Breiter und stolperstellen-frei ist die Rampe am Tutzinger Rathaus mittlerweile – ein Vorteil für Kinderwagen-Schieber und Menschen mit Gehhilfen. Behindertenbeauftragte Elisabeth Dörrenberg wünscht sich allgemein mehr Aufmerksamkeit für das Thema Barrierefreiheit.
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Breiter und stolperstellen-frei ist die Rampe am Tutzinger Rathaus mittlerweile – ein Vorteil für Kinderwagen-Schieber und Menschen mit Gehhilfen. Behindertenbeauftragte Elisabeth Dörrenberg wünscht sich allgemein mehr Aufmerksamkeit für das Thema Barrierefreiheit.

Behindertenbeauftragte über Fortschritte und Aufgaben

Barrierefreiheit: Das Rathaus kriegt einen Aufzug - aber Tutzing hat noch zu tun

Auf dem Weg zu Barrierefreiheit im öffentlichen Raum gibt es in Tutzing Fortschritte. Im Rathaus soll es nun einen Aufzug geben. Behindertenbeauftragte Elisabeth Dörrenberg sagt trotzdem: „Wir denken zu klein.“

Tutzing – Es ist ein unscheinbarer Tagesordnungspunkt: Mit einem „Antrag auf Baugenehmigung zum Einbau eines Aufzuges im Rathaus“ befasst sich der Haupt-, Finanz- und Werkausschuss des Tutzinger Gemeinderats morgen in seiner Sitzung (Buttlerhof Traubing, Beginn 17.30 Uhr). Doch wenn dieses lang ersehnte Vorhaben gelingt, wird ein wichtiges Ziel erreicht sein. Bis 2023 soll Bayern nach den staatlichen Vorgaben im gesamten öffentlichen Raum barrierefrei sein. Mit dem Einbau eines Aufzugs wird das Tutzinger Rathaus diese Anforderung erfüllen, sagt die Behindertenbeauftragte der Gemeinde, Vizebürgermeisterin Elisabeth Dörrenberg.

Geplant ist nach ihren Angaben ein Innenaufzug vom Keller bis zur Tenne im zweiten Stockwerk. Im ersten Stock wird der Eingang wohl an der rückwärtigen Wand des Sitzungssaals sein, im Erdgeschoss beim Eingang zum Lesesaal. Neu gestaltet präsentiert sich schon seit Monaten der Rathaus-Vorplatz, mit breiterer Rampe und größerem Podest. Nur ein paar Details fehlen noch, ein Geländer und eine Bank.

„Menschen mit Behinderungen sollen so gut wie möglich am Leben teilnehmen können“, sagt Dörrenberg. Generell sieht sie noch viel Verbesserungsbedarf. Das bestätigen ihr betroffene Bürger alle zwei Monate in Sprechstunden. „Wir denken zu klein“, folgert sie. Es gebe kaum Geschäfte ohne Schwellen oder Treppen an den Eingängen, auch bei Schulbauten habe man oft nicht an Menschen mit Behinderungen gedacht. Für Rollstuhlfahrer, aber auch Leute mit Kinderwagen seien viele Hindernisse schwer überwindbar: Bordsteine ohne Absenkungen, Plakatständer, Stühle und Tische auf Gehwegen neben Gastronomiebetrieben. Dörrenberg versucht die Aufmerksamkeit für solche Hürden zu schärfen und Änderungen zu erreichen. Oft sind es vermeintliche Kleinigkeiten. „Der Ringseisweg war zeitweise so ausgewaschen, dass eine Frau fast aus ihrem Rollstuhl gekippt ist“, berichtet sie. Tutzinger klagten immer wieder über Probleme bei der Abstimmung der öffentlichen Nahverkehrsmittel. So kommt der neue Bus der Linie 978 meist erst kurz vor Abfahrt der nächsten S-Bahn am Bahnhof an. Wer nicht allzu gut zu Fuß ist, steht nicht selten vor verschlossenen Zugtüren – nachdem er durch die Unterführung endlich den anderen Bahnsteig erreicht hat.

Zusätzliche Belastungen für Menschen mit Behinderungen von staatlicher Seite

Zusätzliche Belastungen für Menschen mit Behinderungen gibt es von staatlicher Seite. Eine Tutzingerin geht nach einer Operation an Krücken, erzählt Dörrenberg. Sie hat ihr Auto aufwendig umrüsten lassen – aber um mit dem umgebauten Auto fahren zu dürfen, musste sie nochmals eine Führerscheinprüfung ablegen. Die Tutzinger Ampeln seien zwar bereits mit hörbaren Signalen ausgestattet, doch oft seien die Grün-Phasen zu kurz für Menschen mit Handicap. Auch Verkehrsschilder können problematisch sein: Sie sind manchmal so niedrig angebracht, dass Menschen mit Sehbehinderungen mit dem Kopf gegen sie laufen. Zudem wünschen sich Betroffene mehr ertastbare Hinweise.

Der sehbehinderte Tutzinger ÖDP-Vorsitzende Willi Neuner aus Traubing hat Verbesserungsvorschläge gemacht, von denen etliche bereits realisiert wurden (wir berichteten). Behindertenbeauftragte Dörrenberg war daran beteiligt. Sie hält die Einbindung Betroffener für wichtig und will weitere Maßnahmen beschleunigen. Wenn der Gedanke der Inklusion wirklich Erfolg haben soll, müsse sich in der Gesellschaft eine Menge ändern. Dörrenberg spricht von Achtsamkeit und partnerschaftlichem Denken. Wer denkt schon, wenn er sein Auto neben einem Behindertenparkplatz abstellt, an ausreichenden Abstand, dass das Nachbarauto seine Tür komplett öffnen kann und ein Rollstuhlfahrer hinein kann? Auch für die Ausbildung müsste es Konsequenzen geben, meint Dörrenberg. So beherrsche kaum jemand die Gebärdensprache. Dabei wäre dies wichtiger als Englisch, meint sie: „Eigentlich sollten alle Kinder Gebärdensprache lernen.“ Gerade für Mitarbeiter von Behörden seien solche Kenntnisse wesentlich. Ihr Fazit: „Ich würde mir mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema wünschen.“

Lorenz Goslich

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