Alles deutet darauf hin, dass dieser Fuchs auf Machtlfinger Flur von einem Hund gerissen wurde.
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Alles deutet darauf hin, dass dieser Fuchs auf Machtlfinger Flur von einem Hund gerissen wurde.

„Dreistigkeit der Leute nimmt zu“

„Irre, was da abgeht“: Ansturm auf Naherholungsgebiete erreicht traurigen Höhepunkt - Regeln oft nicht eingehalten

  • vonAndrea Gräpel
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Im Corona-Lockdown zieht es viele Menschen raus in die Natur. Einige Waldbesucher halten sich jedoch nicht an die Spielregeln - das hat Folgen für die Naherholungsgebiete.

Andechs - Der Naherholungsdruck auf die drei Ortsteile der Gemeinde Andechs hat vor gut einer Woche einen traurigen Höhepunkt erreicht: Ein freilaufender Hund hat auf Machtlfinger Flur einen Fuchs gerissen. Darauf ließen jedenfalls die Spuren schließen, sagt Hubert Sontheim, Vorsitzender der Jagdgenossenschaft Machtlfing.

Corona im Landkreis Starnberg: Ansturm auf Naherholungsgebiete erreicht traurigen Höhepunkt

Von einer dramatischen Entwicklung spricht Hartwig Görtler, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Starnberg. Er bereitet aktuell eine Aktion vor, damit Waldbesucher sich an Spielregeln halten und die Natur respektieren. In der Corona-Zeit hat sich vor allem die Zahl der Radfahrer erhöht, viele Menschen sind zudem auf den Hund gekommen.

Mit gut gefederten Mountainbike ist es kein Problem, unwegsames Gelände zu befahren. Immer öfter trifft man deshalb Radler nicht mehr auf den Wegen, sondern mitten im Wald. Gerade erst hat Görtlers Wildkamera dort sogar einen Rennradfahrer aufgenommen. Mitten im Wald. „Was macht der da?“, fragt er sich. „Es ist wirklich irre, was da draußen abgeht.“

Corona in Bayern: Waldbesucher halten sich nicht an Regeln - Jäger bittet um mehr Respekt vor Natur

„Die wollen alle raus“, sagt Hubert Sontheim, „das ist verständlich.“ Aber ein bisschen mehr Respekt vor fremdem Eigentum und der Natur erwarten er und auch Görtler. „Man muss nicht mitten auf dem Acker ein Picknick machen oder mitten in der Nacht mit einer Lampe quer durchs Holz laufen“, sagt Sontheim. Görtler hat im Winter sogar Menschen auf einem Winterweizenacker grillen sehen, „die dachten das sei ein Feld“.

Es werde auch nicht mehr so gejagt wie üblich, sagt Görtler. Es seien zu viele Leute rund um die Uhr unterwegs. Außer der Reihe musste er dafür im Januar Rehe schießen, die in ihrer Winterruhe gestört und völlig abgemagert gewesen seien. „Die hätten das nicht bis zum Frühjahr geschafft.“ Rehe bräuchten im Winter Ruhe, die sie durch die vielen Menschen nicht hatten.

„Es herrscht keine Wildruhe mehr“, hat auch Andechs’ Bürgermeister Georg Scheitz festgestellt. Er selbst wohnt am Waldrand in der Nähe von Klosterweiher und Pähler Höhenweg in Erling – ein Bereich, der sich bei schönem Wetter in der Pandemiezeit noch mehr zum Hotspot für Naherholer entwickelt hat. „Im Winter kam hinter jedem Strauch ein Schlitten raus“, sagt Scheitz.

Besucher-Ansturm im Corona-Lockdown: „Die Dreistigkeit der Leute nimmt zu“

„Die Dreistigkeit der Leute nimmt zu“, findet Sontheim. Die Menschen führen mit ihren Fahrrädern abseits der Wege, Hunde liefen frei herum, „auch in den Aufwuchsphasen“. 98 Prozent der Hunde, die er sehe, seien nicht angeleint. Ganz abgesehen davon, dass überall und rücksichtslos geparkt werde, sodass landwirtschaftliche Fahrzeuge kaum oder gar nicht mehr durchkämen.

Diese Beobachtung hat auch Sebastian Singer gemacht. Er ist Vorsitzender der Jagdgenossenschaft in Frieding. „Ich kann den Frust verstehen“, sagt er. Er selbst bleibe an schönen Tagen mittlerweile lieber daheim. Mit Plakaten will Hartwig Görtler nun eine konzertierte Aktion starten, die auf die Brutgebiete aufmerksam macht.

Plakate mit Kiebitz, Fasan, Hase und Bambi drauf. Er würde auch gern die Politik in die Pflicht nehmen. „Sie muss einen Leinenzwang verhängen“, sagt er. Aber es traue sich keiner. Auch Jagdpächter und Jagdaufseher hätten Durchgriffsmöglichkeiten, könnten Menschen von Plätzen verweisen, Personalien aufnehmen, Kofferräume kontrollieren.

Corona in Andechs: Aktion soll Waldbesucher auf Brutgebiete aufmerksam machen

„Aber wer macht das?“, das Umfeld sei viel zu spannungsgeladen. Die Leute meinten, sie hätten ein Recht, sich überall frei zu bewegen, so wie es die Bayerischen Verfassung in Artikel 42 versichere. „Dort steht aber auch, solange die Natur nicht gestört wird.“ Genau dies sei allerdings der Fall. Görtler, Scheitz und die Jagdgenossenschaften appellieren deshalb vorerst freundlich an die Naherholer, auf den Wegen zu bleiben und Hunde anzuleinen.

Wegen dem Ausflügler-Andrang trotz Corona-Krise wurden an den Starnberger Seen alle Stege gesperrt. Nun hat eine Frau einen Anwalt eingeschaltet. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Starnberg-Newsletter.

(Von Andrea Gräpel)

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