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„Geht um Leben und Tod“: Verein rettet Rehkitze vor Mähmaschine – und das sogar per Drohne

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Von: Andrea Gräpel

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Die Kitze werden möglichst so in die Kiste gebettet, dass sie keinen Fremdgeruch annehmen.
Die Kitze werden möglichst so in die Kiste gebettet, dass sie keinen Fremdgeruch annehmen. © Kitzrettung Andechs

Es ist Setzzeit. Aber es ist auch Mähzeit. Der Verein Kitzrettung arbeitet deshalb mit Hochdruck daran, alle Kitze vor der Mähmaschine zu retten – zu Fuß oder mit der Drohne.

Andechs – „Wenn ich Kitz wäre, würde ich hier liegen wollen“, sagt Jana Schmaderer. Sie steht mittendrin in meterhohem Gras ganz in der Nähe des Naturschutzgebiets Mesnerbichl in Erling. Aufmerksam richtet sich ihr Blick nach unten, denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass vor ihren Füßen plötzlich tatsächlich ein Kitz liegt.

Mähzeit ist Setzzeit: Für die Kitzretter aus Andechs herrscht Hochsaison

Der Verein Kitzrettung Andechs hat deshalb Hochsaison. In enger Absprache mit Jägern und Landwirten sind sie und eine Handvoll Freiwillige in den frühen Morgenstunden unterwegs, um Kitze vor dem Mähwerk zu retten. „Eine gute Sache“, findet Jäger Christian Völk. Auch viele Erlinger Landwirte begrüßen den Einsatz sehr.

Den Verein Kitzrettung Andechs gibt es seit vergangenem Jahr. Ziel ist, in enger Absprache mit Landwirten und Jägern Wiesen vor der Mahd nach Kitzen abzusuchen – mit der Drohne oder zu Fuß. Der Andechser Verein hat sich dafür ein eigenes Fluggerät angeschafft. Es ist ausgestattet mit einer sensiblen Wärmebildkamera und hat 6500 Euro gekostet. Dazu kommen noch etliche Akkus zu je 180 Euro, ein Bildschirm und Walkie-Talkies, außerdem Haftpflicht- und Vollkaskoversicherung für die Drohne und den Verein.

Seit Tagen haben Jana Schmaderer und ihr Mann Peter das Agrarwetter genau im Blick. Denn das Gras steht hoch und die erste Mahd an – die Silage. Bio-Ziegenwirt Georg Scheitz nennt es „Sauerkraut aus der Dose“ – bestes, proteinreiches Tierfutter für den Winter, das dummerweise zeitgleich zur Setzzeit eingefahren wird. Um den 20. Mai herum werden die meisten Kitze gesetzt.

Kitzrettung Andechs ist eine willkommene Hilfe für alle

Die zweite Mahd folgt nach der nächsten Schönwetterperiode in 14 bis 21 Tagen nach vier aufeinanderfolgenden trockenen Tagen. Dann gibt es Heu. Mit viel Glück können die meisten Kitze dann schon laufen. Rehe setzen ihre Jungen von April bis Juni. Das geschieht im Wald, aber auch auf der grünen Wiese. Grünland gibt es in Andechs viel, rund 80 Prozent der Gemeindefläche. Circa 60 Prozent davon werden bewirtschaftet, weiß Christian Völk. Seit 26 Jahren ist er Jäger im Jagdgebiet Erling-Süd. Auch dort sind die Kitzretter unterwegs. Bei ihrem ersten Einsatz vor einer Woche brachte Völk eine große Tüte frischer Brezn zur Belohnung für alle vorbei.

Naturgemäß liegt auch dem Jäger das Wild am Herzen. Und auch Völk trägt seinen Teil dazu bei, dass den Tieren ein ungestörter Rückzugsort bleibt. Brachflächen zum Beispiel, die nur einmal im Jahr im Herbst gemäht werden, würden nicht bejagt, „damit die Geißen in Ruhe legen können“. Und früher war er es, der vor der Mahd gemeinsam mit den Landwirten die Wiesen abging. Die Kitzrettung Andechs ist deshalb eine willkommene Hilfe für alle. Warum, das macht sich auch an der Größe der Fläche deutlich, die die Kitzretter beim ersten Einsatz auf Erlinger Flur in der Früh auskundschaften.

Mit Drohnen und Wärmebildkamera werden in aller Früh Felder nach Kitzen abgesucht
Mit Drohnen und Wärmebildkamera werden in aller Früh Felder nach Kitzen abgesucht © Kitzrettung Andechs

Früheinsatz mit Drohnenpiloten: Je höher die Sonne, desto schwieriger die Suche

Peter Schmaderer hat in wochenlanger Arbeit und noch bis in die Nacht vorm Einsatz alle Koordinaten der Felder zusammengetragen. 25 Felder von drei Landwirten sind für diesen Einsatz gemeldet, zusammen eine Fläche von 110 Hektar oder 1,1 Millionen Quadratmetern. Zur Unterstützung haben sich zwei befreundete Drohnenpiloten für den Früheinsatz gemeldet. Um 5.30 Uhr ist Treffpunkt, denn für die Wärmebildkamera ist der deutliche Temperaturunterschied entscheidend, um die Kitze auch zu finden. Das geht nur in der Früh, wenn der Boden kalt ist – Anfang der Woche etwa sechs Grad. Ein Kitz hat eine Körpertemperatur von rund 28 Grad. Je höher die Sonne steht und den Boden erwärmt, desto schwieriger wird die Suche.

Nicht wenige Freiwillige sind das erste Mal dabei. Und als Jana Schmaderer ihnen erklärt, wie vorsichtig sie sein müssen, wenn sie ein Kitz finden, steigt der Puls allein beim Zuhören. Die Rettung darf nur mit Handschuhen erfolgen. Jeder menschliche Geruch kann für ein Kitz tödlich sein. „Dann sind sie verloren“, sagt Jana Schmaderer. Die Geißen nehmen sie nicht mehr an. Wenn Spaziergänger und Jogger ein Kitz sehen und vor lauter Verzückung streicheln, wäre dies sein Todesurteil.

Die freiwilligen Kitzretter wissen um die Gefahr und sind vorsichtig. Und sie wissen auch: Maximal vier Stunden darf das Kitz, wenn es gefunden ist, in der gelben Sicherheitsbox bleiben, denn alle vier Stunden kommt die Geiß zum Säugen. Innerhalb dieser vier Stunden muss die Wiese gemäht und das Kitz zurück an einen sicheren Platz in der Nähe des Fundortes gebracht sein. Die Mutter holt es dort ab, denn sie hört den Fiepston, mit dem das Junge nach ihr ruft.

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„Die meisten Geißen legen die Kitze jedes Jahr an derselben Stelle ab“

Christian Völk weiß aus seiner langjährigen Erfahrung, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ein Kitz in der Wiese liegt. „Die meisten Geißen legen die Kitze jedes Jahr an derselben Stelle ab“, sagt er. „Ganz genau weiß das freilich keiner, aber beim Großteil trifft es zu.“ In Erling habe es bislang kein großes Problem gegeben. Was auch der Tatsache geschuldet sei, dass die Landwirte mit ihm umsichtig die Wiesen abgingen. Die aufwendige Begehung ist ihm persönlich lieber als jede Vergrämung mit hochfrequenten Tönen. Bio-Landwirt Scheitz wiederum ist die moderne Technik lieber, als dass ein Kitz ins Mähwerk gerät. Für Völk dagegen ist der hochfrequente Ton zu allererst eine weitere empfindliche Ruhestörung, der die Tiere vertreibt. Dabei sei Ruhe insbesondere nach dem Freizeitdruck der vergangenen Jahre für das Wild wichtig.

Jana Schmaderer teilt die elf Freiwilligen in drei Teams ein, jeweils um die Drohnenpiloten herum. Jedes Team ist ausgestattet mit zwei Rettungsboxen und Handschuhen. Peter Schmaderer instruiert die Pilotenkollegen mit den Koordinaten der gemeldeten Wiesen. Diese werden in die teuren Fluggeräte eingegeben, die dann leise surrend, fast lautlos, im Autopilotenmodus die Flächen später absuchen, während ein anderer Helfer über einen Bildschirm am Startplatz die Suche parallel mit dem Piloten mitverfolgt und per Walkie-Talkie Kontakt zu den Helfern in der Wiese hält.

Die Kitzretter machen sich bereit.
Die Kitzretter machen sich bereit. © Andrea Gräpel

Florian Hammers ist ein erfahrener Tierretter und Drohnenpilot. Er kommt aus Gilching. Er erkennt sofort, was ein Misthaufen ist oder ein Reh sein könnte. Mit zunehmender Tagestemperatur wird es aber auch für ihn schwierig. Aus einzelnen warmen orangefarbenen Punkten auf lila (kalt) Untergrund wird nach drei Stunden eine große, fast einheitlich orangefarbene Fläche.

„Wir wollen gute Arbeit leisten, schließlich geht es um Leben und Tod“

Es ist schon 7 Uhr, als das Team mit Hammers die große Fläche in der Nähe vom Mesnerbichl absucht. Der Tierschützer ist sich ziemlich sicher, dass Kitze im Gras liegen müssen. „Ihr könnt schon mal eure flinken Schuhe anziehen“, sagt er. „Wenn da keine Kitze drin sind, weiß ich auch nicht.“ Jana Schmaderer marschiert mit Eva Schmitt deshalb erwartungsvoll los. Über das Walkie-Talkie gibt Dr. Walter Kellner vom Bildschirm aus die Anweisung, in welche Richtung sie gehen müssen. Aber es ist zu spät. Das, was aussah, als wäre es ein Kitz, war am Ende ein kleines, aufgewärmtes, unbewachsenes Stück Erde mitten auf der Wiese. An diesem Tag findet keines der drei Teams ein Kitz. „Eigentlich glücklicherweise“, sagt Jana Schmaderer. Die 110 Hektar Fläche können an diesem Tag mit nur drei Teams lediglich zur Hälfte abgeflogen werden. Die Kitzretter können die übrigen Flächen deshalb nicht freigeben.

„Wir wollen gute Arbeit leisten, schließlich geht es um Leben und Tod“, sagt Jana Schmaderer. Zugleich weiß sie, dass es keine Garantie dafür gibt, dass nicht doch ein Kitz übersehen wird. In dichten Kleegraswiesen zum Beispiel, in denen sich das Gras wie ein Dach über die Jungen legt, oder bei bestimmten Geländeformationen, wie sie in den Andechser Schutzgebieten verbreitet sind. Auch menschliche und technische Fehler seien nicht ausgeschlossen. Aber daran arbeitet der Verein, „möglichst gemeinsam mit Landwirten und Jägern“.

„Am Ende ist es die Summe der Maßnahmen, die es ausmacht.“

„Unsere Leistung kann nur eine Hilfsleistung sein“, sagt Jana Schmaderer. Dafür ist sie sehr wertvoll. Denn in den bisher vier Einsätzen konnten sechs Kitze durch die Drohnensuche gerettet werden. „Wir haben noch eine große Helfergruppe, die tagsüber die Wiesen begehen würde. Leider wurde sie noch nicht angefragt“, sagt die Vereinsvorsitzende. „Am Ende ist es die Summe der Maßnahmen, die es ausmacht.“

Viele Kitze wurden in den vergangenen Tagen während der Vollmondphase gesetzt. Die bereits seit Jahren eingespielten und weitaus größer aufgestellten Kitzretter aus Polling im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau haben schon eine zweistellige Zahl Kitze retten können. Auch Jana Schmaderer hofft auf weitere Rettungen und Anfragen. Schließlich folgt der ersten Mahd die zweite.

„Bei freien Kapazitäten helfen wir auch gerne in anderen Gemeinden aus.“ Ob in aller Früh oder später am Tag – die wertvolle Natur vor allem rund um Andechs, in der außer der Vogelstimmen bei frühen Einsätzen nur das leise Surren der Drohne zu hören ist, ist Entschädigung genug. Wenn dann noch Kitze gerettet werden, umso besser.

Weitergehende Infos

Informationen, unter anderem zu Spendenmöglichkeiten, gibt es unter kitzrettung-andechs.de.

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