Bewährung für uneinsichtigen Stalker

Für eine junge Therapeutin war es der blanke Horror. Monatelang stellte ihr ein 60-jähriger Patient nach: Mit E-Mails und anzüglichen Bermerkungen.Vor Gericht verhöhnte der Stalker nun sein Opfer sogar.

Der angeklagte 60-jährige Arbeitslose hatte die Physiotherapeutin so lange belästigt, bis diese einen Nervenzusammenbruch erlitt und Strafanzeige erstattete. Der Staatsanwalt forderte vor dem Starnberger Amtsgericht neun Monate Haft auf Bewährung.

Der Stalker war schon seit 2012 in der Gilchinger Physiopraxis in Behandlung und dabei durch zunehmende Belästigungen aufgefallen. Erst hatte der ehemalige Informationstechniker laut seinem Opfer „anzügliche Bemerkungen“ hinsichtlich ihrer Oberweite gemacht, dann ab Herbst vergangenen Jahres damit begonnen, der jungen Frau persönliche E-Mails an die Praxis-Adresse zu senden und Briefe zu schreiben.

Die Physiotherapeutin sagte im Zeugenstand aus, ihr seien diese Annäherungsversuche zunehmend unangenehm gewesen und sie habe sie zunächst zu ignorieren versucht. Doch der aufdringliche Gilchinger ließ nicht locker und tauchte sogar ohne Termin in der Praxis auf, um weitere persönliche Briefe zu überreichen: „Als ich einen davon überflogen hatte, ist mir anders geworden“, so die Zeugin, die es wegen des teils drohenden Inhalts mit der Angst bekommen hatte und sich an Kolleginnen und ihren Chef wandte. Der erteilte dem Stalker Hausverbot und beendete auch die Therapie. Das hielt den 60-jährigen aber nicht davon ab, morgens und abends „um die Praxis herum zu schleichen“ und immer wieder dort anzurufen, wie sein Opfer berichtete. Nicht einmal einem eingeschalteten Beamten der Polizeiinspektion Germering gelang es, in einer Art Präventionsgespräch den Mann von seinem Tun abzubringen: „Er hat wohl verstanden, was ich ihm gesagt habe, es aber nicht eingesehen“, so der Polizist.

Das Opfer des Stalkings wusste sich bald nicht mehr zu helfen, suchte eine Einstweilige Verfügung gegen den Nachsteller zu erwirken und traute sich kaum noch ohne Begleitung aus dem Haus und in die Arbeit: „Ich hatte panische Angst, bin nicht mehr Einkaufen gegangen, meine Mutter hat mich zur Praxis gefahren, und Hausbesuche habe ich auch nicht mehr gemacht“, sagte die Geschädigte, die noch immer traumatisiert wirkte. Der Beschuldigte verhöhnte sein Opfer noch im Gerichtssaal, prustete bei der Zeugenaussage immer wieder dazwischen, bis ihm von Richterin Conrad ein Ordnungsgeld angedroht wurde. Auf die Frage des Staatsanwalts, was er denn von der Physiotherapeutin gewollt habe, entgegnete er immer wieder: „Klarheit.“ 2013 hatte der Mann selber die Polizei in Marsch gesetzt, weil er meinte, sein Opfer sei von ihrem Chef entführt worden - was die im Verfahren ausgesagt hätten sei „alles Lüge“, so der Angeklagte, der seine E-Mail-Attacken laut der Geschädigten auch noch im Internet verbreitet hatte.

Mit fünf Monaten auf Bewährung fiel das Urteil gegen den uneinsichtig wirkenden Gilchinger glimpflich aus. Als Auflage verbot das Gericht dem Verurteilten jegliche Form von Annäherungsversuchen gegenüber der jungen Frau. Die hatte es ihrem Peiniger im Zeugenstand nochmals ins Gesicht gesagt: „Ich will und wollte nie Kontakt zu Ihnen haben.“

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