Sebastian Friesinger, Bernd Posselt und Johannes Kijas (v.l.) stehen im Saal des Klostergasthofs Andechs. Im Hintergrund sind einige Teilnehmer der 54. Europatage zu sehen.
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Diskutierten mit rund 50 Teilnehmern der Europatage: Sebastian Friesinger, Bernd Posselt und Johannes Kijas (v.l.).

54. Europatage in Andechs

Zweifel an Europas Stärke

Europa hat Risse: Das haben die Referenten bei den 54. Europatagen festgestellt. Prof. Ursula Münch hält mehr Partizipationsmöglichkeiten deshalb für wichtig.

Andechs – „Europa schafft jetzt entweder einen Neustart – oder es droht der Zerfall.“ Bernd Posselt schlug im Rahmen der 54. Europatage in Andechs am Samstag Alarm. Seit 1994 lädt die Paneuropa-Union gemeinsam mit dem Kloster Andechs im März und im Oktober auf den Heiligen Berg. In Expertenvorträgen und Podiumsdiskussionen diskutierten diesmal coronabedingt lediglich rund 50 Teilnehmer über die Zukunft Europas. Eine Veranstaltung, in der unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen Ideen entwickelt werden sollten, um diesen Kreislauf zu stoppen, so CSU-Europapolitiker Posselt.

Spätestens seit dem Referendum zum Brexit zeichnet sich bei vielen Bürgern eine gewissen Europa-Müdigkeit ab. Eine Tendenz, die auch Prof. Ursula Münch im Rahmen ihrer Vorträge regelmäßig erlebt, wie die Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing am Samstag sagte. Gemeinsam mit Dr. Dirk Voß, dem Vizepräsidenten der internationalen Paneuropa-Union und Medienanwalt, nahm sie unter die Lupe, wie weit eine gemeinsame Öffentlichkeit der Europäer „Illusion oder schon Realität“ ist. Münch zeigte sich eher pessimistisch. Den Vertrauensverlust in die EU-Politik erklärte sie mit dem Gefühl der Bürger, wenig Mitspracherecht bei den „weitreichenden Entscheidungen der EU“ zu haben.

„Das ist ein Wahrnehmungsproblem“, sah Voß die Lage sehr viel optimistischer. „Im Livestream kann jeder die Ausschusssitzungen verfolgen“, alle Beschlüsse seien nachzulesen. „Die Leute wollen partizipieren, nicht nur informiert werden“, hielt Münch dagegen und sah auch den Journalismus in der Krise. Es bestehe die Gefahr, dass junge Menschen sich hauptsächlich über Social-Media-Plattformen informierten. Sie forderte einen grenzüberschreitenden Diskussionsraum. Voß brachte öffentlich-rechtliche europäische Medien in verschiedenen Sprachen ins Gespräch und erinnerte daran, dass Themen wie Corona, die Währungs- oder Flüchtlingskrise alle Menschen in allen Mitgliedsländern gleichermaßen bewege.

Pater Valentin sah in seiner Begrüßungsrede in der Veranstaltung ein positives Signal für den Zusammenhalt Europas: „Damit, dass Sie sich hier versammeln, setzen Sie ein Zeichen der Treue und Stabilität, ein Zeichen, dass die Menschen gefragt sind in einem Europa, das so schnell wieder in Nationalismen versinkt.“ Den Bereich Klima-, Umwelt- und Agrarpolitik in der Europäischen Union beleuchteten die bayerische Landesbäuerin Anneliese Göller und der Landtagsabgeordnete Dr. Martin Huber, Mitglied im Umwelt- und im Europaausschuss.

Der ehemalige Pressesprecher der EU-Kommission, Jochen Kubosch, und der Vorsitzende des Bayernbundes, Sebastian Friesinger, befassten sich mit „Demokratie und Föderalismus im Bauplan Europas“. Die „Annäherung an die Seele Europas“ nahmen Posselt und der ehemalige bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle ins Visier. Den Festgottesdienst am Sonntag hielt der emeritierte Abtprimas Notker Wolf aus St. Ottilien. Er diskutierte mit Margret Kopp von der Aktion PiT-Togohilfe und Bundestagsabgeordnetem Thomas Erndl die Frage „Keine Zukunft ohne die anderen“.

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