SOS-Kinderdorf Dießen
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Das Luftbild zeigt Deutschlands ältestes SOS-Kinderdorf in Dießen am Ammersee. Dort haben zwei Dorfmütter Anfang der 2000er-Jahre Kindern Leid zugefügt.

Der damalige Einrichtungsleiter äußert sich

Übergriffe im SOS-Kinderdorf: „Ein System des Schweigens“

  • Peter Schiebel
    VonPeter Schiebel
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Die Übergriffe auf Kinder durch zwei Dorfmütter haben sich im SOS-Kinderdorf Dießen ereignet. Das bestätigt der damalige Einrichtungsleiter Erich Schöpflin. Und er sagt: „Es tut mir mehr als leid.“

Dießen - Die Vorwürfe wiegen schwer. Zwei Dorfmütter von SOS-Kinderdorf stehen im Verdacht, jahrelang ihnen anvertrauten Kindern Leid zugefügt zu haben. Das SOS-Kinderdorf, in dem sich die Übergriffe abgespielt haben, ist jenes in Dießen. Das bestätigt Erich Schöpflin. Der 70-Jährige hat die Einrichtung von 2002 bis zu seinem Ruhestand im November 2016 fast 14 Jahre lang geleitet – und damit genau in der Zeit, in der es zu den „kindeswohlgefährdenden Grenzüberschreitungen“ gekommen ist, wie SOS-Kinderdorf die Taten selbst nennt.

„Es tut mir mehr als leid, das können Sie mir glauben“, sagt Schöpflin im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. „Es betrifft und berührt mich sehr.“ Was Schöpflin auch zu denken gibt, ist das jahrelange Schweigen. Er selbst habe erst vor rund einem Jahr von den Vorwürfen erfahren, nachdem sich von Gewalt und Missbrauch Betroffene an SOS-Kinderdorf, aber auch an die Staatsanwaltschaft gewandt hatten. Der Verein hatte daraufhin den renommierten Psychologen Professor Heiner Keupp mit einer unabhängigen Aufarbeitung beauftragt. Und Keupp habe dann im Dezember 2020 auch mit ihm ein Gespräch geführt, sagt Schöpflin.

Dass eine Dorfmutter einem Kind die Hausschuhe mit Klebeband an die Füße gebunden haben soll, dass Kindern das Essen, das sie nicht mochten und deswegen auf dem Teller zurückließen, püriert und zum Trinken vorgesetzt wurde, dass Kinder morgens nicht auf die Toilette gehen durften, weil dies die Dorfmutter gestört hätte, dass sie bei Regelverstößen auf eine Kellertreppe verbannt oder in einen dunklen Kellerraum eingesperrt wurden, dass sie mit der Dorfmutter gemeinsam duschen und sie anschließend eincremen mussten – „ich habe davon nichts gewusst“, sagt Schöpflin.

Es tut mir mehr als leid, das können Sie mir glauben. Erich Schöpflin war von 2002 bis 2016 Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorfs in Dießen

2002 hatte Schöpflin in Dießen angefangen, nachdem er zuvor mehr als zwanzig Jahre lang bei der Jugendhilfe der Diakonie in Baden-Württemberg tätig gewesen war. Viele Dorffamilien hätten damals mehr ein Eigenleben geführt und das Dorf als Ganzes eher als Versorgungsstation wahrgenommen, sagt Schöpflin. Ihm sei aber ein lebendiges Dorfleben wichtig gewesen. Er habe die Kommunikation untereinander fördern, ein besseres Miteinander erreichen wollen. Eine Kinderkommission und ein Kinderparlament seien im Lauf der Jahre eingeführt worden, auch einen Vertrauenserzieher gebe es mittlerweile. Zeitweise hätten rund 60 Kinder in zehn Familien zusammengelebt.

In den beiden nun bekannt gewordenen Fällen habe aber „offenbar ein System des Schweigens“ funktioniert. „Das hängt auch mit Fehlern von mir zusammen“, sagt Schöpflin. Denn offenbar habe sein zentrales Anliegen nicht überall funktioniert, nämlich Kinder durch Hinschauen auch vor Übergriffen zu schützen und Situationen von Überforderung und Hilflosigkeit entgegenzuwirken. „Das ist mir nicht gelungen, und das ist keine einfache Erkenntnis“, gibt er zu. Schöpflin sagt aber auch, dass es „zum Glück“ nur eine Minderheit der Dorfmütter gewesen sei, die sich falsch benommen hätten. Beide Mütter sind bereits seit Jahren nicht mehr für SOS tätig.

In seine Funktion als Einrichtungsleiter sei er auf Hinweise angewiesen gewesen. Aber weder sei er von Erwachsenen, etwa den Bereichsleitern, Mitarbeitern oder Fachdiensten, noch von den Kindern selbst informiert worden.

Auch jetzt bei der Aufarbeitung habe er mit einer Ausnahme keinen Kontakt zu den Beteiligten, er kenne die jungen Erwachsenen noch nicht einmal, sagt Schöpflin. „Wenn ich dazu beitragen kann, das Leid der Kinder zu verringern, verschließe ich mich dem aber nicht“, sagt er. Er habe überhaupt kein Problem damit, miteinandern zu reden. Vielleicht würde er dann unter Umständen sogar Antworten auf die Fragen bekommen, die ihn seit Ende vorigen Jahres beschäftigen, zum Beispiel, warum niemand über die Vorfälle gesprochen habe und was er selbst hätte anders machen können.

„Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst“, sagt Schöpflin. Allerdings habe er es sich während des Verfahrens selbst verboten, aktiv einzugreifen – zumal er den von SOS beauftragten Professor Keupp lange kenne und in höchsten Maßen schätze. „Ich bin dankbar dafür, dass er es schonungslos aufgedeckt hat.“

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