Zweiter Versuch für die Ewigkeit

Sachsenried - 1980 wurde das beliebte Waldhaus Sachsenried dem Erdboden gleichgemacht. Jetzt wurde das Häusel nachgebaut - und wird am Tag der Deutschen Einheit seiner Bestimmung übergeben.

Vor langer, langer Zeit spielten sich viele Märchen tief im Wald ab. Nachdenkliche oder liebevolle Gute Nacht-Geschichten entstanden daraus. Die Geschichte führt uns wieder tief in den Wald hinein, ist aber kein Märchen. Dort, wo einst im Sachsenrieder Forst das Waldhaus stand, ist jetzt das „Kleine Waldhaus“ auferstanden.

Nicht einzuordnende Klopfgeräusche sind mitten im Sachsenrieder Forst vernehmbar. Ein Specht klingt anders. Schneller und irgendwie hölzern. Das hier müssen Schläge auf Stein sein. Oder auf Eisen, oder gar beides? Man verweilt auf dem Wanderweg vom Dienhauser Weiher nach Welden mitten im Wald. Der Blick geht in Richtung Lichtung. Von dort kommen die Geräusche her. Zwischen den Ästen leuchtet etwas helles, was vor wenigen Wochen hier noch nicht zu erkennen war. Beim Näherkommen nimmt das Gebilde Form an. Eine Holzhütte wie im Märchen. Nicht irgendeine unscheinbare Baumarkt Bude. Nein, eine wunderschöne Zimmererarbeit steht vor dem Wanderer. Daneben liegt ein wahrer Hinkelstein. Irgendein Riese aus einem Märchen muss ihn dort vergessen haben. Eine Person macht sich daran zu schaffen.

Das Rätsel ist schnell gelöst. Der junge Mann ist Andreas Gilg aus Denklingen. Steinmetz von Beruf. Andreas hat sich zum Ziel gesetzt, einen Schriftzug in den Hinkelstein zu schlagen. Reine Handarbeit, ein Muskelspiel wie aus früheren Zeiten. „Hier stand das Waldhaus, 1864 - 1980“, soll am Ende in ewigen Lettern stehen. Eine Erinnerung an das Kurzzeit-Zuhause vieler Jäger, Jagdgehilfen und Förster, später auch beliebter Einkehrtreff.

Bis zum 3. Oktober muss die Steinmetzarbeit vollendet sein, dann wird das „Kleine Waldhaus“ offiziell seiner Bestimmung übergeben. Und das wird gefeiert. Nicht still und heimlich, mit einem Herbstkonzert wird die Musikkapelle Frankenhofen viele Gäste in den Sachsenrieder Forst locken. Märchenhaft. Da wurde ja auch immer gelockt. Meist aber von Räubern und Hexen. Hier aber wollen die Bayerischen Staatsforsten und das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten erinnern, als im Jahre 1864 das legendäre Waldhaus erbaut wurde.

Damals ging es gewissermaßen rau zu. In einer Zeit der Jennerweins und anderer Wilddiebe sollte den Forstgehilfen ein Schutzhaus gebaut werden, von dem aus sie die Wilderer besser unter Kontrolle halten können. Später wurde das Gebäude zu einer Einkehrstätte umfunktioniert. Die war beliebt bei Wanderern, Pilzsuchern, Beerensammlern und Schulklassen. Nicht zu vergessen als Anlaufpunkt für viele Väter, die am Himmelfahrtstag dort unvergessene Stunden „fern der Heimat“ verbrachten.

1980 wurde das beliebte Waldhaus, das bis dahin weder Wasser- noch Stromanschluss hatte, zum Bedauern vieler Bürger abgerissen. Vier Bürgermeister der Anrainergemeinden Markt Kaltental, Osterzell, Schwabsoien und Denklingen werden am Tag der Deutschen Einheit vor Ort sein, wenn die Unterstandshütte „Kleines Waldhaus“ seiner Bestimmung übergeben wird. Diese können dann ihre Brotzeiten auf dem wuchtigen Hüttentisch genießen.

Um diesen Genuss noch etwas zu verfeinern und an die 116-jährige Ära des Waldhauses zu erinnern, hat sich Gottlieb Gilg ein wahres Schmankerl ausgedacht. Der Vater von Andreas ist mit Leib und Seele Holzer. Das will er auf die Tischplatte des Hüttentisches übertragen. In bildlicher Form. Gottlieb hat eine vergilbte Fotografie aus den Anfangszeiten als Vorlage ausgewählt, um diesen Anblick als Relief in die Mitte der Platte zu übertragen. Da schmeckt die Brotzeit nochmal so gut. Also dann - ein Prosit auf das „Kleine Waldhaus“.

Hans-Helmut Herold

Einweihungs-Feier

Das Jubiläumskonzert beginnt am Freitag, 3. Oktober, um 11 Uhr. Der Festplatz auf der Waldhauswiese zwischen Frankenhofen, Dienhausen und Sachsenried kann zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per Kutschfahrt erreicht werden. Weitere Informationen im Internet unter www.musikkapelle-frankenhofen.de

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