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Straßenbau: Berg lehnt „Wundertüte“ ab

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Von: Sandra Sedlmaier

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Die Kastanienallee in Kempfenhausen ist eine der vielen noch nicht hergestellten Straßen in der Gemeinde Berg. Die Anwohner wollen selbst für einen Straßenbelag aufkommen – allerdings nur für einen speziellen.
Die Kastanienallee in Kempfenhausen ist eine der vielen noch nicht hergestellten Straßen in der Gemeinde Berg. Die Anwohner wollen selbst für einen Straßenbelag aufkommen – allerdings nur für einen speziellen. © Dagmar Rutt

Die Gemeinde Berg verzichtet auf das Angebot von Anwohnern, ihre Straße auf deren Kosten befestigen zu lassen. Auch, weil dabei Polymere zum Einsatz kommen. Die Rathausverwaltung fürchtet, dass dieser Einsatz von Kunststoff die Umwelt schädigen könnte sowie einen Präzedenzfall.

Kempfenhausen – Mikroplastik kennt jeder, auch die Fische im Starnberger See, obwohl Plastik dort nicht hingehört. Polymere sind Kunststoffe im Nanopartikelbereich, also deutlich kleiner als Mikroplastik. Die Gemeinde Berg hat deshalb Bedenken, oberhalb vom Starnberger See auf der Kastanienallee einen Straßenbelag zuzulassen, der unter anderem Polymere enthält – obwohl sie ihn geschenkt bekäme.

Die fünf Anwohner der Kastanienallee sind auf die Gemeinde Berg zugegangen mit dem Wunsch, ihre Straße befestigen zu lassen, um die Staubbelastung zu verringern. Aktuell ist die 200 Meter lange Ortsstraße aus Schotter und Kies.

Die Anwohner stellen sich ohnehin etwas anderes vor. Sie haben der Gemeinde vorgeschlagen, die Kosten für den Straßenbelag zu übernehmen. Aber nur, wenn das sogenannte „Mix in Place“-Verfahren angewendet wird, mit dem alles in einem Tag erledigt ist. Dabei wird das vorhandene Material der Straße vor Ort mit Zement und Polymeren vermischt, aufgetragen und verfestigt, wie Bauamtsmitarbeiter Stefan Rath im Ausschuss erklärte. Den Abschluss solle eine Bitumenschicht mit Split bilden, um den Zement vor dem Austrocknen zu schützen. Eine Asphaltschicht oder eine gepflasterte Straße lehnten die Anwohner ab: „Das gefällt ihnen nicht“, sagte Rath.

Auch eine Erstherstellung der Kastanienallee durch die Gemeinde, die Randsteine und Gullys anlegen würde, wollen die Anwohner nicht. Wenn Schotterstraßen erstmals ausgebaut werden, sind die Anwohner üblicherweise finanziell dabei. Im Fall der Kastanienallee läge die Anwohnerbeteiligung bei 90 Prozent, wie Steigenberger sagte. Würde die Straße ordentlich gemacht inklusive Unterbau, hätte die Gemeinde 40 Jahre lang Ruhe, so Steigenberger. Rath hielt es für sinnvoll, bei dem oft mit Streit behafteten Thema Erstausbau einer Straße und möglichen Alternativen keinen Präzedenzfall zu schaffen. „Wenn wir es denen erlauben, kommen die Anwohner anderer Straßen und sagen: Wir hätten es gerne staubfrei, aber keine Erstherstellung.“

Wie lange eine Polymer-Straße hält und wie der Unterhalt sich gestaltet, ist unklar. Mit dem Verfahren gibt es kaum Erfahrungen. In Münsing ist auf einer Polymer-Straße eine Asphaltschicht, so Steigenberger. In Schäftlarn sei eine nach einem halben Jahr schon von Rissen durchzogen, so Rath. Die Verwaltung, auch Klimamanagerin Sebastiana Henkelmann, treibt die Angst um, dass die Polymere ausgewaschen werden und die Umwelt belasten und das Material irgendwann teuer oder kaum entsorgt werden kann. „Vielleicht ist es schlimmer als Mikroplastik“, sagte Henkelmann. Erst jetzt gebe es Messverfahren für Polymere, wusste Rath und gab zu bedenken: „Wenn das irgendwann mal explodiert wie Asbest oder Formaldehyd?“ Steigenberger sagte: „Es ist eine Wundertüten-Frage: Nehmen wir sie geschenkt oder nicht?“ Die Antwort des Ausschusses lautete nein.

Für problematisch hielten Ausschuss und Verwaltung auch die Sache mit der dann fehlenden Erstherstellung. In 20 Jahren sei es vermutlich schwierig, die Vorgänge nachzuvollziehen, sagte Kämmerer Florian Bendele. Die Gemeinde laufe Gefahr, die dann fällige Erstherstellung selbst bezahlen zu müssen.

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