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Teil seines Lebens: Reinhard Wicher in „seinem“ Park.

Schlosspark-Wächter

Chronist der Schwanendramen

Berg - Reinhard Wicher kümmert sich seit 40 Jahren ehrenamtlich um den Schlosspark, seine Besucher und Bewohner. Von Mai bis Oktober ist der 84-Jährige aus Oberberg unten am Seeufer, seinem „zweitem Wohnzimmer“.

In seiner Gefriertruhe wimmelt es von tiefgefrorenen Dinkelbrötchen, die er einzeln in blaue Beutel gepackt hat. Davon isst er jeden Morgen eines mit Quark und zwei Löffeln Honig und trinkt einen Kaffee, bevor er sich um halb neun auf den Weg runter in den Schlosspark macht.

Reinhard Wicher hat sich am Seeufer im Park einen kleinen Kiesplatz mit Bänken hergerichtet. Vier kleine Buchsbäumchen und drei Kirsch-Loorbeer hat er hingepflanzt. Jedes Jahr spannt er zwischen zwei Ästen eine Wäscheleine, auf die er seine Sachen hängt, wenn er dreimal am Tag schwimmen geht. „Früher bin ich zum Kaffee nach Feldafing geschwommen“, erklärt der 84-Jährige, als sei es das Normalste auf der Welt. „Heute bin ich nur noch eineinhalb Stunden im Wasser.“ An seinem braunen Gesicht sieht man, dass er im Sommer sechs bis acht Stunden lang hier ist. Die Lachfalten um seine Augen sind so tief, dass sie innen weiß sind – weil die Sonne nicht hinkommt.

Wicher weiß alles: „Seit 1972 führe ich jeden Tag Buch“

Morgens geht Wicher als erstes durch den Park und schaut, dass alles seine Ordnung hat. Er hinkt ein wenig, aber sein Schritt ist zügig. Wenn Wicher Besucher durch den Park führt, dann deutet er auf Bäume, zeigt auf die andere Seeseite, nennt Namen und Bewohner der Villen, dröselt Verwandschaftsverhältnisse auf und unterbricht seine Rede über die byzantinische Malerei der Votivkapelle, um auf seltene Hainbuchen aufmerksam zu machen.

Wicher weiß alles: „Seit 1972 führe ich jeden Tag Buch.“ Er schreibt auf, was er gegessen hat, wie viel Grad das Seewasser hat und was in Berg und dem Rest der Welt passiert ist.

Wicher und seine Schwanendamen: "Sie ist hochnäsig"

Aus seiner hinteren Hosentasche fingert er Fotos von seinen „Mitbewohnern“ – die Enten Donald und Daisy: „Die legen sich zum Schlafen immer neben mich auf die Bank.“ Die anderen Bilder zeigen seine Schwäne: Hansi und seine namenlose Frau, die sich in einem Draht verstrickte und die daraufhin ertrunken ist. Grausame Welt: Der alte Hansi wurde dann von Franz und Sisi vertrieben. „Einmal sind die beiden an mir vorbeigeflogen“, erinnert sich Wicher. „Franzi hau die Bremsen nei, hab ich ihm dann zugerufen. Der Franzi hat im Flug den Kopf zu mir gedreht und ist gelandet.“ Er lacht laut.

Schwanendamen leben anscheinend gefährlich im Park: Sisi ist mit dem Schnabel voran in den Zaun geschwommen, der im Wasser den öffentlichen Teil des Parks von dem der Wittelsbacher abtrennt. „Sie hat sich verhakt und ist versoffen.“ Wicher ist damals ins Wasser gelaufen, um die tote Sisi zu befreien. Heute hat Franz eine neue Freundin: Sisi 2. „Ihr Charakter hat sich sehr zum negativen entwickelt“, meint Wicher. „Sie ist hochnäsig und faucht. Manchmal sage ich mei Franzi, was hast dir da angschleppt!“ Wieder lacht er los und bemerkt dann: „Franz und Sisi 2 sind aber in diesem Jahr nicht aufgetaucht.“

Wicher ist ein Bücherwurm

So sehr wie seine Schwäne, liebt der 84-Jährige auch das Lesen. 38 bis 40 Bücher pro Jahr – unter anderem alle sieben Harry Potter Bände hat er verschlungen. „Als ich die gelesen habe, konnte meine Frau Hermine noch so oft versuchen mich anzusprechen. Ich habe nix mitbekommen.“

In den vergangenen 40 Jahren habe sich im Park und in seinem Privatleben nicht viel geändert, sagt er. „Die Bäume sind gewachsen, und ich bin dankbar für die vielen schönen Jahrzehnte mit meiner Frau.“ Er und seine Hermine lernten sich bei einem Tanz in Percha kennen. Da war Reinhard noch Bäcker und gerade 18 Jahre alt. Die Beiden kannten sich 63 Jahre, als Hermine starb. Davor hatte Wicher seinen Job als Parkwächter beim Bürgermeister gekündigt, weil Unbekannte seinen Platz am See verwüstet hatten.

„Aber dann habe ich wieder angefangen runter zu gehen – sonst wär ich da oben verrückt geworden.“ Er sei nicht der Typ, der grübelt, wenn er den ganzen Tag am See sitzt. Ab Mai wird er wieder unten sein. Dann ratscht er mit jedem, der vorbeikommt, geht schwimmen und schaut nach den Schwänen.

Von Lara Gohr

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