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Beim Stallgespräch in Erling: (v.l.) Anita Painhofer, Georg Zankl, Ludwig Schüßler und Thomas Müller besuchten Josef und Maria Pfänd er (mit Sohn Georg) in Erling.

Stallgespräch

„Die Leute unterstellen uns Unwissenheit“

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Der Bauernverband lädt zum Stallgespräch: Wie ist es eigentlich um das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Landwirten bestellt?

Erling– Der Stall ist riesig. 1500 Quadratmeter Platz haben die 62 Milchkühe und 80 Jungrinder von Josef Pfänder (32) in Erling. Sie stehen auf der Fläche frei herum – so ist es heute Vorschrift –, als Vertreter des Bauernverbandes beim Stallgespräch am Freitag zur Lage der Landwirtschaft einen Rundgang durch die Anlage machen. 2012 hatte die Familie das liebe Vieh aus dem Ort auf die Anhöhe oberhalb der Molkerei Scheitz umziehen lassen. Zusammen mit seiner Frau Maria übernahm Josef Pfänder 2015 die Landwirtschaft von seinen Eltern.

Eine ist besonders frech: „Das ist Elisa“

Alle vier stehen morgens um sechs im Stall und melken. Die meisten der Kühe nennen die Pfänders beim Namen. „Das ist Elisa“, sagt Josef Pfänder ohne zu zögern bei einer, die besonders frech ihr Maul in die Kamera hält. Auf der anderen Stallseite tummeln sich die weiblichen Kälber. Sie kommen im Mai auch auf die Weide, bis zur ersten Mutterschaft mit etwa 26 Monaten.

In der Nacht auf Freitag ist ein Kälbchen geboren worden. Es steht noch etwas wackelig in einem Kälber-Iglu. Und da geht es schon los mit den Fragen. Denn das Kalb wurde von der Mutter getrennt, noch bevor sie es das erste Mal säugen konnte. Das klingt irgendwie hart. „Wenn es einmal bei der Mutter getrunken hat, ist es tatsächlich schwierig“, sagt Josef Pfänder. Dann sei das Kalb schlecht umzugewöhnen, die Mutter gebe keine Milch. So aber gibt’s Milch der Mutterkuh aus der Flasche. Die Kuh frisst wenige Meter weiter scheinbar ungerührt ihr Futter.

Immer wieder machen ihm Passanten Vorhaltungen

Nach einem Rundgang durch den Stall sitzen alle zusammen: Kreisbauernobmann Georg Zankl, Kreisbäuerin Anita Painhofer, Josef und Maria Pfänder, Ludwig Schüßler aus Inning (BBV-Kreisvorstand), Thomas Müller (Bayerischer Bauernverband), Thomas Berchtold aus Frieding (BBV-Kreisvorstand) und Georg Holzer aus Diemendorf (BBV-Kreisvorstand). Alle bestätigen: Die Fragen der Bürger an die Landwirtschaft sind drängender, die Diskussionen rauer geworden. 

Angefangen bei Beschimpfungen, wenn der Traktor über den Feldweg fährt und Staub aufwirbelt. Immer wieder halten Spaziergänger ihre Nase in den Stall von Pfänders und machen dem Landwirt Vorhaltungen. Und neulich erst musste Josef Pfänder einer Passantin erklären, dass sein Acker gelb aussieht, weil die Pflanzen schlichtweg erfroren sind. „Sie war überzeugt, ich hätte Gift gespritzt.“

„Wir brauchen hier bei uns kein Glyphosat“

Schüßler beklagt „eine oft sehr nostalgische Sicht“ auf Landwirtschaft und Nutztierhaltung, und die Emotionalität der Debatte. „Das ist ein Arbeitsplatz. Wir machen es gern, aber wir müssen auch unsere Rechnungen bezahlen.“ Die Landwirte müssten mit immer weniger Arbeitskräften mehr Arbeit erledigen, bei immer strengeren Auflagen und wuchernder Bürokratie. Dabei werde in der sechsjährigen Ausbildung sehr tief in das Thema eingestiegen. „Trotzdem unterstellt man uns Unwissenheit. 

Dabei haben wir auch Interesse am Wohl unserer Flächen, unserer Tiere und dem Schutz der Landschaft“, betont Josef Pfänder. Anita Painhofer gibt ihm Recht: „Ohne Liebe zu deinen Viechern und deinem Land klappt das nicht.“ Doch bei Diskussionen um Nitrat im Grundwasser und Glyphosat auf dem Feld kommt man an der Landwirtschaft eben nicht vorbei. „Wir brauchen hier bei uns aber kein Glyphosat. Es ist hier kein Thema“, wehrt sich Georg Zankl. Und Thomas Müller sagt: „Das Grundwasser ist hervorragend. Da wird auch nichts verharmlost.“

Jeden zweiten Tag 2800 Kilogramm Milch

Drei, vier Jahre stehen die Kühe bei Pfänders im Stall. Jeden zweiten Tag kommt ein Laster und holt etwa 2800 Kilogramm Milch, der Liter bringt den Pfänders 40 Cent. Darin ist ein Cent dafür enthalten, dass sie keine Gentechnik anwenden. Der Preis ist gut, doch im Februar wird neu verhandelt. „Wir sind stark vom Rohölpreis und den Märkten abhängig. 2016 beispielsweise gab es nur 25 Cent pro Liter“, erinnert sich Zankl. Wenn Pfänders Kühe nicht mehr die Milchleistung bringen, werden sie geschlachtet, und zwar in Buchloe oder in München. Derzeit gibt es etwa 100 Milchkuhalter im Landkreis mit etwa 4500 Milchkühen (2015).

Ein letzter Besuch im Stall. Kühe haben eine gute Nase, sind aber extrem kurzsichtig. Und sie haben Angst vor Menschen. Holzer verrät, warum: „Wir erscheinen ihnen sechs Mal größer, als wir sind.“ Kuh Elisa ist so betrachtet eben richtig mutig gewesen.

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