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Alles für den Spieltisch der „Königin“

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Die fünfte Generation: Stephanie und Sebastian Reiser sind passionierte Orgelbauer.
Die fünfte Generation: Stephanie und Sebastian Reiser sind passionierte Orgelbauer. © Michéle Kirner

Im Erlinger Firmengebäude der Orgelbauer Ludwig Eisenschmid GmbH trifft alte Handwerkskunst auf moderne Technik. Die Leitung des Familienunternehmens geht mit Wirtschaftsingenieur und Orgelbauer Sebastian Reiser (45) mittlerweile in die fünfte Generation. Teil des Teams ist Ehefrau Stephanie Reiser (38), ebenfalls Orgelbauerin.

Erling - An den Wänden der Werkstatt hängen Fotos mit Kirchenorgeln, von denen lediglich riesige Metallpfeifen zu sehen sind. Nicht zu sehen sind die Spieltische, die sich aus den Klaviaturen, Registerschaltern und Pedal zusammensetzen und pneumatisch, elektrisch oder mechanisch angetrieben werden. „Damit beliefert das Familienunternehmen seit mehr als 100 Jahren Orgelbauer“, erklärt Sebastian Reiser. Begonnen hatte alles 1911 in München, als Ludwig Eisenschmid sich nach einer Ausbildung zum Orgelbauer selbstständig machte und die Firma im Zweiten Weltkrieg nach Erling verlegte hat. In Sichtachse zum Kloster Andechs werden seither Spieltische für die Königin der Instrumente, die Orgel, hergestellt, die weltweit Orgelpfeifen zum Klingen bringen.

Derzeit beschäftigt Sebastian Reiser, der die Firma gemeinsam mit seinem Vater Ludwig (72) leitet, ein Projekt für eine der größten Kirchenorgeln der Welt im Passauer Dom. Dabei kann er gar nicht Orgel oder Klavier spielen. „Für die Herstellung vom Spieltisch ist nur technisches Wissen erforderlich“, erklärt er und deutet auf eine computergesteuerte Maschine, die die Tasten fräst.

Dass er einmal Orgelbauer lernen würde, war für den Erlinger nicht selbstverständlich. „Ich habe erst studiert“, sagt er. Seine Diplomarbeit war dann quasi der erste Schritt in die Branche: Er entwickelte eine auf den Familienbetrieb abgestimmte Orgelelektronik, die heute fester Bestandteil des Angebots ist. Erst danach absolvierte er die Ausbildung zum Orgelbauer und lernte seine Frau Ehefrau kennen. Auch sie kann nicht Orgel spielen, aber Geige. „Ursprünglich wollte ich Geigenbauerin werden“, verrät sie. Das konnte sie sich nicht leisten, weil sie während der Ausbildung in Mittenwald nichts verdient hätte. Nach einem Praktikum bei einem Orgelbauer in Berlin fand sie dann ihre wahre Berufung. „Es ist eine unglaublich abwechslungsreiche Tätigkeit“, schwärmt die 38-Jährige. „Jeder Spieltisch ist ein Unikat, der den besonderen Anforderungen des Auftraggebers entsprechen muss“, sagt sie. Das Design sei immer an die Architektur des Konzertsaals oder der Kirche angepasst, mal modern und mal klassisch. Außerdem komme man mit verschiedenen Holzarten in Berührung und müsse sich in Mechanik, Pneumatik und Elektronik auskennen. Auch die Jann-Orgel im Kloster Andechs habe einen Spieltisch aus Erling.

Die Erlinger Firma ist einer von 300 Orgelbauern in Deutschland. Reisers stellen jährlich etwa 20 Spieltische her oder restaurieren sie. In eine kleinere Orgel investieren die 13 Orgelbauer, Schreiner und Klavierbauer gut 200 Stunden, ein großer Orgeltisch nehme sogar an die 1000 Stunden in Anspruch. Corona habe die Auftragslage nicht verschlechtert, aber mit Lieferschwierigkeiten hätten auch sie zu kämpfen, so Stephanie Reiser.

„Wir suchen dringend Auszubildende aus der Region zur Ergänzung unseres Teams“, betont das Paar. Ob ihre 12- und 14-jährigen Kinder einmal Spieltische bauen, ist noch offen. Die 14-jährige Tochter hilft allerdings schon aus und könnte sich eine Ausbildung zur Orgelbauerin derzeit durchaus vorstellen.

Michèle Kirner

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