Zeitung steckte 100 Jahre hinter Fliesen

Bernbeuren - Einen unerwarteten Fund machte das Ehepaar Lipp. Seit 100 Jahren waren in einem Spiegelaufsatz die „Schongauer Nachrichten“ verborgen.

Wir schreiben den 2. April 1915, es ist das Osterwochenende. Seit neun Monaten liegen die europäischen Völker im Krieg miteinander. Und die Schlagzeilen der Zeitungen beschäftigen sich mit der Zahl der gefangenen Russen, dem U-Boot-Krieg gegen England und einer neuen französischen Offensive. Anstatt Fotos, wie wir es heute kennen, ist auf dem Titel der „neuen freien Volkszeitung aus München“ eine Zeichnung der deutschen Kreuzer „Theris“ und „Lübeck“, in Memel (das heutige Klaipeda in Litauen) vor Anker liegend, abgedruckt und Fischer, die auf einer Eisscholle das kurische Haff (die Bucht vor Klaipeda) überqueren. Dokumente, die durch einen Zufall ans Tageslicht kamen - weil Susanne Lipp Fliesen austauschen wollte.

Doch zuerst ein Rückblick: Als Susanne und Christian Lipp heiraten, ziehen die beiden in Prem zusammen. Auf dem Dachboden des alten Hauses findet sich allerhand altes, teils auch antikes Mobiliar, das das Paar beim Umzug 1993 nach Bernbeuren mitnimmt. Peu à peu werden die alten Möbel aufgearbeitet.

Jahrelang steht ein Spiegelaufsatz für eine Frisierkommode im Schuppen. Bis Susanne Lipp den Aufsatz mit geschwungenen Seitenteilen und vier eher unscheinbaren Fliesen hervorzieht und feststellt, dass dieser wunderbar zu den Gartenmöbeln auf der Veranda passen würde.

Allein die vier blauen Kacheln, die unter dem großen Spiegel sitzen, gefallen der Hausherrin nicht so recht. Deshalb beschließt sie, sie durch terrakottafarbene Kacheln und zwei Kacheln mit Blumenmustern, auszutauschen, die ebenfalls herumliegen. Dafür musste ihr Mann die Rückwand abbauen und die verrosteten und wahrscheinlich seit 100 Jahren nicht mehr angerührten Schrauben aufdrehen.

Was dem Paar dann in die Hände fällt, hatte es allerdings nicht erwartet: Hinter jeder Kachel hatte der damalige Schreiner eine Zeitungsseite von Anfang April 1915 gesteckt, neben den „Schongauer Nachrichten“ und deren Osterbeilage auch die „Volkszeitung“, die im Untertitel „Münchner Lokalanzeiger“ heißt.

Woher der Spiegelaufsatz genau stammt, wissen Susanne und Christian Lipp nicht. Interessant ist, dass die Zeitungen von vor 100 Jahren aus der Zeit des Jahres stammen, zu der der Premer Christian Lipp - einige Jahrzehnte später - auf die Welt kam. Lipp hatte die Rückwand auch schon früher einmal Anfang April geöffnet, dann allerdings die Konsole erst einmal vergessen.

Die Zeitungen sind ein Schatz, auch für Heimatforscher. Denn sie eröffnen nicht nur einen Einblick in die Weltpolitik, sondern auch ins lokale Geschehen. Da macht etwa die „Bornschein’s Buchdruck-GmbH“ Werbung für ihre Abrechnungsbücher, deren freundlicher Abnahme man gerne entgegensehe. Und die Schongauer Stadtapotheke fordert auf, doch „wärmende Getränke in’s Feld“ zu schicken.

Weil die Kacheln sonst nicht halten würden und damit nachfolgende Generationen sich auch ein Bild vom Jahr 2015 machen können, hat Susanne Lipp wieder Zeitungen hinter die Kacheln gesteckt. Die „Schongauer Nachrichten“ natürlich, von Anfang April - quasi als neue Zeitkapsel. Nur bei einem ist sich Christian Lipp nicht sicher: ob der Aufsatz weitere 100 Jahre und unsere schnelllebige Zeit „überlebt“. os

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