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Ein Fisch im Netz eines Ammerseefischers: Sachverständiger Dr. Bernhard Ernst befürchtet, dass zumindest für die Renken die Situation im Ammersee aufgrund des Klimawandels immer schlechter wird. 

Klimawandel macht Ammersee zu schaffen

  • vonAndrea Gräpel
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Die Entwicklung der Temperaturen im Ammersee machen Grund zur Sorge. Dr. Bernhard Ernst ist Sachverständiger für Gewässerökologie und erklärt, warum. 

Stegen/Utting – Schon als Dr. Bernhard Ernst vor zwölf Jahren seine Doktorarbeit schrieb, drehte sich in wissenschaftlichen Abhandlungen der Bereiche Biologie und Ökologie vieles um den Klimawandel. Ernst ist heute Sachverständiger für Gewässerökologie, und er ist als Spross einer alten Fischerdynastie am Ammersee selbst Fischer sowie Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Ammersee. Dementsprechend gehaltvoll und fundiert sind seine Jahresbilanzen, die er regelmäßig am Fischerjahrtag vorlegt.

Aufgrund der Corona-Krise findet dieses traditionelle Treffen am Tag der Apostel Peter und Paul in Dießen heuer nur in reduzierter Form statt (wir berichteten). Zum Thema, das ihm jedoch in diesem Jahr auf den Nägeln brennt, hat er bereits einen ausführlichen Beitrag in einer Fachzeitschrift publiziert. Diesmal geht es nicht um den Kormoran, obwohl der den Fischern nach wie vor ein Dorn im Auge ist. Diesmal geht es um den Klimawandel. Und was Ernst zu sagen hat, klingt alarmierend. Denn der Fischer befürchtet, dass das Ökosystem bei weiterer Erwärmung des Ammersees schwer beschädigt wird.

Bereits während seiner Doktorarbeit hat Ernst die Temperaturen im Ammersee verfolgt. „Da hat man damals aber noch nicht viel gesehen“, gesteht er. „Heute, mit zwölf Jahren Abstand, ist das Ergebnis allerdings erschreckend.“ Ernst hat für seine Studie die Messwerte am Ammersee-Auslauf in Stegen herangezogen, die dort seit 40 Jahren vom Gewässerkundlichen Dienst aufgezeichnet werden. Diese Werte seien ein gutes Maß für die oberere Wasserschicht, sagt er. Im Unterschied zu den Temperaturen der dem See zulaufenden Ammer im Süden, die sich in den vergangenen zehn Jahren nur um 0,1 Grad erwärmt hat, liegen die Werte in Stegen um 2,7 Grad höher. In den vergangenen 40 Jahren haben sie sich sogar doppelt so stark erwärmt wie die Atmosphäre der vergangenen 80 Jahre.

Für Ernst macht das deutlich, dass der See mehr Wärme aufnimmt als die Atmosphäre, die den See umgibt. Der Ammersee sei ein Puffer, der ausgleichend auf die Umgebung wirke. Was gut für die Umgebung sei, sei jedoch dramatisch für den See. Während sich Sommerfrischler über hohe Wassertemperaturen freuen, gerate das Ökosystem gefährlich ins Wanken.

Zwischen 1980 und 2000 lag die Temperatur in Stegen nur in vier Jahren über 24 Grad, danach und bis heute sei dies bereits zwölfmal der Fall gewesen. „Unserem Brotfisch, der Renke, steht dieser Oberflächenbereich aufgrund des Temperaturanstiegs nur mehr eingeschränkt als Lebensraum und als Weidegrund zur Verfügung“, sagt Ernst.

Das natürliche Renkenvorkommen spreche aktuell dafür, dass es noch nicht katastrophal ist, räumt der Fischer ein. Aber niemand wisse, wie lange das noch gut geht. Profitieren würden in Zukunft jene Fischarten, deren Komfortzone bei über 20 Grad liege – dies seien Karpfen, Zander, Hecht oder Waller. Die drei Riesenwaller, die Ernsts Fischerkollegen Simon Rauch aus Dießen in diesem Jahr bereits ins Netz gegangen sind, könnten damit zu tun haben, aber Ernst erklärt es sich eher mit dem Phänomen, dass die Waller-Population flächendeckend in Bayern zunimmt. Aber ein Einfluss durch den Klimawandel könnte auch eine Rolle spielen.

Angesichts der steigenden Temperaturen sieht Ernst nicht nur einen Wandel in der Fischerei auf sich zukommen. Auch die Umwälzung des Sees sei in Gefahr, glaubt der Sachverständige. Eine jährliche wiederkehrende Durchmischung sei die Kraftquelle dieser Ökosysteme, ein Reset, der nicht erfolgen kann, wenn anhaltend hohe Temperaturen ihn blockieren. Und dies betreffe dann nicht nur die Fischer, sondern das gesamte Ökosystem und damit alles, was am, um und im Ammersee lebt und mit dem Ammersee zu tun habe. „Der Klimawandel ist kein fernes Problem. Wie das Beispiel Ammersee zeigt, sorgt er jetzt und auch direkt vor unserer Haustür für Veränderungen. Wir müssen jetzt handeln“, betont Ernst, „jeder Einzelne – in Politik, in Behörden, in der gesamten Gesellschaft, bevor den Eisbären die Eisschollen unter den Füßen wegtauen und bevor die Renken von den oberbayerischen Grilltellern verschwinden.“

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