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Von null auf 200 Kunden: Alfons Zeitlhuber ist der Mann, der für volle Joghurtregale sorgt. Der Außendienstmitarbeiter ist seit 30 Jahren in der Molkerei beschäftigt.

110 Jahre Molkerei Andechs

„Wir wachsen mit“

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Am Ende unserer Serie zum 110. Geburtstag der Andechser Molkerei lassen wir langjährige Mitarbeiter sprechen: Sonja Neubert, Azem Hasanaj, Christian Wagner und Alfons Zeitlhuber sind alle seit mindestens zwei Jahrzehnten Teil des Erlinger Unternehmens.

Erling– Als Azem Hasanaj (51) vor 25 Jahren bei der Molkerei Andechs anfing, wohnte er noch in Herrsching. Ein Auto hatte er nicht. Seine Arbeit richtete sich nach dem Schnittkäse, „wenn er fertig war zur Verpackung, fingen wir an“, sagt Hasanaj und erinnert sich, dass das auch früh morgens oder spät abends sein konnte. Auf jeden Fall zu Zeiten, in denen kein Bus fährt: „Dann bin ich zu Fuß nach Andechs.“ Ein Jahr später zog der gebürtige Kosovare mit seiner Familie nach Erling, wo er bis heute lebt. Und bis heute arbeitet er in der Abfüllung, an der „großen Linie“, die Glasabfüllung, die deshalb so heißt, weil sie am längsten ist. Mittlerweile ist Hasanaj stellvertretender Schichtführer und statt mit Handzeichen zu Beginn seiner Karriere, gibt es heute Computer, die genau anzeigen, wie viele Gläser verfüllt werden müssen und verfüllt sind.

Länger als Hasanaj ist nur Alfons Zeitlhuber (59) dabei. 30 Jahre sind es im September. Er fing noch in der alten Molkerei im Besengaßl an. „Das Lager dort war vielleicht dreimal so groß wie das Besprechungszimmer von rund 20 Quadratmetern, in dem er jetzt sitzt. Die Mitarbeiter habe man noch an der Hand abzählen können. Vielleicht zehn Leute. „Die Mutter vom Senior hat noch ausgeliefert“, sagt der gebürtige Münchner. Damals noch tragerlweise.

Bis heute pendelt der 59-Jährige zwischen München und Erling. Als Außendienstmitarbeiter ist er aber ohnehin gewohnt, viel umher zu reisen. Immer schon. Bis zu Molkerei-Kunden nach Portugal, „der Weg ist am weitesten“. Als so genannter Key-Account-Manager betreut er die Großkunden. Als er anfing, hatte er keinen Kunden, heute seien es wohl 200 bis 250 – neben allerlei Projekten wie Gastronomie oder Oktoberfest. Insgesamt sind im Vertrieb zwölf Mitarbeiter, jeder mit seinem eigenen Kundenstamm.

Christian Wagner (45) ist seit 1997 bei der Familie Scheitz angestellt. Der gelernte Landwirt mit einem abgeschlossenen Studium in Wirtschaftsingenieurwesen Schwerpunkt Agrarmarketing und Management wurde irgendwann von Scheitz senior angesprochen. „Man kannte sich“, erklärt Wagner, der einen Hof in Drößling hat. „Er hat irgendwann mich gefragt, ob ich mich nicht mit ihm auf eine Brotzeit im Bräustüberl in Seefeld treffen wolle“, erinnert sich Wagner. „Da sagte er mir dann: Wir brauchen dich.“ Wagner schlug ein und war am Anfang für die Produktionsplanung und Disposition zuständig. „Damals war alles noch Abteilungs-übergreifend und ohne PC, mit Bleistift und Papier.“

„Am ersten Tag, wo ich damals angefangen hab’, da hat mir Frau Scheitz gesagt: Sie können am Nachmittag bald wieder heimfahren, dann san S’ morgen früh um zwoa wieder da. Nachts um zwei haben wir dann angefangen, den Bestand aufzunehmen.“ Nur allmählich wurde die Produktionsplanung in Exeltabellen erfasst. Nach etwa einem Jahr kam Wagner dann zum Milcheinkauf, „das war ja eigentlich mein Bereich“. Dort wurde er Abteilungsleiter und ist für das gesamte Rohstoffmanagement zuständig. Barbara Scheitz übertrug ihm später die Prokura, also die Vollmacht, Geschäfte selbst abzuschließen.

Einen Umweg zum heutigen Arbeitsplatz in der IT-Abteilung der Molkerei machte auch Sonja Neubert (47). Seit 22 Jahren ist sie schon im Betrieb. Sie hat bei „Kraft“ in Schwabmünchen eine Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik gemacht. Das Werk hätte Scheitz einmal gern gepachtet. Der Deal war aber geplatzt. Stattdessen pachtete Scheitz Deller in München. Dahin hatte es zu diesem Zeitpunkt auch Sonja Neubert verschlagen. Sie wurde übernommen – erst in München, und als das Werk vier Jahre später aufgegeben wurde, in Erling.

Auch im Labor erfolgten alle Aufzeichnungen 1996 noch mit Stift und Papier. Irgendwann wurde Sonja Neubert gefragt, ob sie sich nicht im Bereich Datenerfassung weiterbilden möchte, um Datenbanken aufzubauen. „Das war der Einstieg in die IT.“ Um ihren Lebensmittelmeister nachzuholen, nahm sie sich eine Auszeit im Labor und schnupperte in die anderen Bereiche im Unternehmen hinein und fand Gefallen an der Computertechnik. „Ich hatte schon immer ein Faible für die Arbeit mit Datenbanken. Das kann ich einfach gut.“ Den Labormeisterin-Brief hat sie zwar in der Tasche, aber statt das Labor zu leiten, wurde sie nun Chefin der IT.

Die vier langjährigen Mitarbeiter kennen die Molkerei eigentlich nur als Baustelle. Auch zurzeit wird eine neue eingehauste Milchannahme gebaut. „Es war immer irgendwo Baustelle“, sagt Wagner. Von den Mitarbeitern, vor allem in der Produktion, sei da einiges abverlangt worden. Auch von der Organisation. „Damals wurden Entscheidungen aus der Hosentasche getroffen“, erinnert sich Wagner und lacht. Er meint das in keinster Weise despektierlich. „Es war einfach so, Herr Scheitz war so.“ Er habe nie lange gezögert. Er war immer da, man habe ihn immer erreicht, bestätigen die Kollegen. Wenn er morgens in den Betrieb kam, habe er alle mit der Hand begrüßt. „Wir waren wie eine Familie“, sagt Hasanaj strahlend. Papa hätten er und seine Kollegen an der Abfüllung ihren Chef genannt. Der 51-Jährige nennt den Senior bis heute so. Mit dem Organisationsgrad habe sich das natürlich verändert, meint Wagner. „Wir haben da mitwachsen und uns mit verändern müssen. Aber mittlerweile sind wir, glaube ich, echt gut aufgestellt.“ Trotz aller Umbauten, habe es keine Unterbrechung gegeben, „das gab es bei uns nie“, so Hasanaj. Wenn die Produktion gestern noch da war und morgen woanders, dann waren auch die Mitarbeiter von einem auf den anderen Tag am neuen Platz.

„Es gibt keine Statik“, erzählt auch Sonja Neubert. In der Molkerei gebe es einen permanten Prozess, der auch immer wieder eine Frische in den Betrieb bringe. „Die Ansprüche ändern sich, und wir wachsen da mit.“ Die Verwaltung zum Beispiel war zunächst ausgelagert im maroden Deller-Werk in München und kam dann zurück und zog in die legendären Container ein. Ein Provisorium, das 17 Jahre Bestand hatte, an das sich die Mitarbeiter aber gewöhnt hatten und nicht mehr dran störten. Energetisch eine Katastrophe, aber es sei das Beste daraus gemacht worden. Das neue Verwaltungsgebäude ist natürlich kein Vergleich. Damit man die gestiegene Zahl der Kollegen auf dem nun weiträumigen Gelände wiedererkennt, gibt es in allen Pausenräumen Bildschirme, auf denen Neuzugänge vorgestellt werden. Außerdem gibt es Mitarbeiterfeiern, wie das Sommerfest, den Naturlauf, Mitarbeiterveranstaltungen wie Lesungen und dergleichen mehr, bei denen jeder die Möglichkeit hat, die Kollegen kennen zu lernen.

Die heutige Geschäftsführerin Barbara Scheitz macht ihre Runde wie der Vater früher – wenn sie da ist. Sie ist viel unterwegs, trotzdem hat sie ein Gespür dafür entwickelt, ihre Mitarbeiter zu fördern, ihnen Vertrauen zu schenken und von ihnen am rechten Platz das Beste heraus zu holen. Sie kenne jeden der 190 Mitarbeiter mit Namen, wissen die vier, die schon lange dabei sind. Sie wollen nicht mehr weg. „Von den Räumlichkeiten ist es viel besser geworden, in jedem Bereich“, so Hasanaj. Die Hundertwasserumgebung, deren Planung sechs Jahre gedauert hat, verbreite eine schöne Atmosphäre, findet Wagner. Entspannend im Vergleich zu den Containern findet es Sonja Neubert. Vor allem der Ausblick, damals auf den Parkplatz, heute aus dem neuen Gebäude heraus auf die Moränenlandschaft.

Gefreut hat sich das Team auf die Bio-Fachmesse in Nürnberg, die größte ihrer Art weltweit, die gerade zu Ende ging. „Das ist schon toll“, sagt Sonja Neubert, „da ist man schon sehr stolz.“ „Kann man auch“, wirft Wagner gleich ein, „auch wenn wir eine Nischenmolkerei sind, haben wir immer Akzente gesetzt.“ Wir und Uns, da sind sie wieder die Schlüsselwörter. Auch Chefin Barbara Scheitz spricht nur im Plural.

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