland“, erzähle er den Asylbewerbern immer. Aber es sei eben ein langer Prozess, bis über den Antrag auf Asyl entschieden werde. Wobei nur die wenigsten wirklich als Flüchtlinge anerkannt werden.

Zumindest menschlich sollten die Asylbewerber, wenn sie dann in ihre Heimat zurückkehren müssen, „aber reicher sein“, betonte Rathauschef Taffertshofer. Deshalb werde man im Ort alles tun, um den Aufenthalt so angenehm als möglich zu gestalten. „Bis dahin gehören sie zu uns“, so der Bürgermeister. „Und sie werden Wildsteiger.“ Inzwischen könnten alle schon „Griaß eich“.

Es gebe auch nichts zu kritisieren, fand Taffertshofer, der, mangels anderer Freiwilliger, Matthias Bertl zum Verantwortlichen für die Asylbewerber bestimmte.

Man werde im Mitteilungsblatt über die Situation informieren. Außerdem werde man aufgrund der Anwesenheitsliste zur nächsten Sitzung einladen und dann eventuell auch Aufgaben zuteilen, so der Gemeindechef. Dabei nahm Taffertshofer sowohl Ausländerbehörde und Landkreis in Schutz, auch dort sei man mit der Situation in Teilen überfordert.

Aber wer interessiert sei, am Dienstag, 5. August, wolle die Regierungsvizepräsidentin Wildsteig besuchen. Die Dame sei verantwortlich gewesen, den Bürgermeister rechtzeitig zu informieren. „Die Regierung von Oberbayern hat uns hängen lassen“, schloss Josef Taffertshofer den Infoabend.

os

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