Im Corona-Jahr ist das Motto der Ateliertage passenderweise „Wahn und Wirklichkeit“. Die Künstler (v.li.) Petra Jakob, Roman Wörndl, Juschi Bannaski, Andreas Huber, Fritz Güllich, Gabriel Baumüller, Elisabeth Güllich, Lucie Plaschka und Renate Rahm zeigen ihre Werke dazu.  Foto: Andrea Jaksch
+
Im Corona-Jahr ist das Motto der Ateliertage passenderweise „Wahn und Wirklichkeit“. Die Künstler (v.li.) Petra Jakob, Roman Wörndl, Juschi Bannaski, Andreas Huber, Fritz Güllich, Gabriel Baumüller, Elisabeth Güllich, Lucie Plaschka und Renate Rahm zeigen ihre Werke dazu.

Ateliertage

Große Kunst vor der Haustür

Das perfekte Ausflugsprogramm für die nächsten zwei Wochenenden sind die „Ateliertage No. 34 Berg/ Icking“: Elf Stationen mit 18 Künstlern stehen zur Auswahl. Die Besucher dürfen – unter den geltenden Hygieneregeln – einen Blick in kreative Orte werfen, diskutieren und sich freuen, wie viel beachtenswerte Kunst vor der Haustür entsteht.

Berg – Seit 1987 gibt es die Ateliertage am Ostufer, seit 1999 jeweils unter einem Jahresthema. Heuer ist es „Wahn und Wirklichkeit“. Und heuer ist alles auch erstmals sehr ausführlich online: zur Vertiefung und als Möglichkeit für diejenigen, die lieber nicht die Ateliers besuchen oder öffnen wollen. Hier ist ein Rundgang durch die Ateliers im Landkreis, die an den kommenden beiden Wochenenden geöffnet sind.

Juschi Bannaski liefert mehrere Räume voller Assoziationen, Träume und Farbräusche. Sie hat es zu einer echten Meisterschaft hinter Glas gebracht, in der sie ihre Versatzstücke aus Erlebnissen und Erinnerungen mit faszinierenden Techniken ausbreitet: Große, changierende Flächen und akribische Zeichnungen, lange, feinste Striche mit viel Dynamik und ruhiges, tiefes Leuchten kombiniert sie. Ihre Liebe zu Indonesien lässt Dschungellandschaften aus Silhouetten und Farbstimmungen entstehen, die unvermittelt kleine Schelme heimsuchen.

Bannaski hat auch dem „heiligen Bimbam“ Gestalt gegeben, dem eine wogende Figurenmenge und ein Narr huldigen. In den aktuellen Arbeiten versuchte sie zudem, „den Abstandsregeln eine Ästhetik abzutrotzen“ und fängt Wartende in einem indifferenten Farbraum ein – in der Hoffnung auf baldige Lösungen (Martinsholzer Straße 16, Aufkirchen).

Roman Woerndl erinnert an den großen Tony Oursler, der gerne bei seinen Videoinstallationen mit Köpfen experimentiert. Woerndl projiziert ein Gesicht aus nächster Nähe auf eine Kugel, umkreist wird es von akustischen Ratschlägen. Gerade dieses Jahr fühlt sich nicht nur Woerndl umzingelt von Regeln und Sprüchen, die als „nächtliche Schatten“ wiederkehren und die der Künstler nun auch ringsum im Raum aufspießt. Weitere Beiträge wird er während der Ateliertage sammeln.

Genauso selbstredend und eindrücklich ist seine zweite Filmarbeit „homo ludens“, der spielende Mensch. Eine Metallkugel auf zwei Barren rollt knarzend hin und her – ein bedrohlicher Unterton begleitet dieses Spiel mit dem Absturz. Auf der Kinoleinwand ließ das Stück die Zuschauer schon schaudern – auch auf dem kleineren Bildschirm geht einem das metallische Leuchten und Klingen aus dem Dunkel unter die Haut (ebenfalls Martinsholzer Straße 16, Aufkirchen.)

Lucie Plaschka ist ein Freak, was Materialien angeht: „Meine Ungeduld zwingt mich, immer wieder etwas Neues zu finden“, sagt sie. Das kann Bananenbast sein, aus dem sie zum Gedenken an Oskar Maria Graf eine riesige Hose fertigt und szenisch zupackend bemalt. Das können Glasgitter oder Kombinationen mit Sanduhren sein, die eine zerbrechliche oder unaufhaltsame Zeitenwende markieren. Fischhäute, Scherben, Papierschnipsel, Plastik – nichts ist vor ihr sicher. Die neuesten Arbeiten kreisen um das Thema Pandemie. Karten werden zur Patience- und Geduldsinstallation. Häusercollagen, schwarz oder ohne Türen und Fenster, thematisieren Isolation und Stille. Der „Viromant“, lebensgroß mit schwarzer Krone, ist ihre Version der aktuellen Bedrohung (Klosterweg 27, Aufkirchen).

Dem stellt ihr Gast Renate Rahm eine konzentrierte Blumenwelt in Gouache gegenüber, die nicht durch Lieblichkeit besticht, sondern durch die robuste Schönheit herber Formen (ebenfalls Klosterweg 27, Aufkirchen).

Elisabeth Güllich spürt den Dingen nach, die man schwer greifen kann, die uns transparent oder in der Auflösung beziehungsweise in ständiger Bewegung entgleiten. Sickerwasser mit seinen Spiegelungen von Farbe, Landschaften in der Ferne, Wolken, Farbwellen und Kämme, die vieles andeuten, aber nichts konkretisieren. Für ihre Akte hat sie mehrere Blätter mit Fett bearbeitet und hintereinander gehängt. Die durchscheinende Beleuchtung gibt ihnen eine warme Tiefe und zugleich eine lichte, ätherische Körperlichkeit (Oberlandstraße 23, Aufhausen).

Ganz anders ihr Mann Fritz Güllich: Der Bildhauer formt seine Köpfe aus Ton, brennt sie und installiert sie markant in dem alten Pferdestall, der als Atelier dient. Da hängt Amor mit orangener Schwimmbrille an der Wand, seine ausgeworfenen Angeln haben sich zwischen (Metall-) Blättern und (Holz-)Fischen im Raum verfangen und ziehen ihn hinab. Hier mag man schmunzeln, wie bei manch anderen spielerischen oder prozesshaften Werken. Bei den blumenumrankten Frauenköpfen vergeht einem das Lachen: Alle drei sind verwundet. Ein aufrüttelnder Beitrag zum Thema häusliche Gewalt (ebenfalls Oberlandstraße 23, Aufhausen).

Andreas Huber ist seit über 30 Jahren in seinem Fotostudio in einem ehemaligen Firmengebäude mit dem mondän-nostalgischen Charme aus den ausgehenden 1950er Jahren zu Hause. In seinen Stillleben orientiert er sich bisher noch weiter zurück: Altmeisterliche Werke des 16. und 17. Jahrhunderts standen seinen Aufnahmen Pate, in denen er Blüten, Gräser oder Früchte magisch aus dem Dunkel hervorhebt und glänzend und in sparsamen, perfekten Arrangements ins Heute transportiert.

„Die aktuelle Zeit schreit nicht mehr nach Opulenz“, begründet er seine allerneuesten, spartanischen Stücke: Ein Wasserglas auf Leinen, ein Stück Obst nur, die absolute Reduktion in Komposition und Farbe, ist sein Beitrag zu den Monaten der Beschränkungen. Der Konzentration aufs Wesentliche gewinnt er eine hypermoderne Schönheit ab. Neueste Experimente beschäftigen sich dann mit der Kunst des Weglassens – und unserer Tendenz, das einfach in der Einbildung zu ergänzen (Oberlandstraße 26, Aufhausen, nur am 3./4. Oktober geöffnet).

Weiterhin stellen aus: in Wolfratshausen Teresa Erhart und Birgit Berends-Wöhrl (Humplgassl 1) sowie Nausikaa Hacker und Ulrich Panick (Obermarkt 20), in Dorfen Elisabeth Biron von Curland und Christiana Biron (Straßfeld), in Ammerland Ernst Grünwald (Riedweg 4), in Irschenhausen Sabine Kirchhoff (Neufahrner Weg 10), Petra Jakob (Schäftlarner Weg 19) sowie Gabriel Baumüller, Sophia Hößle und Isabelle Roth (Am Schatzfeld 3).

Freia Oliv

Die Ateliertage

finden an den Wochenenden 3./4. und 10./11. Oktober, jeweils von 12 bis 19 Uhr statt. Kunst gibt es auch im Internet unter www.atelier-tage.de.

Auch interessant

Kommentare