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Eine wahre Fundgrube ist das ehemalige Zimmer einer Lehrerin, das der Heimatverein in ein historisches Klassenzimmer umgebaut hat.

Heimatverein Erling-Andechs im Porträt

Fleißbildchen, Stromschläge und ein Skelett: Heimathistoriker erforschen Spannendes in Andechs

Der Heimatverein Erling-Andechs wird 40 Jahre alt. Was die Mitglieder alles in der Ortsgeschichte entdecken, ist spannend.

Andechs – Die alte Holztreppe knarzt unter den Schritten von Helmut Schwab (61), Peter Klein (50) und Karl Strauß (66), als die Vorstandsmitglider zum Büro des Heimatvereins Erling-Andechs aufsteigen. Dort organisieren sie Veranstaltungen, recherchieren und nehmen Historisches aus Erling und Andechs zum Aufbewahren entgegen. Wie das Foto von der Ortsdurchfahrt 1952 als Schotterweg. In hohen Regalen sind seit 1975 fein säuberlich Zeitungsausschnitte in Ordnern abgelegt, die über die Gemeinde auf dem Heiligen Berg berichten. Außerdem enthält das Archiv eine umfangreiche Bibliothek, Unterlagen zur Häusergeschichte Erlings von etwa 1600 bis 1900, Flurkarten sowie Material aus dem Urkataster. Heuer feiert der Verein seinen 40. Geburtstag.

Die Mitglieder wünschen sich trockene Lagerflächen und ein Heimatmuseum. Aktuell sind die Kostbarkeiten des Vereins mehr schlecht als recht unter dem Dach der historischen Gemäuer in der ehemaligen Wohnung der einstigen Lehrerin Maria Wagner sowie in einem alten Stadel eines benachbarten Bauernhofes untergebracht. Ihr Wohn- und Schlafzimmer bauten die Ehrenamtlichen in ein Klassenzimmer um. Wie damals, als die Grundschüler noch an Schreibtischen mit abgewetzten Holzplatten saßen und Aufsätze auf Schiefertafeln schrieben.

Auf der Lehrertafel hinterließen die Ortshistoriker mit Kreide in gestochener Sütterlinschrift ein Rätsel: „Ich rede ohne Zunge, ich rede ohne Lunge, ich habe auch kein Herz, doch nehme ich Teil an Freud und Schmerz.“ Die Lösung: Die Verse stammen aus Schillers „Glocke“.

Der Vorstand des Heimatvereins (v.l.): Alfons Echter (Kassier), Helmut Schwab (Schriftführer), Karl Strauß (Vorsitzender), Robert Klier (Sammlungswart) und Peter Klein (Vizevorsitzender).

Auf einem Bild strahlt eine Schulklasse in die Kamera. Das Fräulein Wagner schaut streng, so wie es sich damals für eine autoritäre Lehrkraft gehörte. Strauß öffnet einen Schrank. Ein Skelett kommt zum Vorschein. „Das ist der Lehrer“, sagt der 66-jährige Rentner im Spaß.

Das ehemalige Wohn- und Schlafzimmer der Lehrerin ist eine wahre Fundgrube: Fleißbildchen für die Tüchtigen, ein Gerät, das mit einer Kurbel kleine Stromschläge erzeugt und am Boden ein Schlitten auf Knochenkufen. Exotisch genug, dass der Sender München TV 2017 den Klassenraum zur „Ortschaft der Woche“ kührte. In dem Beitrag drücken Vorsitzender Strauß und Schriftführer Schwab mit Moderatorin Marion Schieder die Schulbank. Auch die Mineralsteinsammlung aus dem Kloster bekommt Sendezeit: Verstaut in kleinen, selbstgefalteten Kartons, die sich beim Auseinanderfalten einst als rund 200 Jahre alte Spielkarten entpuppten.

Gegründet wurde der Verein 1979 unter Federführung von Dr. Helmut Klein im Zuge der 1200-Jahr-Feier Erlings. Der aktuelle Vizevorsitzende und Schreinermeister Klein trat bereits mit 16 Jahren dem Verein bei. Damals organisierte die Gruppe noch viele naturheilkundliche Wanderungen, Vorträge und Ausflüge in Museen. Die Mitglieder fuhren nach Frankfurt oder Slowenien – überall dorthin, wo die Andechs-Meranier in irgendeiner Form einen Fußabdruck hinterlassen haben. In Innsbruck besuchten sie die Andechser Straße, die nach den Grafen Andechs benannt ist, die 1180 den Grundstein für den österreichischen Ort legten.

Die Mitglieder finanzierten einen Nachbau der Andechser Madonna

Ende der 1980er Jahre finanzierten die Mitglieder einen Nachbau der Andechser Madonna mit, deren Original zuvor aus der kleinen Kirche im österreichischen Mortizing gestohlen worden war.

Ein Meilenstein war der Umzug aus der alten Apotheke in das alte Schulhaus. Seither treffen sich die zehn Aktiven unter den 51 Mitgliedern jeden ersten und dritten Montag im Monat um 20 Uhr. Zum Jubiläum widmen sie sich der Geschichte der kommunalen Gebäude. Auf grüne Aluschilder prägen sie gegen einen kleinen Kostenbetrag die ehemaligen Hausnamen inklusive Baujahr. Die Geschichte des heutigen Rathauses hängt bereits am Eingang: „Klosterrichter erbaut 1665, bis 1803 Wohnung des Richters, seit 1980 Rathaus.“

Auch viele Familienchroniken haben die Ehrenamtlichen archiviert. „Wir sind immer interessiert an alten Fotos oder Gegenständen“, betont Schwab. Oft werde vergessen, dass die Besitzer mit der Übergabe ein Stück Geschichte retten, das ansonsten vergessen wird.

Gut aufgestellt ist der Verein: Neben Strauß, Schwab und Klein wurden im Februar Alfons Echter zum Kassier und Robert Klier zum Sammlungswart ernannt. „Einstimmig“, sagt Schwab beim Treppenabstieg. Wieder knarzt es – auch das ist ein Stück Ortsgeschichte.

Michèle Kirner

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Dass die Gemeinde Andechs ein direkter Seeanrainer ist, ist vielen nicht bekannt. Aber etwa 400 Meter Ammerseeufer darf die Klostergemeinde tatsächlich ihr Eigen nennen. Sogar einen Kiosk gibt es, das Froschgartl, – und eine Boje. Diese will die Schlösser- und Seenverwaltung den Andechsern nun aber streitig machen.

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