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Rektorin Dr. Silke Rogosch und die Graf-Statue vor der Oskar-Maria-Graf-Schule in Aufkirchen.

Der berühmteste Sohn der Gemeinde hat 50. Todestag

Was vom Oskar übrig bleibt

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Heimweh und Heimat: Der weltweit geschätzte Autor Oskar Maria Graf und die Gemeinde Berg pflegten ein schwieriges Verhältnis.

Berg – Vor 30 Jahren wäre das undenkbar gewesen: Die ganze Aufkirchner Volksschule, 260 Schüler samt Lehrer, beschäftigt sich eine Woche lang mit dem Berger Schriftsteller Oskar Maria Graf, hört seine Texte und macht sich Gedanken über den Begriff Heimat. Eine ganze Projektwoche, die am kommenden Montag startet, ist Graf und der Heimat gewidmet.

Vor 30 Jahren hieß die Schule noch nicht Oskar-Maria-Graf-Schule, und ein Oskar-Maria-Graf-Denkmal, wie es jetzt vor der Schule steht, war so gut wie unvorstellbar. Die Berger mochten Graf nicht, sie konnten seine Denkweise und sein Verhalten nicht nachvollziehen und fühlten sich in seinen Romanen verunglimpft.

Erst zum 100. Geburtstag im Jahr 1994 schloss die Gemeinde Frieden mit ihrem berühmten und begabten Sohn. Vielleicht weniger, weil die politischen Vertreter überzeugt waren von Graf. Vielleicht mehr, weil man zum 100. Geburtstag 1994 nicht mehr auskam. Egal: Jedenfalls würdigte man Graf erstmals öffentlich nach seinem Tod 1967.

Jetzt, zum 50. Todestag am kommenden Mittwoch, 28. Juni, ist es anders. Graf ist in Berg präsent, er ist zurückgekehrt und greifbar. Die Grundschule widmet ihre Projektwoche dem großen Schriftsteller, das Rathaus und engagierte Bürger haben ein umfangreiches Jubiläumsprogramm auf die Beine gestellt (siehe rechts unten).

Kein Berger kommt mehr an Graf vorbei. Das war allerdings ein harter, zum Teil dornenreicher Weg.

Etwa als es um 1980 um die Benennung einer Oskar-Maria-Graf-Straße ging. Die künftigen OMG-Anwohner wehrten sich massiv – und waren erfolgreich. Es blieb bei einer Grafstraße. Schließlich einigte man sich darauf, die Kreuzung vor Grafs Geburtshaus zum Oskar-Maria-Graf-Platz zu ernennen. „Weil da niemand wohnt“, sagt Bergs Bürgermeister Rupert Monn. „Der Platz war 1982 benannt, aber das Taferl mit dem Namen wurde erst später aufgehängt.“ Grund: Eine Nachbarin wollte nicht jeden Tag das Taferl anschauen müssen. „Eine ältere Bewohnerin hat gesagt, solange sie lebe, komme die Tafel nicht hin“, erinnert sich Monn. „Erst nach ihrem Tod wurde das Schild aus dem Rathauskeller geholt und an Ort und Stelle montiert.“

Wahnsinn eigentlich. Das findet auch der Berger QUH-Gemeinderat Dr. Andreas Ammer, Graf-Fan und Mitorganisator des Graf-Festivals zum 50. Todestag. „Dass so etwas zu unseren Lebzeiten passieren kann“, wundert er sich. Ihn fasziniert an Graf, wie ein Schriftsteller ein Dorf auf Weltliteratur-Niveau heben kann. Nur: Im Dorf hat das niemanden interessiert. Als er vor rund 20 Jahren nach Berg kam, war da nichts: „Es gab keine Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft, die Einheimischen hatten nichts mit ihm am Hut.“ Ammer kann nachvollziehen, dass es die Geschichten über Berg waren oder die Umstände, wie Graf dem Ersten Weltkrieg entkam, die die Berger gegen ihn aufbrachten.

Graf hatte eine Geisteskrankheit simuliert, um nicht mehr an die Front zu müssen. „Man muss aber nachvollziehen, was es hieß, während eines Krieges den Kriegsdienst zu verweigern“, unterstreicht er. „Das ist nicht trivial und auch noch gesundheits- bis lebensgefährlich.“ Ganz zu schweigen von seinem Appell „Verbrennt mich!“ zur Bücherverbrennung 1933. Da war er schon im Exil, zunächst in Wien und Brünn, dann ab 1938 in Amerika. „So einen Satz hätten doch auch andere sagen können“, findet Ammer. „Da ist Grafs Haltung schon einzigartig.“

Diese einzigartige Haltung war in Berg kaum oder kein Thema. „In meiner Jugend wurde über Oskar Maria Graf nicht geredet“, sagt Bürgermeister Monn (62), der in Höhenrain aufgewachsen ist.

1958 kam Graf auf seiner ersten Europareise nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Berg vorbei. Eine Anerkennung seiner Heimatgemeinde hat er erst zum 70. Geburtstag bekommen, den er 1964 in Berg feierte. Der damalige Bürgermeister Wilhelm Gastl überreichte ihm als Anerkennung einen Ehrenteller der Gemeinde Berg. Die Aufkirchner Künstlerin Juschi Bannaski erinnert sich an das Fest: „Ich war acht Jahre alt, es war Sommer und ich störte überall. Im ganzen Haus herrschte Vorbereitungshektik, denn am Abend gaben meine Eltern wie so oft eine Einladung.“ Ehrengast war Oskar Maria Graf: „Der berühmte Mann aus Amerika war der Bruder des Wirts von Berg, ein guter Freund und zuverlässiger Trinkgenosse meines Vaters. Die Brüder waren zutiefst verfeindet, und meine Eltern schmiedeten den schönen Plan, die beiden wieder zu versöhnen. Der Wirt allerdings kam, trotz seiner Zusage, dann leider einfach gar nicht.“ Die kleine Juschi hatte ein Bild für den ihr unbekannten Gast gemalt. „Dann war der Moment, in dem ich diesem riesigen, gebeugten Mann mit den viel zu großen Händen, die nach allem langten, und einer viel zu lauten Stimme, die mich einschüchterte, mein kleines Bild geben musste. Ich erinnere mich heute noch an die bedrohliche Präsenz dieses Mannes.“

Der Ehrenteller zum 70. wird bei der Ausstellung zum Graf-Jubiläum in der Galerie Wimmer (Perchastraße 7) in Berg zu sehen sein. Ebenso wie andere Graf-Devotionalien: „Ein Handkoffer und zwei Masskrüge, Repros, Familienfotos und das alte Bäckerschild“, zählt Dritte Bürgermeisterin Elke Link auf.

Bis vor etwas mehr als 20 Jahren war das Graf-Geburtshaus an der Grafstraße in Berg eine Bäckerei, dann baute Peter Reinmann das Haus zu einem Lokal um. Für ihn war es von vornherein klar, dass das Lokal „Oskar-Maria-Graf-Stuben“ heißen muss. Damit und mit den beiden Hinweisschildern, dass es sich um Grafs Geburtshaus handelt, hat er wahrscheinlich mehr für Grafs Gedächtnis getan als viele andere Berger. Reinmann wohnt aber auch erst seit 35 Jahren in Berg, Grund, Graf zu grollen, hat er keinen. Im Gegenteil: Alte Graf-Fotografien zieren seine Stube ungemein.

„Grafs Tocher Annemarie Koch war oft Gast bei mir“, erinnert er sich. Sie sah ihrem Vater sehr ähnlich. Sie starb 2008. Ihre beiden Kinder, Ricarda und Klaus, leben sehr zurückgezogen und nicht in Berg. Das Geburtshaus gehört und bewohnt Albin Graf, ein entfernter Verwandter von Oskar.

Die Heimat war für Graf immer ein Bezugspunkt, ein Anker. In seinem Briefwechsel von New York aus mit dem Berger Schatzlhof-Bauer Paul Huber bat er um Fotos aus Berg. Sie sind auch in der Ausstellung zu sehen. Und jetzt beschäftigen sich die Kinder der Oskar-Maria-Graf-Schule mit der Heimat und mit Graf. „Graf war heimatverbunden, er hat seine Heimat geliebt“, sagt die Rektorin der Oskar-Maria-Graf-Schule, Dr. Silke Rogosch. Was die Kinder erarbeiten, kann sich die Öffentlichkeit am Freitag, 30. Juni, von 9 bis 11 Uhr im Schulhaus anschauen. Wer in die Aula tritt, sieht das große Graf-Foto und die Fotogalerie, die das Entstehen des Graf-Denkmals dokumentiert.

Heutzutage kommt Graf kein Kind mehr aus. Deshalb ist für Bürgermeister Monn die Namensgebung für die Schule auch die größte Ehre, die die Gemeinde dem Autor erweisen konnte.

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