Dr. Ingvild Richardsen erforscht die Geschichte von Haus Buchenried in Leoni
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Auf den Spuren der Vergangenheit: Dr. Ingvild Richardsen erforscht die Geschichte von Haus Buchenried in Leoni, einst ein Zentrum für Künstler und Gelehrte.

Dr. Ingvild Richardsen erforscht die Historie des heutigen Hauses Buchenried

„Ein Spiegel der deutschen Geschichte“

Der Medienpreis 2020 des Zonta-Clubs Fünf-Seen-Land geht an die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Ausstellungskuratorin Dr. Ingvild Richardsen. Mit dem Preis werden Frauen aus der Region geehrt und in ihrem Schaffen ermutigt, die sich um die Förderung von Frauen und um deren Gleichberechtigung verdient gemacht haben. Ingvild Richardsen hat in ihren letzten Büchern das Wirken von Frauen besonders hervorgehoben – und erforscht derzeit die Geschichte von Haus Buchenried in Leoni.

Leoni - Der Zonta-Club hatte für die Ehrung der Historikerin, die im Jahr 2018 mit ihrer Ausstellung „Evas Töchter“ große Beachtung erfahren hatte, für Ende 2020 den „Prinzensaal“ des Café Luitpold reserviert. Denn dort, wo heute der Herrenclub tagt, wurde 1899 der erste bayerische Frauentag eröffnet, über den die Historikerin in ihren Büchern über die Münchner Frauenbewegung berichtet. Dann kam Corona.

Schon länger erforscht Richardsen die Geschichte von Haus Buchenried in Leoni, das heute als Seminarzentrum der Volkshochschule München dient. Das Ergebnis ihrer Arbeit soll als Buch veröffentlicht werden, damit es für jeden Interessierten zugänglich ist. Die promovierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin wollte eigentlich Pianistin werden. Nach einem Studium an der Musikhochschule Würzburg sattelte sie auf Literaturwissenschaft, Philosophie und Mediävistik um. Heute ist sie Dozentin für Mediävistik, Neuere deutsche Literatur und Europäische Kulturgeschichte an der Universität Augsburg, arbeitet als Autorin und Ausstellungskuratorin für Universitäten, Akademien und Kulturinstitutionen wie das Goethe-Institut, die Stiftung Lesen, die Monacensia oder das Literaturschloss Edelstetten, aber auch für Verlage, Film und Fernsehen. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Geschichte der Frauenbewegung. Ihre 2019 erschienene Publikation „Leidenschaftliche Herzen. Feurige Seelen. Wie die Frauen die Welt veränderten“ erzählt die Geschichte der Münchner Frauenbewegung, die, wie die Autorin sagt, „das Fenster zur Moderne aufgestoßen hat“. „Im Zentrum stehen Künstlerinnen, die sich von Naturalismus und Jugendstil inspirieren lassen und wirkungsvoll an die Öffentlichkeit treten“, erzählt Ingvild Richardsen. „Sie vernetzen sich deutschlandweit – auch mit progressiven Männern – und kämpfen für Selbstbestimmung und Unabhängigkeit“, liest man im Klappentext dieser Publikation. Mit diesem Buch wird ein zentrales Kapitel deutscher Emanzipationsgeschichte vorgestellt.

Die Forschungen zur Geschichte des Hauses Buchenried sind für die in München lebende Historikerin spannender, als sie erwartet hatte. „Haus Buchenried ist ein Spiegel der deutschen Geschichte“, begeistert sie sich und freut sich besonders darüber, dass sie vor einigen Jahren während der Recherchen für einen Film Gästebücher der früheren Villa Weinmann aus den Jahren 1883 bis 1919 gefunden hat. Aus ihnen geht hervor, dass das Weinmann-Anwesen in Leoni ein bedeutender Treffpunkt für Künstler und Gelehrte aus dem In- und Ausland war. Louis Weinmann (1839-1902), jüdischer Herkunft, war einer der Eigentümer. Aus dem Gästebuch geht hervor, dass Julie Weinmann mit der Pähler Familie Haushofer eng befreundet war. Zur Erinnerung: Albrecht Haushofer war Publizist, Schriftsteller und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Auf dem weitläufigen Gelände der Münchner Volkshochschule in Leoni steht an der südöstlichen Grundstücksgrenze eine kleine, kaum beachtete Steinhütte. Es handelt sich dabei um eine Gedenkstätte der Familie Weinmann, die diese nach den Entwürfen des Architekten Theodor Fischer 1903 errichten ließ. „Die Weinmannsche Gedächtniskapelle sollte restauriert werden“, findet die Historikerin. „Es ist ein Schatz.“ Louis Weinmann war erster Vorstandschef der damals in ganz Europa bekannten Dachauer Papierfabrik und ist bis heute als Vater der Betriebskrankenkasse in Erinnerung. Er hatte das in Leoni als Hackländerhaus bekannte Gebäude 1878 erworben und als Sommerhaus und Künstlertreff genutzt.

Und wie kam es zum Forschungsauftrag der Volkshochschule? Haus Buchenried ist seit der ersten Bebauung des Grundstücks in den 1820er Jahren ein Spiegel deutscher Geschichte. Zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten lebten dort oder für die Sommerfrische. Nach Johann Ulrich Himbsel und dem Schriftsteller Friedrich Wilhelm Hackländer waren insbesondere die Münchner jüdische Gesellschaft sowie Künstlerinnen und Künstler zu Gast in diesem Haus. Dieses reiche kulturelle Erbe fand mit dem Nationalsozialismus ein jähes Ende. Christian Haager, Leiter von Haus Buchenried: „Der Münchner Volkshochschule ist es ein wichtiges Anliegen, die wechselvolle Geschichte von Haus Buchenried zu beleuchten. Wir freuen uns sehr über die Zusammenarbeit mit Frau Dr. Richardsen, die schon zahlreiche neue Erkenntnisse ans Tageslicht gebracht hat“. Wann genau die Publikation erscheinen wird, steht noch nicht fest. Astrid Amelungse-Kurth

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