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Hans-Günther Kaufmann über Schwester Christine: „So viel Abgrund habe ich noch nie gesehen“

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Von: Stephan Müller-Wendlandt

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Hans-Günter Kaufmann und Elisabeth Carr zeigen im Schloss Kempfenhausen beeindruckende, berührende und sehr emotionale Bilder der 2017 verstorbenen Schauspielerin Christine Kaufmann.
Hans-Günter Kaufmann und Elisabeth Carr zeigen im Schloss Kempfenhausen beeindruckende, berührende und sehr emotionale Bilder der 2017 verstorbenen Schauspielerin Christine Kaufmann. © Andrea Jaksch

Hans-Günther Kaufmann zeigt in einer Ausstellung im Schloss Kempfenhausen unter anderem unveröffentlichte Fotos seiner Schwester, der Schauspielerin Christine Kaufmann. In ihnen steckt pure Schönheit – aber auch Trauer, Hilflosigkeit und Angst.

Kempfenhausen – Mit beliebigen Themen gibt sich Elisabeth Carr in ihren „Kunst-Räumen am See“ nicht ab. Sie lässt sich anlocken von Zufälligem, Überraschendem und Begegnungen auf vielfältigen geistigen Ebenen. Der Künstler ihrer nächsten Ausstellung ist ein Seelenverwandter: der Fotograf, Filmemacher und Autor Hans-Günther Kaufmann. Unter dem Motto „Die kleine Schwester und der große Freund“ bringt er das Wesen zweier höchst unterschiedlicher Charaktere näher, die seine liebsten Lebensgefährten waren. Die „kleine Schwester“ war Christine Kaufmann, erfolgreiche Film- und Theaterschauspielerin mit Hollywood-Weihen, der „große Freund“ war Odilo Lechner, Benediktinerabt von St. Bonifaz München und Kloster Andechs. Die Todestage beider jähren sich heuer zum fünften Mal. Die Ausstellung, die ab Sonntag, 29. Mai, für drei Wochen im Schloss Kempfenhausen zu sehen ist, ist auch eine Art Aufarbeitung von Kaufmanns Leben und Wirken.

Die Verbindungen von Carrs Familie zu den Kaufmann-Geschwistern reichen Jahrzehnte zurück. Um 1950 war Carrs Mutter Mathilde Steininger Lehrerin der beiden in Bad Aibling. Die Kaufmanns waren im letzten Kriegsjahr aus Frankreich geflüchtet und in Oberbayern gelandet. Christine war auf der Flucht in einem Stall in der Steiermark auf die Welt gekommen. In Elisabeth Carrs Wohnhaus in Starnberg seien die Kaufmanns immer präsent gewesen, berichtet sie Zu Hans-Günther Kaufmann habe sie nach dem Tod dessen Schwester den Kontakt intensiviert. Das Schloss Kempfenhausen, sei mit Bedacht gewählt worden. Kurz vor ihrem Tod habe Christine Kaufmann den Ort erstmals besucht. Sie sei begeistert gewesen und habe davon geschwärmt, dort eine Lesung zu veranstalten. Dazu kam es nicht mehr.

Fotos zeigen Christine Kaufmann im Alter zwischen 15 und 60 Jahren

Hans-Günther Kaufmann zeigt nun bisher unveröffentlichte Fotos seiner Schwester. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, mit analoger Technik fotografiert und im Labor auf chemischem Wege entwickelt, sind zwischen Christines 15. und 60. Lebensjahr entstanden. Sie zeigen eine überwältigend schöne Frau. Der Betrachter kann auf einigen Bildern in ihren Augen aber auch Trauer, Hilflosigkeit und Angst erkennen. Seine Schwester sei eine glamouröse Persönlichkeit gewesen, habe aber ein chaotisches und keineswegs glückliches Leben geführt, sagt der Bruder. „So viel Abgrund habe ich noch nie gesehen.“ Der Preis für Erfolg und ständige körperliche Präsenz: Zerrissenheit und Verzweiflung. Das offenbare folgender Satz aus ihrem Mund: „Günther, du glaubst nicht, wie anstrengend es ist, schön sein zu müssen.“

Kaufmann räumt ein, als Heranwachsender wegen des Erfolgs der jüngeren Schwester geltungssüchtig gewesen zu sein. „Mit 18 hatte ich mein eigenes Fotostudio, ein Jahr später kaufte ich mir den ersten Jaguar.“ Für aufwendige Shootings sei er „mit Traumfrauen zu Trauminseln gejettet“. Er habe das Leben in vollen Zügen genossen, „bis zu jenem Punkt, als ich erkannte, ich habe das Dach erreicht, höher geht es nicht mehr“. Das Leben auf dem Land, nicht mehr in München, sondern im Kreis Miesbach, erwies sich als neue Herausforderung. Kaufmann ließ sich von ländlichen Fotomotiven anlocken. „Das konnte ein Naturschauspiel sein oder eine Fronleichnamsprozession.“

Als Texter für das geplante neue Buch mit den Fotos vom Land gewann Kaufmann den Benediktinerabt Odilo Lechner. Auch dank eines Tipps des damaligen Bezirksheimatpflegers Paul-Ernst Rattelmüller aus Leutstetten. Odilo gewährte dem Fotografen eine Audienz – es war der Anfang einer innigen Freundschaft und fruchtbaren Zusammenarbeit. Abt Odilo sei der krasse Gegensatz zu seiner Schwester gewesen, sagt Kaufmann. „Sie war ihr Leben lang außer sich, er war ein Mensch, der in sich ruhte.“ Ein Relikt aus jener Schaffenszeit hat Kaufmann durch Zufall wiedergefunden: einen Tonträger mit Abt Odilos Texten. Er überließ sie ihm mit der Bemerkung: „Vielleicht passen sie ja mal zu einem weiteren Fotobuch.“ Das ist 20 Jahre her, heute seien die Texte wie geschaffen für die Fotos, die er in einer Hommage an den 2017 gestorbenen Odilo präsentiert.

Die Veranstaltung im Schloss Kempfenhausen

Die Veranstaltung im Schloss Kempfenhausen dauert bis 19. Juni. Am 29. Mai, 5. und 12. Juni führt Kaufmann persönlich durch die Ausstellung. Mehr Infos im Internet unter kunstraeume-am-see.de.

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