Die Linde und zwei ihrer Retter: Für den Heimatverein Erling-Andechs hatten sich damals Dr. Helmut Klein (l.) und Vorsitzender Karl Strauß stark gemacht.
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Die Linde und zwei ihrer Retter: Für den Heimatverein Erling-Andechs hatten sich damals Dr. Helmut Klein (l.) und Vorsitzender Karl Strauß stark gemacht.

Naturdenkmal

Die Hüterin Erlings trotzt dem Ende

  • VonAndrea Gräpel
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Mehr als 20 Bäume oder Baumgruppen im Land-kreis sind Naturdenkmäler. Was sie so besonders macht, erklären wir in ei-ner Serie mit loser Folge. Heute: eine 500 bis 700 Jahre alte Dorflinde in Erling, die 1998 zum Politikum wurde.

Erling – Die Erlinger Dorflinde hat im Laufe ihres Lebens vieles erlebt. Wie alt sie ist, weiß keiner genau – vielleicht 500, vielleicht sogar 700 Jahre. Groß war sie einmal, 21 Meter hoch. Dann wurde sie das erste Mal zusammengestutzt – im Jahr 1957. 1998 wurde sie bis auf einen zwei Meter hohen Torso gekürzt und sollte das Prädikat Naturdenkmal verlieren. Nicht überlebensfähig sei sie. Von wegen.

Angenommen wird, dass die Linde 1471 im Sinne eines Grenzzeichens gepflanzt wurde, oder um 1600. Auf der früheren Burgfriedensgrenze, innerhalb der das Kloster seinerzeit das „Asylrecht“ hatte, standen sieben Marterl rund um den Heiligen Berg, steht in den Aufzeichnungen des Heimatvereins. Die Linde galt möglicherweise als solches. Nach einem Freibrief aus dem Jahr 1471 kann man annehmen, dass diese Zeichen je 300 Schritte vom Berg entfernt aufgestellt waren. Es heißt darin: „Daß manniglich aus so vil Tausend herbei kommenden Christgläubigen Menschen soll am Leib, Leben und Gut frey und sicher Geleyt haben, welcher darüber innerhalb 300 Schritt von unten des Bergs sich anmassset, Hand anzulegen, wollen und befehlen wir Römischer Kayser, daß der Verbrecher zu zwantzig Mark Löthiges Gold, wo aber einer vermöcht solches nicht zu bezahlen, am Leib gestrafft werden solle.“ (Nürnberg, den 6. Herbstmonath 1471... Kaiser Friedrich III). Pilger waren im Umkreis dieser 300 Schritte also in Sicherheit. Die Entfernung zum Klosterberg trifft zu.

Max Karl ist Forstwirt im Ruhestand. Seit etwa 40 Jahren wohnt er gleich neben der Linde und hat seine Freude an dem Baum. „Eine Linde regeneriert sich auch ohne menschliche Hilfe.“ Der malträtierte Torso an der Andechser Straße ist der Beweis. Aus dem Totholz ragt mittlerweile wieder ein stolzer, etwa sechs Meter hoher Stamm heraus. „Alle bleiben stehen und rätseln.“ Denn der beeindruckende knorrige Stamm hat einen Umfang von mehr als sechs Meter. „Leider ist die Kupfertafel etwas versteckt“, bedauert der 74-Jährige.

Auf der Tafel wird die Dorflinde „an der Pilgerstraße zum Kloster“ auf 700 Jahre geschätzt, in der Verordnung über Naturdenkmäler von 1980 nur auf circa 400 Jahre. In der neuen Verordnung von April dieses Jahres gehen die Sachverständigen ebenfalls davon aus, dass der Baum älter ist, möglicherweise aus dem 15. Jahrhundert. Einheimische nannten die Linde „Hüterin“. „1998 von der Interessengemeinschaft und dem Heimatverein saniert“, steht auf der Tafel außerdem. Denn in jenem Jahr wurde der Baum zum Politikum. Ein Sachverständiger der Unteren Naturschutzbehörde gab der Linde keine Überlebenschancen mehr. Zeitzeugen sagen, dass ein etwa 40 Zentimeter dicker Ast in die Straße hineinragte und den Auslöser für die Untersuchung gegeben hatte. Die Linde stellte eine Gefahr für die Verkehrssicherheit dar.

Der Zuschnitt war rigoros. Das Landratsamt wollte dem Baum deshalb den Status Naturdenkmal aberkennen. Die Gemeinde, angetrieben vom Heimatverein Erling-Andechs, lehnte sich dagegen auf. „Die Linde überlebte schließlich das 1000-jährige Reich und erlebte, wie das Auto die Pferde verdrängte, wie man ihm die Vorgärten der Häuser opferte und den Boden versiegelte“, argumentierte Dr. Helmut Klein damals für den Heimatverein. Klein war naturwissenschaftlicher Berater zu umweltrelevanten Themen. Er verwies darauf, dass die Linde seit 1939 geschützt sei und 1000 Jahre alt werden könne.

Schon 1957 war einer der riesigen Äste abgebrochen. So ist es in den Aufzeichnungen des Heimatvereins notiert, die Karl Strauß hütet. Auf Anregung des Vereins nahm sich die Gemeinde der Linde schon damals an und holte ein Gutachten ein. Die Prüfung ergab zu der Zeit „einen verhältnismäßig guten Zustand“ des Baumes. Deshalb wurde er nun gestutzt, der Faulstelle am Stamm wurde eine Betonplombe verpasst.

Nach dem radikalen Rückschnitt im Jahr 1998 versammelten sich Fachleute, Ortsansässige und Bürgermeister rund um den Baum. Der Sachverständige ließ sich zu einem Rettungsversuch überreden, das Landratsamt übernahm die Kosten: 5000 Mark. Der Gemeinde war auch darum um den Erhalt des Prädikats Naturdenkmal gelegen, weil ansonsten alle künftigen Kosten auf sie fielen. Denn der Baum steht auf gemeindlichem Grund, aber nicht nur.

Der Zufall wollte es, dass dem damaligen Zweiten Bürgermeister Kurt Schölderle ein Zeitungsbericht in die Hände fiel, in dem von einem Baumbiologen die Rede war, der Hoffnung machte. Denn Schölderle machte das Geschehen „sprachlos“. „Das ist doch ein Teil von unserer Geschichte“, sagt der heute 81-Jährige. Damals setzte der Erlinger Unternehmer alles daran, den Baum zu retten. Die Kupferplatte mit der Aufschrift ließ auch er anbringen. Baumexperte Manfred Junge also legte die Wurzeln frei, klopfte den Beton wieder heraus, füllte den Stamm mit Lava-Asche und wartete ab. „Eine Linde verzeiht viel“, weiß Schölderle heute. Denn siehe da, der Baum trieb wieder aus, so wie es Junge prophezeite.

Die anfänglichen Kosten der Spezialbehandlung 1998 hätten sich Landkreis, Gemeinde und Schölderle geteilt. Danach ließ der Unternehmer den Baumchirurgen noch einige Male wieder anreisen. Die Kosten dafür übernahm er selbst. Als sich Schölderle 2008 aus der Gemeindepolitik zurückzog, legte er das Wohl des Baumes vertrauensvoll in die Hände der Gemeinde. „Jetzt kümmert sich der Bauhof um den Baum. Und der macht das gut“, freut sich Schölderle. Zwar breche manchmal die Rinde ab, sagt Schölderle, aber die Linde wächst. Und dass sie als Naturdenkmal wieder Beachtung findet, macht ihn stolz. „Das zeigt, dass nicht alles umsonst war. Es ist eine Bestätigung.“

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