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Das waren noch Zeiten: Molkereichef Georg Scheitz war im Besengaßl der Mann für alles. Er war es, der als Erster Milch in Flaschen verkaufte. Und diese wusch er zunächst sogar noch mit der Hand wieder aus.
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Bis heute schaut Georg Scheitz senior fast täglich in der Molkerei vorbei und lässt sich auf dem Laufenden halten. Zu Hause – im Herrgottswinkel – blättert er durch alte Broschüren und lässt Erinnerungen wach werden.
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110 Jahre Molkerei Andechs

Alles Bio, schon beim Opa

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Die Molkerei Andechs wird in diesem Jahr 110 Jahre alt. Den Grundstein zur Bio-Produktion legte schon sein Großvater, darauf ist Georg Scheitz senior bis heute stolz. In einer kleinen Serie lassen wir Familie und Mitarbeiter zurückblicken. Heute: Georg Scheitz senior.

Erling – Noch heute schaut Georg Scheitz senior täglich in der Molkerei vorbei. Er ist der gute Geist im neuen Hundertwasser-Verwaltungsgebäude, der seiner Tochter Barbara den Rücken stärkt, wenn es sein muss. Der Erlinger ist ein Vorreiter in der Bioproduktion. Etwas, das ihm scheinbar in die Wiege gelegt worden ist. Denn schon sein Großvater Georg Floßmann „hatte diese Denke“, sagt Scheitz. Der Großvater – noch im Tegernseer Land – hat 1902 eine Auszeichnung für eine mustergültige Dungstätte erhalten. Das heißt, er hat keine Spritzmittel gebraucht. Die habe es auch damals schon gegeben. „Das war die Grundlage für den ökologischen Landbau. Darauf bin ich heute noch stolz“, sagt der der heute 78-jährige Enkel und nimmt die vergilbte Urkunde in die Hand. Als dann 1908 in Andechs eine Molkerei verkauft wurde, griff der Großvater zu und gründete eine Käserei. „Die nehm i“, habe er gesagt. Damit war der Grundstein für die Andechser Molkerei gelegt – vor nun 110 Jahren.

Große Feier gibt es nicht

Ein Jubiläum, das nicht groß gefeiert wird. Ein Blick zurück auf das Unternehmen, das bis heute als Familieunternehmen geführt wird, macht sie trotzdem alle stolz. Alle. Da ist der Senior, seine älteste Tochter Barbara (52), die Geschäftsführerin, Sohn Georg (50), der Ziegenbauer, der sich auch um den Hofladen kümmert, und Tochter Gabi (45). Auch sie ist fast täglich in der Molkerei, kümmert sich dort um die etwa 1500 Kuhpatenschaften und den Versand. Außer ihnen stehen die Enkel schon in den Startlöchern – Georg, der jüngste Träger dieses Namens, steht kurz vor seiner Prüfung zum Landwirtschaftsmeister. Oder die jüngste Tochter von Geschäftsführerin Barbara, die 15-jährige Julia, die aktuell mit ihrer Mutter in Fernsehwerbepausen um die Wette strahlt. „Unser erster Werbespot“, freut sich der Senior und ist stolz.

„Das hätte ich nie geglaubt, dass ich so eine Aufgabe kriege“, sagt Georg Scheitz rückblickend. „Wir haben seit Januar sechs Neuzugänge, auch einen aus Diemendorf.“ Scheitz spricht von Bio-Landwirten, die die Molkerei beliefern – insgesamt sind dies mittlerweile mehr als 600. „Was meinen Sie, was das für die Region bedeutet?“, fragt er, lächelt und fügt leise hinzu: „Schön.“

Erst Gülle, dann Bio

Die Molkerei Scheitz war freilich nicht immer eine Bio-Molkerei. Als Großvater Floßmann nach Andechs kam, verwendete er Gülle aus der eigenen Viehhaltung, aber die Produkte wurden nach heutigen Kriterien konventionell erzeugt – vom Hof im Besengaßl. Es gab Romadur, Milch, Sahne und Butter, und es gab acht Stück Milchvieh und Ferkel, an die die Molke verfüttert wurden. Der 78-jährige Scheitz kann sich noch gut an die engen Verhältnisse erinnern. „Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.“ 1941 wurde der Betrieb auf Scheitz’ Mutter Barbara überschrieben und ihren Ehemann Michael. „Meine Mutter war die erste Frau, die 1939 Molkereigehilfin wurde – das musste sie, um den Betrieb übernehmen zu können. Es gab bis dahin nur Männer in diesem Beruf.“ Auch diese Urkunde ist im Firmengebäude sicher verwahrt.

Als Michael Scheitz sich 1965 zur Ruhe setzte, hatte die spätere Milchunion Oberbayern darauf gedrängt, dass er die Molkerei verkauft. Georg Scheitz, der seinen Molkereimeister schon 1962 abgelegt hat, wurde als Betriebsleiter eingesetzt. Das ging zehn Jahre gut.

Auslagerung der Produktion korrigiert

Die Milchunion hatte zuvor Teile der Produktion von Andechs abgezogen, darunter auch den Romadur. Er sollte in Bruckmühl angeblich kostengünstiger hergestellt werden können. Die Produktion des Schichtkäses ging nach Greifenberg. Der Junior sah sich das nicht lange mit an und kaufte die Molkerei schließlich zurück. Und er suchte nach einem Alleinstellungsmerkmal. Nur so, da war er sich sicher, könne er den Betrieb retten. „Da habe ich mit der Flasche angefangen.“ Das gab es bis dahin noch nicht.

Der Betrieb war zwischenzeitlich an die Andechser Straße verlegt worden. Die Flaschenabfüllung erfolgte fortan im Besengaßl, dort hatte er auch eine Milchsammelstelle und eine Käsereiferei eingerichtet. Platz gab es genug, denn schon 1965 wurde der Aussiedlerhof Tannhof gebaut, in dem die Familie seither lebt. „Ich habe die Flaschen am Anfang mit der Hand gewaschen und abgefüllt. In Nullkommanichts habe ich 2000 Liter abgefüllt. Die Leute waren begeistert“,sagt Scheitz. „Als ich die erste Spülmaschine gekauft habe – das kann sich heute niemand mehr vorstellen, wie wir die da hinbekommen haben. Es war alles ganz eng. Wir mussten über die Dächer.“ Er lächelt versonnen bei dem Gedanken daran. Bei einem Besuch vom damaligen Landwirtschaftsminister Hans Eisenmann (1969 bis 1970), sei dieser überrascht gewesen über „so a kloane Hüttn“. Daran erinnert sich der Senior immer wieder gern. Das Anwesen im Besengaßl gehört bis heute der Familie.

Erste Bio-Milch am Besngaßl

Ausgeliefert hat er selbst. Bis nach Buch, da hatte der Vater vom aktuellen Bürgermeister Walter Bleimaier ein Lebensmittelgeschäft. „Den hab ich beliefert“, erzählt Scheitz. „So zuverlässig wie der war. Jeden Tag sind wir dahin gefahren, haben die Milch geliefert und die Flaschenmilch von den Bucher Bauern mitgenommen.“

1980 verarbeitete Georg Scheitz am Besengaßl die erste Bio-Milch – ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Der erste Zulieferer war Martin Albrecht aus Oderding – ein Demeter-, also ein Bio-Landwirt bis heute. Auslöser, erzählt Scheitz, war damals sein Engagement als Wasserreferent der Gemeinde. Zehn Jahre saß der Molkereimeister im Gemeinderat. „Wir hatten ein bisserl mehr als 50 Milligramm Atrazin in unserm Trinkwasser gehabt“, sagt er. Ein chemisches Pflanzenbehandlungsmittel. „Das habe ich unbandig runtergebracht“, freut er sich noch heute. „Das war eigentlich meine Hauptaufgabe, diese Wasserqualität wieder auf normale Werte zu bringen. Und ich habe damit auch einige Bauern veranlasst, Mais ohne Spritzmittel anzubauen – auch mich. Kein Sack Kunstdünger mehr, kein Spritzmittel mehr, nur die eigene Gülle. Für mich war es schön und für viele Bauern die Rettung. Wenn man das noch öfter macht, dann kriegen wir eine ganz breite Wirkung und kriegen wieder gute Werte im Wasser.“

Auslagerung an den Ortsrand

1988 nahm Scheitz wieder Geld in die Hand und baute die Molkerei am Ortsrand. „Als die Hälfte des Hauses gebaut war, das hat eine Freude gegeben – bei mir.“ Ganz anders als bei den protestierenden Nachbarn. Von Anfang an wurde über Lärm- und Staubbelästigung geschimpft. Aber die Gemeinde erkannte die notwendige Erweiterung und unterstützte ihn.

Auch die bald folgenden Erweiterungspläne stießen auf Widerstände. 17 Jahre war die Verwaltung in Container ausgelagert, bis das neue Gebäude im Hundertwasser-Stil verwirklicht werden konnte. Trotz aller Widrigkeiten gab es immer wieder neue Ideen – eine Zeitlang gab es etwa Joghurtbecher, auf deren Papiermantel in der Innenseite regionale Geschichten von Uli Singer abgedruckt wurden. Hauptziel war die Trennung von Plastik und Papier.

Bis heute ist Scheitz kein Mensch, der die Hände in den Schoß legt. Nachdem er die Geschäftsleitung abgegeben hatte, versuchte er sich kurze Zeit in der Mineralwasser-Produktion. „Das ist daneben gegangen.“ Und er förderte innovative Ideen, wie eine Kaffeerösterei an der Herrschinger Straße in Erling. „Die freut mich.“ In der alten Molkerei an der Andechser Straße sind mittlerweile Mitarbeiterwohnungen untergebracht. Auch für die Zukunft gibt es noch Wünsche, zum Beispiel, dass es irgendwann Verpackungen im Hundertwasser-Stil geben wird. Darüber würde sich Georg Scheitz freuen, denn Hundertwasser gefällt ihm mittlerweile genauso gut wie seiner Tochter Barbara.

Senior ist jeden Tag im Betrieb

Seit 2003 ist Tochter Barbara Scheitz, die zuvor Seite an Seite mit dem Vater die Molkerei leitete, Alleingeschäftsführerin des Betriebes. Dies mit einer ebensolchen Überzeugung von der Bio-Produktion wie der Vater. Dies färbt offenbar auch weiter ab: „Wir haben eine ganz gute Mannschaft. Jeder einzelne weiß, worum es geht“, schwärmt der Senior Georg Scheitz. Er weiß es sehr genau, da er ja bis heute fast jeden Tag vorbeischaut. Als wenn er es spüren könnte, sei er da, wenn es um wichtige Entscheidungen gehe. „Selbst wenn man nur seinen Namen erwähnt“, sagt Marketingleiterin Irmgard Strobl lachend, „plötzlich geht die Tür auf und er steht da“.

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