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Anton Wunderl mit seinem Werkzeug: Am wichtigsten, sagt er, sind Flex und Fluchtstab.

Unesco

Grüß Gott, ich zähle zum Weltkulturerbe

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Weßling - Feldgeschworener ist man ein Leben lang. Der 61-jährige Anton Wunderl aus Weßling macht den Job seit 31 Jahren. Nun wurde seine Zunft zum Teil des Weltkulturerbe ernannt.

Seit 31 Jahren ist Anton Wunderl, Landwirt aus Weßling, Feldgeschworener. Dass über dieses Ehrenamt im Moment wieder mehr gesprochen wird, dafür sorgt die Deutsche Unesco-Kommission. Sie hat die „Siebener“, wie sie auch genannt werden, zum Teil des Weltkulturerbes ernannt. Was Feldgeschworene eigentlich machen, und was es mit ihrem „Geheimnis“ auf sich hat, das hat uns Anton Wunderl erklärt.

„Mich hat der damalige Bürgermeister Thomas Mörtl gefragt, ob ich nicht den Max Sigl ablösen will“, erinnert sich der heute 61-jährige Wunderl. Damals war seine Frau mit dem zweiten Kind schwanger, und er hat einfach mal Ja gesagt. Dabei ist die Aufgabe des Feldgeschworenen ein Ehrenamt auf Lebenszeit sozusagen. Vor zwei Jahren war Wunderl auch tatsächlich mal auf einer Tagung mit allem Drum und Dran, in Franken natürlich, da, wo die Wiege der Feldgeschworenen steht. Wunderl geht davon aus, dass die ganze Sache mit der Unesco auch dort ihren Ursprung hat. Denn gerade in Franken gibt es seit jeher viele klein strukturierte Grundstücksparzellen und entsprechend viele Grenzverläufe. Es war einst sogar so, dass dort jeder Ort sieben Feldgeschworene haben sollte – daher auch der Name Siebener. In Oberbayern gibt es längst nicht mehr so viele, höchstens einen pro Ort, und auch das nicht immer.

Der Job an sich ist recht pragmatisch. Wunderl wird schriftlich über eine Vermessung vom Landratsamt in Starnberg informiert. Er packt sein Zeug – Flex, Nägel, Rohre, Schaufel und einen rot-weißen Fluchtstab – und fährt los. Mit dem Fluchtstab signalisiert er später die einzumessenden Punkte, mit der Flex ritzt er Markierungen, auch Meißelzeichen genannt, ins Gestein. Über die meisten Termine weiß er Wochen vorher Bescheid. Im März dieses neuen Jahres zum Beispiel, wird er 14 Tage lang dabei helfen, die neue Weßlinger Umfahrung zu vermessen.

Vor Ort machten sich ein Vermesser samt Gehilfe, der Feldgeschworene und die Grundbesitzer auf die Suche nach Grenzmarkierungen. Selbst wenn ein Pflug den Grenzstein zermalmt hat und nirgends Markierungen zu finden sind, kann der Vermesser über Linienführungen auf seinen Karten den Grenzpunkt genau ermitteln. Dann heißt es meist graben. „Heute können die Leute ja nicht mehr mit der Schaufel buddeln, also mach’ das meistens ich“, sagt Wunderl fröhlich. Immerhin bis zu 60 Meter tief können die Löcher für einen Grenzstein sein. Mit ihm kommt das Siebenergeheimnis ins Spiel.

Denn früher war das manchmal so: Wenn Grundbesitzer mit dem Grenzverlauf nicht einverstanden waren, gruben sie den Grenzstein aus und versetzen ihn. Mehrere Zentimeter unter dem Stein jedoch hatte der Feldgeschworene eine Münze, eine Scherbe, sein persönliches Zeichen, sein Geheimnis eben, vergraben. War das Zeichen weg, war die Sache klar. Noch heute müssen Siebener einen Eid ablegen, dieses Geheimnis zeitlebens zu bewahren und nur mündlich an Nachfolger weiterzugeben.

Früher haben die Grundbesitzer ihre Grenzen oftmals über den Daumen gepeilt selbst festgelegt. Wenn es dann ans Verkaufen ging, war ein Unbeteiligter gefragt, der die Verhältnisse neutral einschätzen konnte. Das war dann der Feldgeschworene.

Wunderl kennt zwar die Geschichte mit dem Geheimnis, aber heute, sagt er, ist das nicht mehr erforderlich. Er selbst hat auch noch nie ein spezielles Zeichen gesetzt, auch wenn er in seinen Anfängen noch mit dem Maßband unterwegs war. Seit vielen Jahren wird mit Laser und GPS gemessen, genauer geht es nicht. Für Überraschungen können diese Messungen trotzdem sorgen – gerade weil sie so exakt sind. Wunderl erinnert sich noch gut an den Fall einer Grundstückskäuferin in Weßling. Bei einer Vermessung Jahre später fehlten plötzlich vier Quadratmeter. „Sie hatte schlicht für vier Quadratmeter zu viel bezahlt – es hat sehr lange gedauert, bis wir ihr erklärt haben, dass es diese vier Quadratmeter nie gegeben hat“, sagt Wunderl.

Heute sind die Feldgeschworenen im Landkreis Starnberg also vor allem aus alter Tradition dabei, und weil einer eben graben muss. Manches Mal aber kann ein Feldgeschworener auch Vermittler sein. Wenn beispielsweise zerstrittene Erbengemeinschaften an Grundstücksgrenzen aufeinander treffen. Einmal flogen da rund um Wunderl mitten auf dem Feld derart die Fetzen, dass der Weßlinger mit seiner Schaufel dazwischen ging. „Ich denke dann: Ihr seid doch intelligente Leut’, studierte Leut’, und es geht doch nur um einen halben Quadratmeter. Trotzdem dann so ein Geschrei.“ Er spürt gleich, was los ist, wenn ihm die Grundbesitzer schon auf dem Weg zum Grenzstein auf die Pelle rücken. „Wenig später kommt dann die Gegenseite und erzählt mir das gleiche. So sind manche eben.“ Er versuche dann auszugleichen, Frieden zu stiften.

Lukrativ ist der Job des Feldgeschworenen nicht. Das Landratsamt zahlt 14 Euro Aufwandsentschädigung. Für Wunderl ist das vollkommen in Ordnung. „Oft stehst’ auch nur rum und ratschst miteinander“, sagt er offen. Seine Grenzsteine hat er immer gefunden, auch wenn er manchmal länger suchen musste. „Oft stapeln die Leute ja genau auf den Grenzen ihr Holz. Oder pflanzen da was. Ich hab auch schon mal einen Strauch einfach rausgezogen. Das haben die Leute aber verstanden.“ Ihm macht das Ehrenamt Spaß. „Man erfährt viel, auch über das dörfliche Leben. Das ist auch sehr schön.“ Und wie gesagt, Feldgeschworener ist man auf Lebenszeit.

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