Gegen Widerstand zum Ergebnis kommen: So lässt sich das gestützte Malen einfach erklären. Das Bild rechts stammt von Rebecca Rassinger (33) aus Gilching. Ihr Text dazu: „Ich bin eine eigenwillige, kritische, ehrliche, aber auch freudige Frau, die sehr genau Ehrlichkeit von Fassadenverhalten unterscheiden kann. Ich blühe ins bunte Leben freudig hinein.“ Fotos: fkn

"Im Herzen sind wir so normal wie Sie"

Gauting - Autisten können Probleme haben, gezielte Bewegungen auszuführen oder zu sprechen. Wie groß der Reichtum in diesen Menschen ist, zeigt eine Ausstellung in Gauting.

Behinderte Menschen am normalen Leben teilhaben lassen: Diese Forderung heißt Inklusion und ist nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Menschen mit autistischer Behinderung etwa können Probleme haben, gezielte Bewegungen auszuführen oder zu sprechen. Und doch ist in diesen Menschen ein Reichtum, der überrascht. Das erlebt die Gautinger Kunsttherapeutin Brigitte Lobisch immer wieder. Sie schafft es, diesen Schatz zu heben. Seit mehr als 20 Jahren bietet die 67-Jährige für diese Menschen das so genannte gestützte Malen an. Die Ergebnisse von 16 ihrer Klienten sind ab Samstag, 5. März, im Gautinger Rathaus, Bahnhofstraße 7, zu sehen. Die Vernissage beginnt um 11 Uhr.

Die Werke, die im Rathaus hängen werden, sind farblich sehr kräftig. Sie zeigen abstrakte Formen oder konkrete Gebilde. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ohne die Hilfe von Brigitte Lobisch niemals entstanden wären - oder besser: gegen ihren Widerstand. Das gestützte Malen sei nämlich keine Hilfe beim Malen, wie der Titel suggeriere. „Ich führe nicht, sondern drücke die Hand meines Klienten von unten nach oben weg - dadurch entsteht bei ihm ein Impuls den Widerstand zu überwinden.“ Die Folge: Ein Mensch, der sonst nicht zu willkürlichen Bewegungen in der Lage ist, schafft es mit dieser Hilfe eine Farbe auszuwählen, zu malen, ein Kunstwerk zu schaffen.

Die Methode des gestützten Malens orientiert sich an der unterstützten Kommunikation. . Menschen mit Behinderung, die nicht sprechen können, schaffen es durch die Unterstützung, ihren Finger zielgerichtet auf einzelne Buchstaben zu lenken, damit erst Wörter und dann Sätze zu bilden und sich auf diese Weise mitzuteilen. Lobisch praktiziert das auch mit ihren Klienten und ist selbst immer wieder von den Ergebnissen überrascht. „Es haut mich vom Sockel, welcher reiche Sprachschatz vorhanden ist“, erzählt sie. „Ich bin oft zu Tränen gerührt.“

Die Nachrichten autistischer Menschen, die auf Lobischs Homepage zu lesen sind und die die Besucher der Vernissage zu hören bekommen, sind in der Tat bemerkenswert. „Wie mag es für Sie sein, Bilder und Texte von Menschen zu sehen, die Ihnen fremdartig erscheinen?“, wird Lobisch bei der Vernissage im Namen des Autisten Michael Krystowiak fragen. „Ich versichere Ihnen, dass wir im Herzen genauso normal sind wie Sie alle. Also keine Berührungsängste, sondern voller Genuss.“

Die Ausstellung dokumentiert noch viel mehr. „Sie zeigt die behinderten Menschen in ihrer Schönheit“, sagt die Gautingerin. Für die meisten von ihnen sei es das erste Mal, dass sie stolz auf sich seien, dass sie öffentlich gelobt würden. Und auch für die Familien sei es eine tolle Erfahrung. „Mit einem behinderten Kind fällt man sonst überall nur auf, egal ob in der S-Bahn oder beim Pizzaessen.“ Es tue den Angehörigen gut, dass dieses Auffallen auch einmal positiv sei.

Die Ausstellung umfasst 115 Bilder und ist bis 24. April zu sehen. Die Öffnungszeiten des Rathauses sind montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr und donnerstags von 15 bis 19 Uhr. Zusätzlich ist sie an den Wochenenden 12./13. März, 2./3. April und 16. 17. April von 11 bis 13 Uhr zugänglich.

edl

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